Der Schamane von Sutivan

Glosse10. September 2014, 17:52
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Diese Geschichte ist noch älter als die Alten Griechen. Und die haben sie auch schon gefühlte tausend Mal erzählt: die Geschichte vom Erben, der sein Erbe verspielt und die Familie in die Armut stürzt. Ich erzähle, was danach manchmal geschieht. Zumindest in Sutivan.

Beati pauperes spiritu

Vinkos Vater Domagoj stirbt verbittert in einem Greisenasyl. Weil Vinko die Augenklinik, das Optikergeschäft, mehrere Wohnungen in Split und das große, alte Haus der Familie und sämtliche dazugehörigen Olivenhaine und Weinfelder in Sutivan, versnifft, verzockt und anschließend Kredithaien in den Rachen wirft. Danach verschwindet Vinko für fast zwanzig Jahre aus Sutivan.

Anfangs weiß niemand, welches Schicksal Vinko mitnimmt und wo es ihn hinpflanzt. Manche munkeln, die Kredithaie hätten Vinko "von der Nacht fressen lassen". Dann, fünf Jahre nach seinem Verschwinden, lässt ein Stivanjanin, der Verwandte in Dubrovnik besucht, einen Anhalter in sein Auto. Es ist Vinko, nunmehr mit einem dichten, ergrauten Bart und langen Haaren, die zu einen Schwanz gebunden sind. Er trägt eine abgewetzte Tasche, darin einige Hefte, deren eines er ständig mit Notizen vollkritzelt. Abgewetzt und löcherig ist auch seine Kleidung, er ist verwahrlost und riecht unangenehm. In der Tasche sind noch mehrere Dutzend Kugelschreiber, etwas Brot und Parmesan und eine Handvoll Amulette mit katholischen Heiligen.

Vinko, so berichtet der Stivanjanin nach seiner Rückkehr, habe Gott gefunden. Oder wenigstens Jesus und alle Heiligen. Die er dann, aufgeklebt auf bunten Steinen und mit einer Schnur versehen, den Touristen in Dubrovnik verkauft.

Pilgers Rückkehr

In den folgenden Jahren gibt es immer öfter Sichtungen des Vinko. Er vagabundiert entlang der Magistrale, die Split mit Dubrovnik verbindet. Manche Stivanjani, die ihn beim Autostoppen auflesen oder in einem der Touristenkaffs an der Küste antreffen, kaufen aus Mitleid einige der Amulette. Andere die Vinkos Weg zufällig kreuzen, besaufen sich mit ihm und nennen das, was Vinko dabei von sich gibt, "durchgeknallte Scheiße". Von der sie sich jedoch im Rausch amüsieren lassen.

Sommer um Sommer werden Vinko und alle Heiligen in seiner Tasche von reisenden Stivanjani entlang der Magistrale immer näher an Split aufgelesen. Und eines Morgens, am Beginn des Sommers vor drei Jahren, wird Vinko von einem Stivanjanin auf der Straße von Supetar nach Sutivan mitgenommen. Zehn Minuten später sitzt Vinko nach siebzehn Jahren zum ersten Mal wieder im Café Giro und trinkt einen Espresso. Am Abend dann, nachdem er den ganzen Tag in Sutivan herumwandert, weil er seine längst verlorene, wohlige Jugend nicht finden kann, legt sich Vinko zum ersten Mal nach siebzehn Jahren, in Sutivan in unruhigen Schlaf in eine verfallene Bunja, die nur ein uralter, trocken gebauter Unterstand aus Stein, für die Hirten von Sutivan ist.

Diese Bunja, in der Vinko seitdem lebt, ist seit gut zwei Jahrhunderten hier im Wald aus Pinien und Zypressen, auf dem Hügel oberhalb von Sutivan, nicht weit von der Ortseinfahrt. Vielleicht ist sie sogar von einem der Hirten, die Vinkos Vorfahren sind, einst gebaut worden. Inzwischen hat er eine Matratze und einen Schlafsack. Das eingefallene Dach aus Steinplatten, stützt ein Balken, so das es nicht mehr hinein regnet. Im Winter ist es trotzdem feucht. Und kalt. Vinko hustet dann viel. Im Sommer trocknet er seine Wäsche auf einer Leine, gespannt zwischen zwei Zypressen, die vor der Bunja wachsen.

