Einsamkeit und Rechtfertigungsversuche von Expats

4. September 2014, 17:22
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Das Grazer Theater im Bahnhof reflektiert das Leben dreier Ausländerinnen in Sarajevo

Es war so, als müssten sich die Theaterbesucher wie Diebe durch die Hintertür einschleichen. Das Stück Mein Leben im Busch von Sarajevo, eine Produktion des Grazer Theater im Bahnhof fand nämlich im seit 2012 geschlossenen Landesmuseum in der bosnischen Hauptstadt Sarajevo statt.

Seit zwei Jahren können die bosnischen Bürger ihr wichtigstes Museum nicht besuchen, weil die laufenden Kosten nicht bezahlt werden können und weil man sich auf politischer Ebene nicht über eine gesamtstaatliche Finanzierung einigen kann. Einige Besucher nutzten deshalb die Möglichkeit, wenigstens vor Beginn des Spiels ein paar Blicke auf die Sammlungen von Käfern, Schmetterlingen und Eulen zu werfen, die ihnen sonst verwehrt bleiben. Nicht viel weniger traurig als das verschlossene Museum, in dem unter anderem die wunderschöne und wertvolle Haggadah liegt, aber nicht mehr bewundert werden kann, war auch das Stück.

Einsamkeit der Expats

Pia Hierzegger, Eva Hofer und Monika Klengel spielten drei unglückliche Ausländerinnen, die in Sarajevo leben - zwei von ihnen, Österreicherinnen, arbeiten bei einer österreichischen Bank und erzählen aus ihrem Alltag. Bei der Figur Wilma ist dieser vor allem dadurch geprägt, dass sie darunter leidet, keinen Sex zu haben und fürchterlich einsam zu sein. Einsamkeit ist tatsächlich für manche Expats ein Problem, obwohl gerade in Sarajevo die Ausländerfreundlichkeit groß ist.

Ihre Kollegin Brigitte, die zwischen Kapitalismuskritik, Rechtfertigungsversuchen an den Kreditverträgen ihrer Bank und Österreich-Hass schwankt, will sich am Ende auf einer Alm das Leben nehmen. Und Coleen, die ein ziemlich unsinniges "Hilfsprojekt" (von denen es in Bosnien-Herzegowina auch einige gab) umsetzen will, analysiert das hohe Ausmaß an Informalität, mit der man hier einen Installateur oder irgendetwas anderes organisiert. Alle drei Frauen wirken aber so, als wären sie in der bosnischen Gesellschaft nicht angekommen, obwohl sie singen, wenn Rusmir Piknjac so schön auf seinem Akkordeon spielt.

Ein guter Regieeinfall ist, dass die Akteurinnen mit "Selfies" posieren - man blättert sich sozusagen durch ein Fotoalbum, das als Spiegel der Beziehungen funktioniert. Hierzegger alias Coleen stellt sich so vor einen der Friedhöfe, die die Stadt so prägen. Bei Reflexionen von Balkanklischees oder Neokolonialismus wirken die drei aber wie Karikaturen. Viele Ausländer haben Sarajevo aber ohnedies längst verlassen. (Adelheid Wölfl, DER STANDARD, 5.9.2014)

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