"Nur wenn Sexarbeit legal ist, kann ich existieren"

4. September 2014, 23:05
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In Frankreich kämpfen Prostituierte seit Jahren für mehr Rechte - auch mit Druck einer eigenen Gewerkschaft. Leyla, eine Sexarbeiterin aus Lille, ist für den Sommer nach Wien gekommen, weil sie sich hier sicherer fühlt

Wien - Beim ersten Treffen steht Leyla in einem roten Anzug, der sich wie ein Fischernetz über ihren Körper spannt, in der Küche des Erotikstudios. Hastig schlingt sie ihr Sushi herunter. Für ein Interview habe sie jetzt keine Zeit, sagt sie entschuldigend, der nächste Kunde komme in wenigen Minuten. Sie werde sich melden.

Ein paar Wochen später öffnet ihre Kollegin im Handtuch die Studiotüre. Leyla steckt kurz den Kopf aus dem Zimmer. "15 Minuten, okay?" Kurz darauf ist auf dem Sicherheitsbildschirm vom Eingangsbereich ein dicker Mann zu sehen, wie er sich durch den Regen davonstiehlt. Dann kommt Leyla in die Küche.

Fantasie von Paris

Sie bindet sich ein Tuch um die Hüften. "Wir können in meinem Zimmer reden." Eine Stunde haben wir, dann kommt der nächste Freier. Die 30-Jährige stammt aus Nordfrankreich, ihre Familie aus Marokko. Auf der Homepage des Bordells ist sie 23 und aus Paris. "Das ist für die Werbung. Den Männern gefällt die Vorstellung, dass sie Sex mit einer Pariserin haben", beginnt sie zu erzählen.

In Lille studiere sie Bibliothekswissenschaften, seit fünf Jahren arbeitet sie als Prostituierte. Die Frage, wie es dazu kam, empört sie. "Es ist nicht so, als würde man sich das aussuchen, wie andere sich etwa dazu entscheiden, Journalistin zu werden", schnaubt sie. "Manchen Menschen ist es nicht gestattet, ihren Weg zu wählen. Aber so ist das Leben."

Neben dem Studium jobbte sie als Kellnerin. Als das Restaurant zusperren musste, begann für Leyla die finanzielle Misere. Einige Freunde wissen von ihrer Arbeit - auch ihr Freund. Ihre Familie dürfe davon aber nichts erfahren.

Weil in Frankreich Prostitution in einer rechtlichen Grauzone stattfindet, habe sie sich dazu entschieden, im Sommer in Wien ihr Geld zu verdienen. "Es ist gefährlich geworden für uns Frauen. Wenn ein Freier gewalttätig wird und du zur Polizei gehst, kannst du nur hoffen, dass dir der Polizist nicht sagt, du bist selber schuld. Schließlich seist du ja eine Hure."

Lelya hat sich deshalb vor zwei Jahren der Gewerkschaft für Sexarbeit angeschlossen - "Le syndicat du travail sexuel", kurz Strass. Im Oktober organisieren sie zum Beispiel ein Camp in Budapest, wo Prostituierte lernen sollen, "mental zu kämpfen", wie es Leyla ausdrückt.

Der gesetzliche Kontext sei deshalb so wichtig, weil er den gesellschaftlichen Rahmen für Sexarbeit festlege. "In Frankreich existieren wir für die Regierung nicht. Und wenn du nicht existierst, hast du keine Rechte. Du bist unsichtbar - und alles, was mit dir passiert, auch."

Leyla ist eine quirlige, junge Frau. Sie lacht viel, blickt einem offen ins Gesicht. Wie manche Männer mit ihr umgegangen sind, habe sie richtig runtergezogen. Ein Kunde sei total ausgeflippt, als er von ihrem Freund erfahren hat.

"Warum nehmen sich Männer dieses Recht heraus? Sie selbst haben Ehefrauen und Freundinnen, aber wir Prostituierten dürfen in ihren Augen kein Privatleben haben? Das ist doch ungerecht", sagt sie. Überhaupt gebe es viele Stereotype und Klischees über Sexarbeiterinnen.

Leyla hat angefangen, ihre Kolleginnen zu interviewen. Welche Probleme sie in der Partnerschaft erleben, was es bedeutet, Kinder zu haben und als Sexarbeiterin zu arbeiten. Die Gespräche, die sie führt, werden in einer Radiosendung in Frankreich ausgestrahlt.

Männer und Macht

Im Hintergrund dieser Arbeit, als leiser Unterton nur, schwingt die Frage mit, welche Macht Männer über Frauen ausüben. Wie sie mit Gesetzen und Regelungen über ihre Existenz entscheiden. Wie manche Kunden und Polizisten die Frauen herabwürdigen. Wie das Recht auf den eigenen Körper infrage gestellt wird, weil sich jemand aus einer Notlage heraus für Sexarbeit entscheidet.

"Ich habe das Recht zu existieren", betont Leyla mit festem Blick. Sie hat die Beine übereinandergeschlagen, an der Tür klopft bereits der nächste Kunde. "Nur wenn Sexarbeit legal ist, kann ich existieren. Wenn es nicht verboten ist, was ich mache, muss man mich tolerieren - auch wenn jemand nicht damit einverstanden ist mit dem, was ich tue." (Julia Herrnböck, DER STANDARD, 5.9.2014)

  • Sich nicht zum Opfer abstempeln lassen, das ist eine der Kernbotschaften von Strass, der französischen Prostituierten-Gewerkschaft. Mehr Rechte bedeuteten auch mehr Sicherheit.
    foto: reuters/jacky naegelen

    Sich nicht zum Opfer abstempeln lassen, das ist eine der Kernbotschaften von Strass, der französischen Prostituierten-Gewerkschaft. Mehr Rechte bedeuteten auch mehr Sicherheit.

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