Offenbarungen im Quartformat

Egal in welcher Situation, Vinko kritzelt hektisch Notizen in eines seiner Hefte. Wer ihm anschließend länger als zwei Minuten zuhört, kann erfahren, das der Inhalt seine Ideen zu Filmen und Büchern sind, die noch entstehen müssen. Aber hauptsächlich seien in den Heften die zahlreichen Eingebungen, die Vinko von den Heiligen bekommt. Und die ihm am Ende das Geheimnis des Universums enthüllen werden.

In diesen drei Jahren wird Vinko zum lokalen Redikul, wie man hier Menschen nennt, die sich närrisch benehmen und am Rand oder außerhalb der Dorfgemeinschaft leben. Dieser Status hat Vorteile und Nachteile. Vinko verkauft seine Heiligensteinchen und Amulette ohne Standgebühr zu zahlen. Manchmal schnorrt er sich beim Palatschinkenstand durch und darf so "gedeckt" danebenstehend sein Kramuri an die Touristen bringen. Meistens jedoch ignoriert der Gemeindeordner und der Finanzreferent Vinkos Stand aus schlichtem Mitleid.

Der Nachteil, als Redikul zu gelten, ist dass es Vinko auch so ergehen kann, wie dem alten Frane, der ein Säufer war. Und das Redikul vor Vinko. Dem Frane spielen die garstigen unter den Stivanjani heftige und erniedrigende Streiche, bis er an Scham und Leberzhirrose stirbt. Doch Vinko trinkt nicht. Stattdessen beginnt er jeden und alles, bei jeder sich bietenden Gelegenheit zu segnen. Weil er inzwischen einige der Eingebungen aus seinen Heften versteht.

Und gesegnet sind, die da Ball spielen!

Dieses Jahr, am Tag der Heimatlichen Dankbarkeit, dem 5. August, organisiert die Gemeinde ein Mädchenfußballtournier. Vor dem Anpfiff stürmt Vinko auf das Spielfeld, baut einen Kreis aus Steinen, stellt einige Heilige hinein und singt ein wirres Gebet aus Heiligennamen und Segenswünschen an die Mädchen, das Spiel und Kroatien.

Die Gemeinderäte ignorieren Vinkos Invasion, weil sie gerade kurz genug ist, um nicht als Störung, sondern als der unvermeidliche Auftritt des Redikuls zu gelten. Wiewohl jedoch manche Stivanjani in Fremdscham den Blick senken oder den Kopf schütteln. Die alte Grozde und ihre Entourage aus Großmüttern sollen sogar halblaut geschimpft haben. Ihnen, so erzählt man einander beim Morgenkaffee in der Marina Bar oder in der Kavana Palma, sei Vinko als "Štregun" verdächtig. So nennt man hier, aus dem Italienischen "stregone" geworden, männliche Hexen und man spricht es "schtregun" aus.

Das Böse kann kritzeln

Nicht lange nach dem Feiertag, mitten auf der Riva, der Hafenpromenade, ergibt ein Wort das andere und Vinko belegt einen skeptischen Stivanjanin, der Vinko die Rolle des reuigen, frommen Sünders nicht glauben will, mit einem Fluch. Am selben Tag entdeckt die alte Grozde beim Spaziergang im „Park der Heimatlichen Dankbarkeit“ eigenartige Zeichen, die mit Kohle auf die Steinquader des kleinen Amphiteaters gekritzelt sind.

Nachdem die Grozde mit ihrem Handy den inneren Kreis ihrer Oma Gang im Park versammelt, begutachten die Tante Emica, die dicke, stets schnaufende Marica "Ölpresse" und die kettenrauchende Jerka „Rauchsignal“ die Kritzeleien. Blicke, über den Rand ihrer Brillen ausgetauscht und wissendes Nicken sind das lautlose Verdikt: Vinko ist mit dunklen Mächten im Bunde.

Anschließend begehren Grozde, Ölpresse und Rauchsignal in die Pfarrwohnung von Don Vicko eingelassen zu werden. Tante Emica bekommt am Nachmittag ihren Mann von der Dialyse zurück und lässt sich im zehn Minuten Takt via Handy vom Fortgang der Dinge berichten. Don Vicko, dem die spirituelle Ruhe seiner Gemeinde oberstes Gut ist, müht sich zum Park hinauf um die "Teufelsmale" zu begutachten. Anschließend verkündet er, Hexen und Hexer gebe es schon lange nicht, man habe sie ausgerottet. Die Kritzeleien stammen sicherlich von Dorfjugendlichen, wahrscheinlich sei sogar Alkohol und vorehelicher Sex im Spiel, was zwar sündig, aber nicht wirklich teuflisch sei. Um die Lage vollends zu beruhigen, spritzt Don Vicko noch Weihwasser auf die Steine und murmelt ein Vater Unser. Was ein großer Fehler ist.

