Wohnen ist für mich da, wo ich nicht hingehöre

8. September 2014, 09:35
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Schriftsteller Martin Leidenfrost lebt in Devínska Nová Ves in der Slowakei. Seinen Plattenbau findet er erotisch, seine Liebe zu fremden osteuropäischen Ländern unendlich

Der österreichische Schriftsteller Martin Leidenfrost lebt in Devínska Nová Ves in der Slowakei. Seinen Plattenbau findet er erotisch, seine Liebe zu fremden osteuropäischen Ländern unendlich. Wojciech Czaja besuchte ihn.

"Ich habe früher in Wien gelebt, bin wahrscheinlich an die 10 bis 15 Mal umgezogen, und dann, so beim 11. bis 16. Mal wollte ich einfach nicht mehr. Also habe ich beschlossen, Wien zu verlassen und in den postsozialistischen, slawischen Raum zu ziehen. Nachdem ich die Nähe zu Wien jedoch nicht ganz aufgeben wollte, habe ich mir jenen Ort ausgesucht, der sowohl geografisch als auch verkehrstechnisch Wien am nächsten liegt. Die Wahl fiel auf Devínska Nová Ves. Das ist eine Kleinstadt mit 20.000 Einwohnern direkt an der March, rund 15 Kilometer von Bratislava entfernt.

foto: lisi specht
Martin Leidenfrost, österreichischer Schriftsteller mit Wohnsitz in der Slowakei, investiert statt in die Plattenbau-Wohnung lieber in seine Bildung. (Bildansicht durch Klick vergrößern)

Die Slowakei an sich ist jetzt nicht mein absoluter Favorit. Das ist eher so ein Nicht-Fisch-Nicht-Fleisch-Land ist, was die Slowaken übrigens gar nicht gerne hören, obwohl sie insgeheim wissen, dass es genauso ist. Aber dafür bin ich ein Fan von Devínska Nová Ves. Das ist eine Plattenbau-Siedlung, die jüngste und letzte ihrer Art, 1988 errichtet, also kurz, bevor der Kommunismus zusammengekracht ist. In genau so einem Plattenbau bin ich daheim. Dazu muss man wissen, dass ich Plattenbauten in gewisser Weise – das ist eine lange Geschichte – erotisch finde. Schau dir mal diese Platte da vis-à-vis an! Ist das nicht geil?

Meine Wohnung hat 78 Quadratmeter und ich zahle 480 Euro Warmmiete. Die Vermieter sind heilfroh, dass sie mich haben. Die Slowaken mieten nämlich nicht gerne, sie sind klassische Eigentümer. Als Mieter ist man in der Slowakei Abschaum. Das ist eine Notlösung, und man will so schnell wie möglich wieder raus. Ich will nicht raus. Ich will bleiben. Vorerst noch.

Ich gebe zu: Ich habe kein Händchen fürs Wohnen, und ich weiß auch nicht, was das ist. Das ist mir zu abstrakt. Ich nutze einfach das Vorgefundene. Da bin ich nicht wählerisch. Aber auf der Wohnzimmertüre klebt ein Cover der rumänischen Zeitschrift Dilema Veche, und da ist ein wunderschönes Cicero-Zitat zu lesen: ‚Hast du einen Garten und eine Bibliothek, so hast du schon alles, was du brauchst.‘

Ob ich Cicero schon gerecht werde? Die Bücher werden immer mehr und mehr, und was die Zimmerpflanzen betrifft, so entstammen diese alle einer Urpflanze, die ich von meiner ehemaligen äthiopischen Mitbewohnerin übernommen habe. Eine Zeit lang grundelte das Grün so vor sich hin, doch seitdem ich ein bisschen Weihwasser aus Częstochowa in den Blumentopf geschüttet habe, ist das Wuchern nicht mehr aufzuhalten. Ich hatte sogar schon mal eine Fledermaus zu Besuch. Sie hat ein paar Tage bei mir gewohnt.

Lieber als in die Wohnung investiere ich mein Geld in meine Bildung. Ich möchte klüger werden. Ich möchte ein guter Europäer werden. Das meiste Geld fließt ins Benzin und in Kaschemmen. Da lernt man Menschen kennen, da ist das Leben. Heute, 25 Jahre nach der Wende, kann ich mir das Leben nach eigenen Wünschen eigentlich ganz gut erschließen. Manche Grenzen sind offener als damals, andere sind dafür wieder zugegangen.

Wenn ich nicht aus Wien rausgezogen wäre, wenn ich nicht diesen Schritt gewagt hätte, dann wäre ich vielleicht Reisejournalist geworden. Doch nun bin ich Schriftsteller und habe verstanden, dass die eigentliche Reise das Leben ist. Wohnen, das ist für mich da, wo ich nicht zu Hause bin, wo ich nicht hingehöre. Als nächstes möchte ich nach Chișinău in Moldawien. Da wird Russisch und Rumänisch gleichzeitig gesprochen. Da ist es schön. Das ist mein Traum." (DER STANDARD, 6.9.2014)

Martin Leidenfrost, geboren 1972, ist in Niederösterreich aufgewachsen. Er besuchte eine Klosterschule und studierte Film und Slawistik in Wien und Babelsberg. Er wohnte in Wien, Berlin, Kiew und Brüssel, ehe er 2004 nach Devínska Nová Ves, Slowakei, zog. Zu seinen Büchern zählen "Die Welt hinter Wien: Fünfzig Expeditionen" (Picus, 2008), "Die Tote im Fluss" (Residenz, 2009) und "Brüssel zartherb" (Picus, 2010). Außerdem schreibt er in diversen Zeitungen im deutschsprachigen Raum und in der Slowakei regelmäßig über Europa.

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leidenfrost.net

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