Toto Wolff: "Fahrer sind eigene Spezies"

Interview4. September 2014, 16:29
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In Monza steigt das 13. von 19 Saisonrennen, Mercedes kann sich wohl wieder nur selbst schlagen. Motorsportchef Toto Wolff will das auf keinen Fall zulassen

STANDARD: Sie waren nach der Kollision von Spa aufgebracht, haben viel mit Lewis Hamilton und Nico Rosberg gesprochen. Was haben Sie den beiden gesagt?

Wolff: Dass die Marke über allem steht. Man darf nicht vergessen, dass Mercedes sehr lange auf solche Erfolge warten musste. Dahinter steckt ein großer Arbeitsaufwand, das müssen die Fahrer begreifen und respektieren. Das fordern wir ein und normalerweise handeln sie auch dementsprechend. In Spa ist die Situation entglitten, das war schlicht und einfach inakzeptabel.

STANDARD: Wie hat das Team die Vorfälle aufgenommen?

Wolff: Es ist frustrierend, wenn durch einen unnötigen Unfall der mögliche Sieg weggeworfen wird. Wir hatten für Spa Arbeiten vorgezogen und Teile am Auto, die eigentlich erst für September geplant waren. Wir hatten auch die Bremsprobleme von Hamilton rechtzeitig in den Griff bekommen. Das alles war nur möglich, weil Menschen rund um die Uhr gearbeitet und ihre Wochenenden geopfert haben. Wir mussten also beiden Piloten noch einmal das Konzept des großen Ganzen erklären. Das haben sie angenommen und verstanden.

STANDARD: Aber werden es die Fahrer bei Tempo 350 in Monza auch beherzigen?

Wolff: Ist das Visier runter geklappt, stehen die eigenen Ziele an oberster Stelle. Die Fahrer sind eine eigene Spezies, ambitionierte Charaktere. Das sollen sie auch sein. Aber sie dürfen ihr Gehirn nicht an der Box vergessen. Selbst in der Hitze des Gefechts muss man an jene denken, die einem am Sonntag das bestmögliche Auto hinstellen.

STANDARD: Der Vorsprung auf Daniel Ricciardo im Red Bull ist zwar noch komfortabel, bei sieben ausstehenden Rennen aber nicht uneinholbar. Kann das als Warnzeichen sogar von Vorteil sein?

Wolff: Ich würde den Hauch von Red Bull lieber nicht im Nacken spüren. Rosberg ist jetzt 64 Punkte vor Ricciardo, alleine im letzten Rennen erhält der Sieger fünfzig Punkte. Bernie Ecclestone will es bis zum Schluss spannend halten. Aber wir wollen es nicht auf Abu Dhabi ankommen lassen. Man weiß, was in einem Grand Prix alles passieren kann. Ein unglücklicher Rennverlauf und die Meisterschaft ist verloren.

STANDARD: Ein kaum vorstellbares Szenario.

Wolff: Dann hätten wir in einer Saison, in der wir die Messlatte waren, alles weggeschmissen. Aber das wird nicht passieren, denn in puncto Performance konnten wir den Vorsprung über den Sommer halten. Davon gehe ich zumindest aus, in Monza wird man es hoffentlich sehen.

STANDARD: Auf eine Stallorder will Mercedes verzichten. Wäre das nicht die logische Folge der Ereignisse?

Wolff: Wir wollen der Marke Gutes tun, in dem wir die beiden gegeneinander fahren lassen und nicht in die Weltmeisterschaft eingreifen. Auch im Sinne des Sports. Und wir glauben weiterhin, dass dies funktionieren kann. Die Fahrer sind seit dem Kart auf sich selbst fokussiert. Das ist in diesem Sport eine Überlebensnotwendigkeit, diese Eigenschaft wollen wir nicht brechen.

STANDARD: Würde eine klare Nummer 1 im Team nicht zum sicheren Weltmeistertitel führen?

Wolff: Mag sein. Für einen Hersteller wie Mercedes ist aber auch die Wertung der Konstrukteure eine Verpflichtung. Deshalb haben wir uns bewusst für zwei Topfahrer entschieden. Wir wollen keinen Piloten als Nebendarsteller, die Fahrer sind unsere stärksten Markenbotschafter.

STANDARD: Wie würden Sie Hamilton und Rosberg charakterisieren?

Wolff: Nico ist ein sehr genauer Analytiker, der alles seiner Arbeit unterordnet. Sein ganzes Umfeld ist auf den Motorsport ausgerichtet. Er entspannt sich zu Hause auf dem Fahrrad. Lewis würde eher ein paar Tage in Los Angeles abtauchen. Er braucht seine Freiheiten, agiert mehr nach Instinkt. Im Rennen entwickelt er eine unglaubliche Kraft. Jeder geht auf seine Art an die Sache heran, am Ende fahren sie aber dieselben Rundenzeiten.

STANDARD: Wie geht das Team mit den unterschiedlichen Persönlichkeiten um?

Wolff: Wir müssen die jeweiligen Ansätze begreifen. Das Team muss es den Fahrern ermöglichen, perfekt zu funktionieren. Mit beiden findet ein ständiger Austausch statt. Gibt es Konflikte, muss man als Teamchef alle Mittel ausschöpfen, von der Mediation bis zum strengeren Ton.

STANDARD: Besteht die Gefahr, sich als Teamchef auf eine Seite zu schlagen?

Wolff: Nein, ich wollte auch nach Spa nicht mit dem Finger auf Nico zeigen, es geht immer um unsere Gesamtsituation. Wir besprechen nach jedem Grand Prix, wie sich die Marke über das Wochenende entwickelt hat. Nicht nur jene von Mercedes, sondern auch jene der beiden Piloten. Das ist eine gute Übung, ein neutraler Experte hält uns einen Spiegel vor und teilt uns seine Einschätzung von außen mit.

STANDARD: Gibt es bei Ihrer bisher erfolgreichen Strategie auch Anlass zur Skepsis?

Wolff: Bei allen großen Teams mit zwei Alphatieren hat es irgendwann in Tränen geendet. Dann musste sich das Team für einen Fahrer entscheiden, so war es bei Lauda und Prost, so war es später bei Senna und Prost. Wir wollen weiterhin mit Rosberg und Hamilton arbeiten, wir halten es für machbar. Aber vielleicht ist die Erkenntnis nach dieser Saison auch, dass es schwierig ist, zwei Topfahrer gleichzeitig zu managen. Man wird sehen. (Philip Bauer, DER STANDARD, 5.9.2014)

Toto Wolff ist Motorsportchef bei Mercedes.

  • Wolff: "Die Fahrer dürfen ihr Gehirn nicht an der Box vergessen."
    foto: apa/epa/buettner

    Wolff: "Die Fahrer dürfen ihr Gehirn nicht an der Box vergessen."

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