... und führe uns nicht in Versuchung

Für Grozde, Ölpresse und Rauchsignal ist es nun amtlich: Don Vicko spendet Weihwasser und Gebet nicht aus Jux und Tollerei! Ausgerottet oder nicht, Vinko ist auf jeden Fall ein Štregun! Tante Emica erfährt es zehn Minuten später, via Handy. Die letzte Bestätigung sucht man dann gemeinsam im Haus der Marica Petraello, die mit 89 Jahren die älteste und erfahrenste von allen ist. Und die Oma Petraello gilt als Expertin, weil ihr als Kind von ihrer Großmutter aus erster Hand erzählt wurde, wie Großvater Karmen und einige mutige Stivanjani damals dem Vampir "dotur" (Doktor) Definis, in der Leichenkapelle Rosendornen unter die Fingernägel treiben, damit er nicht aufsteht und Sutivan heimsucht. Und auch die Petraello ist sicher: Vinko ist ein Štregun, Unheil droht!

Nun sind die Stivanjani in dieser Sache in mehrere Lager gespalten. Die Skeptiker, unter ihnen der Verfluchte, meinen, Vinko spiele nur das Redikulum. Andere sind pragmatisch weil dieser Sommer so regnerisch ist, dass Vinko nun auch im August hustet. Und wer zwei Sommer hustet, so weiß hier der Volksmund, wird die Sonne des dritten nicht sehen. Also sammeln diese braven Stivanjani Geldspenden, ganz ohne zutun des Pfarrers oder der frommen Oma Gang, um für Vinko einen kleinen, gebrauchten Wohnwagen zu kaufen. Die Gemeinderäte sagen zu, ein Stück Gemeindegrund für Vinkos Wohnwagen zur Verfügung zu stellen.

Doch da sind auch manche, die, leise aber verständlich, murmeln, das man eine Bunja aus Stein nicht anzünden kann. Aber einen Wohnwagen schon.

Nur der bußfertige Mann wird bestehen! ("Indiana Jones und der letzte Kreuzzug")

Das Einsammeln der Spenden übernimmt Vanja "citrić". So genannt, weil er einst Besitzer der Disco Citra ist, der ersten Diskothek auf ganz Brač, die Vanja schon in den 70ern wohlhabend macht. Und die im Kroatienkrieg trotz feilgebotener ukrainischer "Go-Go's" eingeht. Was aus Vanja einen bitterarmen Gemeindebediensteten macht, der für die Sauberhaltung des Gehsteigs verantwortlich ist. Vanja sammelt für Vinko, so meine ich, weil er weiß, wie schmerzhaft der Fall aus großer Höhe ist. Besonders in einem Fischerdorf, das hunderte weit aufgerissene Ohren, Augen und Mäuler hat.

Nun will Vanja eine Spende von mir. Und meine Meinung zu Vinko. So hört Vanja, wohl nicht zum ersten Mal, dass Vinko genau weiß, was er getan hat. "Er hat", so sage ich, "einen Riesenhaufen Scheiße gebaut, und nun läuft er vor dem Gestank davon!" Das meinen nicht wenige in Sutivan. "Was bleibt einem", so sagen sie, "der großen Reichtum verschleudert? Nichts, außer unser Mitleid! Das kann er haben! Den Hokuspokus soll er uns aber ersparen!"

Und Vanja "citrić" meint: "Was willst du machen? Redikul oder nicht, er ist einer von uns. Wir müssen ihm helfen ..." Ich gebe Vanja hundert Kuna für Vinkos Wohnwagen und unterschreibe auf der Liste, die er auf zwei Blatt Papier führt. Die Rubriken für Name, Betrag und Unterschrift sind unregelmäßig mit Lineal und Kugelschreiber gezogen. (Bogumil Balkansky, daStandard.at, 10.9.2014)

  • Vinko war 20 Jahre verschwunden - nach seiner Rückkehr hatte er Gott gefunden. Oder wenigstens Jesus und alle Heiligen.
    foto: ap photo/oded balilty

    Vinko war 20 Jahre verschwunden - nach seiner Rückkehr hatte er Gott gefunden. Oder wenigstens Jesus und alle Heiligen.

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