Die letzten Stunden eines Filmemachers und Freibeuters

4. September 2014, 17:31
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Bei den Filmfestspielen Venedig wird die letzte Tranche der Wettbewerbsbeiträge vorgestellt. Darunter Abel Ferraras heftig beklatschter "Pasolini" und das chinesische Drama "Red Amnesia", das von der Entfremdung der Generationen erzählt

Der zugige Saal im Kasino, in dem bei den Filmfestspielen die Pressekonferenzen stattfinden, ist überfüllt wie selten. Unter großem Beifall treten auf: Abel Ferrara, US-Regisseur mit italienischen Wurzeln und der hart erarbeiteten Reputation eines Enfant terrible, das heute hinter dunklen Sonnenbrillen steckt, sowie Mitglieder seines Teams.

Pasolini ist der schlichte Titel ihres Wettbewerbsfilms. Er ist einem radikalen Künstler und Denker des 20. Jahrhunderts gewidmet, dem 1922 in Bologna geborenen und 1975 in Ostia ermordeten Pier Paolo Pasolini. Ferrara verfolgt das Vorhaben bereits seit rund 20 Jahren.

Schlussendlich hat er mit Verbündeten wie seinem amerikanischen Hauptdarsteller Willem Dafoe, Pasolinis Leibschauspieler Ninetto Davoli, der mit ihm befreundeten Schauspielerin Adriana Asti oder dem Drehbuchautor Maurizio Braucci (Gomorrha) die letzten 24 Stunden Pasolinis rekonstruiert. Nicht im Sinn eines auf vordergründigen Realismus bauenden Biopics, sondern mehr als Skizze des Autors und Filmemachers aus Momentaufnahmen: häusliche Szenen - mit Mutter und Sekretärin -, Arbeitstermine, intellektuelle Positionierung, Cruising oder Visionen eines neuen Films.

Pasolini ist ein obskurer Film. Seine intensivsten Szenen sind aus nachtschwarzer Dunkelheit herausgearbeitet, einem abstrakten Raum, in dem Gesichter und Körper aufleuchten, B-Movie-artigen Autofahrten durchs nächtliche Rom. Auch die Referenzen auf Pasolinis Werk sind nicht immer gleich als solche kenntlich. So ist Ninetto Davoli im Film doppelt vertreten: einmal als junger Mann, verkörpert von Riccardo Scamarco, und einmal als Darsteller einer Figur aus Pasolinis letztem Drehbuch.

Die Szenen daraus, die Ferrara zum Film-im-Film umgestaltet, genauso wie die Visualisierung eines Textes gehören allerdings zu den schwächeren Momenten. Zumal Pasolini mit Originalszenen aus Salo - Die 120 Tage von Sodom beginnt, dem letzten Film, den Pasolini selbst fertigstellen konnte: Gegenüber den Erinnerungen an seine Filme, die diese Exzerpte wachrufen, wirken Ferraras Nachstellungen dann fast kitschig.

Kluft zwischen Generationen

Im Wettbewerb war Pasolini der vorvorletzte Neuzugang. Mit Red Amnesia von Wang Xiaoshuai wurde inzwischen immerhin auch eine Arbeit mit einer zentralen Protagonistin vorgestellt: Red Amnesia beginnt wie ein sozialrealistisches Familiendrama über die Entfremdung der Generationen in Peking heute, erzählt aus der Perspektive der Witwe Deng (Lü Zhong, die 1993 in Der blaue Drache ihr spätes Leinwanddebüt hatte): Deren erwachsene Söhne empfinden ihre Fürsorge als aufdringlich, auch ihre eigene greise Mutter, die in einem Pflegeheim lebt, beginnt ihre Zuwendungen zurückzuweisen.

Aber diesem Alltagsgeschehen nicht zuordenbare Kamerafahrten entlang leerer Backsteinbauten, kurze Einblicke in fremde Wohnungen oder das Auftauchen eines jungen Fremden verstärken beunruhigende Erinnerungen an eine Vergangenheit, der sich Frau Deng schließlich stellen wird. (Isabella Reicher, DER STANDARD, 5.9.2014)

  • US-Schauspieler Willem Dafoe als Pier Paolo Pasolini in Abel Ferraras Filmbiografie, die soeben bei den Filmfestspielen von Venedig Premiere hatte.
    foto: filmfestspiele venedig

    US-Schauspieler Willem Dafoe als Pier Paolo Pasolini in Abel Ferraras Filmbiografie, die soeben bei den Filmfestspielen von Venedig Premiere hatte.

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