Organisierter Wettlauf um Patienten

4. September 2014, 12:09
7 Postings

In den Rettungsleitstellen laufen alle Fäden zusammen. Eine Vielzahl von Diensten kooperiert im Notfall

Wien - In der Leitstelle der Wiener Berufsrettung laufen alle Fäden zusammen: Wer 144 wählt, landet hier. Es ist überraschend ruhig in dem Raum, der wie eine Mischung aus einem Callcenter und einer Kontrollstation für Raumschiffe aussieht. Große Bildschirme zeigen die Lage auf den Autobahnen und Straßen Wiens an. Laufende Einsätze, Stadtpläne und freie Spitals- und Intensivbetten erscheinen auf den Monitoren.

In beruhigendem Tonfall nehmen die speziell ausgebildeten Sanitäter die Notrufe entgegen und erfragen nach einem standardisierten Protokoll die wichtigsten Daten. Der Computer spuckt umgehend den entsprechenden Einsatzcode aus, der an den zuständigen Rettungswagen geht. Die Zeiten, in denen verschiedene Rettungsorganisationen einen Wettlauf um die Patienten veranstalteten (wie in der Wolf Haas-Verfilmung Komm, süßer Tod), seien längst vorbei, sagt Ronald Packert, Sprecher der Wiener Rettung. Ein GPS-gesteuertes System schlägt den nächstgelegenen Wagen vor, der zum Einsatzort eilt.

Rund 300.000 Notrufe gehen jedes Jahr in der Wiener Leitstelle ein, davon wird etwas mehr als die Hälfte - hauptsächlich die Notfälle mit hoher Priorität - von der Berufsrettung der Stadt Wien selbst erledigt, die neben der Zentrale über zwölf weitere Stationen verfügt. Der Rest wird an Partnerorganisationen vergeben: Rotes Kreuz, Arbeitersamariterbund, Johanniter, Malteser, Grünes Kreuz und Sozialmedizinischer Dienst. Bei Großeinsätzen können auch Krankentransportfahrzeuge mit einbezogen werden.

Wenige Frauen im Dienst

Innerhalb von acht bis zwölf Minuten ist ein Rettungswagen am Einsatzort, heißt es vonseiten der Wiener Rettung. Die Notfälle sind nach fünf Kategorien geordnet, nur bei den zwei obersten Prioritäten, die dezidiert lebensbedrohlich sind, wird auch ein Notarzt gerufen. Wobei es zu wenige Notärzte gibt - eine Folge des generellen Ärztemangels. Bedarf besteht auch an Frauen im Rettungsdienst. Bei der Wiener Rettung sind nur 18 von rund 650 Sanitätern weiblich. "Wir suchen aktiv nach weiblichem Nachwuchs", ruft Packert Frauen auf.

Wien ist das einzige Bundesland, in dem die Rettung direkt von der Gemeinde betrieben wird. Außerhalb der Bundeshauptstadt dominiert das Rote Kreuz, das laut eigenen Angaben in 95 Prozent der Notfälle zur Stelle ist. Je nach Bundesland werden die Einsätze von einer eigenen Leitstelle oder von integrierten Leitstellen mehrerer Organisationen koordiniert.

Im Gegensatz zur Wiener Berufsrettung sind alle anderen Rettungsdienste in einem hohen Ausmaß auf die Hilfe von Freiwilligen angewiesen. Beim Roten Kreuz etwa machen sie die Hälfte der Mitarbeiter aus, zirka ein Viertel sind hauptberuflich tätig, ein weiteres Viertel sind Zivildiener, schildert Gerry Foitik, der als Bundesrettungskommandant an der Spitze des Roten Kreuzes steht. Doch die Ausbildung ist für alle gleich, betont Foitik. Es können mehrere Stufen absolviert werden, vom Rettungshelfer bis zum Notfallsanitäter mit allen Kompetenzen. Dazu gehören das Intubieren, das Legen von Venenzugängen und auch das Verabreichen von Infusionen, wenn es die Situation erfordert. (kri, DER STANDARD, 2.9.2014)

  • Erste Maßnahmen werden im Rettungswagen getroffen.
    foto: corn

    Erste Maßnahmen werden im Rettungswagen getroffen.

Share if you care.