Horx: Journalisten verlieren ihr Monopol als Nachrichtenexperten 

4. September 2014, 13:26
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Analyse im Auftrag der Telekom Austria zum Medienwandel - Ametsreiter: Digitalisierung erst bei drei Prozent

Wien - 1996 nutzten gerade einmal vier Prozent das Internet regelmäßig, heute sind es schon 75 Prozent. Bei den 14- bis 19-Jährigen sind bereits 100 Prozent "on". Die "digitale Revolution" sei unaufhaltbar, sagt Telekom-Austria-Generaldirektor Hannes Ametsreiter, auch wenn er den "Digitalisierungsgrad" erst bei drei Prozent sieht.

In "fünf bis zehn Jahren" werde jedes TV-Gerät über Breitband mit dem Internet verbunden sein, prognostizierte er am Donnerstag bei einem Pressegespräch anlässlich einer Studie, die das Zukunftsinstitut im Auftrag der Telekom Austria durchgeführt hat. Anlass für die Untersuchung ist der "future.talk" am 23. September mit "Huffington Post"-Gründerin Arianna Huffington.

Kampf um "Aufmerksamkeit der User"

Was die Digitalisierung für Medien bedeutet, versuchte Trendforscher Matthias Horx zu skizzieren. Medien befänden sich in einer "evolutionären Schlangengrube". Marken von heute müssten sich entscheiden, ob sie als Diffusionsmedien schnelle Unterhaltung bringen wollen, oder als Fokusmedien mehr auf Tiefe abzielen. Also: Buzzfeed versus "Zeit". Im Zentrum stehe der Kampf um die "Aufmerksamkeit der User", sie sei die zentrale Ressource der Zukunft.

Im Kern bestehen bleibe aber "die Geschichte", die sich zusehends auf verschiedenen Plattformen unterschiedlich erzählen lasse. "Medieninhalte werden flüssig", betonte Horx. So sind es zunehmend nicht mehr einzelne Big-Player in den Märkten, sondern mehrere Angebote, die von den Nutzern zu denselben Themen abgerufen werden. Gleichzeitig greifen diese in den Erzählfluss ein - Stichwort User-Generated Content.

Journalisten als Kuratoren

Vor diesem Hintergrund werden Journalisten zu Kuratoren, die Nachrichten aufbereiten, so Horx. Medien verlieren die Deutungshoheit und Journalisten ihr Monopol als Experten für Nachrichten. Während bei den meisten Printmedien die Auflagen zurückgehen, werde es auch in den kommenden Jahren "Inselmedien" wie die deutsche "Zeit" geben, glaubt Horx. Die deutsche Wochenzeitung legt an Reichweite zu. Probleme würden Tageszeitungen bekommen. In Deutschland greifen nur mehr 34,5 Prozent der 14- bis 19-Jährigen zur Zeitung.

Als Gründe für den Medienwandel sieht er nicht nur ökonomische Faktoren und das Aufkommen der "Neuen Medien", sondern ganz allgemein den Trend zur Individualisierung, der die Gesellschaft erfasst. Leser würden zu aktiven Konsumenten, die gezielt relevante Informationen ansteuern und sich nicht von Massenmedien berieseln lassen möchten. Multiscreening stehe an der Tagesordnung: "Die Grenzen zwischen den Mediengattungen verschwimmen."

Was aber schon jetzt trotz ständigen "On-Seins" zum Trend wird, sei die Sehnsucht, sich Oasen der Ruhe zu verschaffen. Der Wunsch nach "Abschalten" und Aussteigen aus dem medialen Takt werde weiter an Bedeutung gewinnen. (red, APA, 4.9.2014)

Hinweis:

"future.talk" der Telekom Austria mit Arianna Huffington am 23. September, ab 19 Uhr im Atelierhaus der bildenden Künste, Lehargasse 6-8, 1060 Wien; weitere Informationen unter www.futuretalk.com

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