Deutschland bleibt eh trotzdem Weltmeister

Ansichtssache3. September 2014, 22:39
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52 Tage zu spät: Argentinien klopft Deutschland vor Düsseldorfer Publikum ein bisschen aus den Wolken und braucht dazu nicht einmal Lionel Messi. Egal

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Deutschland hat - man merkt es an dezenten Hinweisen - im Sommer die Weltmeisterschaft in Brasilien gewonnen. Gegner im Finale wie auch am Mittwoch im schon vor dem Titelgewinn vereinbarten Freundschaftsspiel war Argentinien. Vom deutschen Siegeswillen, wie im Maracana-Stadion demonstriert, war allerdings diesmal nichts zu spüren. Der Weltmeister ließ sich vor mehr als 51.000 Zuschauern in der zehn Jahre davor eröffneten einstigen WM-Spielstätte namens "Esprit Arena" von seinem Vize den Schnittlauch vom Butterbrot stibitzen. Man unterlag 2:4 (0:2).

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Vor dem Spiel verabschiedete der DFB verdiente Akteure. Von links nach rechts hatten Ex-Innenverteidiger Per Mertesacker, Ex-Co-Trainer und Neo-DFB-Sportdirektor Hans-Dieter Flick, Ex-Stürmer Miroslav Klose und Ex-Kapitän Philipp Lahm nach dem Triumph bekanntlich ihren Teamrücktritt erklärt. Das war dem Publikum so manchen Klatscher wert, bevor es die erste Niederlage seit 18 Spielen zu verkraften gab.

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Erfolgstrainer Joachim Löw sieht seine Mission auch nach dem ultimativen Erfolg noch nicht beendet und steht weiter an der Seitenlinie. Neo-Kapitän Bastian Schweinsteiger, Shkodran Mustafi, Mesut Özil, Jerome Boateng und Sami Khedira fehlten in seinem Kader diesmal.

Die Bank neben ihm hat Widersacher Gerardo Martino hingegen gegen seinen bisherigen Trainerstuhl in Barcelona getauscht. Er soll Vizeweltmeister Argentinien künftig coachen, quasi die Gauchos das Gehen lehren.

Sein Schützling dort wie da war und ist an sich Superstar und ausgezeichneter "Spieler der WM" Lionel Messi. Der aber fehlte im Testspiel in Düsseldorf im Aufgebot der Albiceleste verletzungsbedingt.

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Der Glanz von "La Pulga" mag gefehlt haben, wäre aber an diesem Tag ohnehin vergebens gewesen. Die deutschen Fans folgten schließlich dem neuen Stern am Trikot ins Stadion.

Die BRD-Elf nutzte die Chance, um ihnen den nigelnagelneuen vierten Stern am Trikot vorzuführen. Ein Stern ist in diesem Fall ein zweidimensionales Objekt mit fünf Ecken, und jeder davon auf einem Nationalteamtrikot drückt, falls jemand es noch nicht gehört hat, den Gewinn einer Weltmeisterschaft aus.

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Gespielt wurde auch

So ganz ernst nahm dieses Spiel rein sportlich wohl niemand. Außer elf Spieler aus Argentinien. Sergio Agüero brachte die Gäste nach 21 Minuten folgerichtig in Führung. Ein kollektiver Tiefschlaf in der deutschen Abwehr ließ zu, dass der Ex-Schwiegersohn von Diego Maradona aus vier Metern einschoss. Manuel Neuer hatte ohne eigene Schuld in seinem ersten Spiel als Kapitän schon vor der ersten Parade ein Gegentor kassiert.

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Die Argentinier agierten insgesamt schnörkelloser und zielstrebiger. Der starke Angel di Maria war es dann, der kurz vor der Pause auch das zweite Tor mustergültig für Erik Lamela (40.) vorbereitete. Das 0:3 gleich nach der Pause bereitete wieder der für das WM-Finale einst nicht fitte di Maria per Flanke vor. Federico Fernandez (46.) köpfelte ein. Drei Minuten später machte er das 0:4 mit einem Lupfer über den eingewechselten Zweierkeeper Roman Weidenfeller selbst.

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Ein Anflug von Stolz und Kampfgeist schoss in die hängenden Köpfe der Weltmeister. Im Gegenstoß sorgte Andre Schürrles Stolpertor zum 1:4 für etwas Erleichterung im ansatzweise konsternierten Stadion. Eine Viertelstunde vor Schluss durfte auch Goldjunge Mario Götze den Score verschönern. Die Wirkung hätte freilich nicht unterschiedlicher sein können als 52 Tage davor im Maracana.

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Denn zusammenfassend kann man die sportliche Bedeutungslosigkeit der Angelegenheit in Düsseldorf gar nicht genug betonen. Auch wenn Deutschland laut Nichtweltmeister Marco Reus "das Spiel unbedingt gewinnen" wollte. Dem Champion wurde, sagen wir mal, so leise wie möglich ein Märschchen geblasen. Stern und Stolz darf und wird er trotzdem behalten.

Am Sonntag geht es in die EM-Qualifikation gegen Schottland.

Schottland ist nicht Argentinien.

Argentinien ist immerhin Weltmeisterbesieger. (red, derStandard.at, 3.9.2014)

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