Immer auf die Raucher

Kommentar der anderen3. September 2014, 17:43
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Als nützlicher Feind der Politik leistet der Raucher einen Beitrag zur Volksgesundheit: Denn an ihm können sich die Moralisierer abarbeiten. Polemik eines Genießers, der sich das Mittel zum ungesunden Leben selbst aussuchen will

Was ist das für eine Gesundheitspolitik, die kein anderes Problem hat, als tradierte kulturelle Praktiken zur Zielscheibe ihres Verbotswillens zu machen. Ich will als Raucher nicht zum nützlichen Feind einer Politik werden, die von ihrer Unwilligkeit, sich mit wirklich mächtigen, Gesundheitsschäden produzierenden Interessen anzulegen, ablenkt, indem sie die Raucher mit Verboten aus dem öffentlichen Raum vertreibt. Ja, ich rauche (soweit zum Argument ad personam), ja, Rauchen ist schädlich und das ist belegt, und ja, den Drittschaden gibt es auch.

Aber all das unterscheidet das Rauchen nicht von einer Vielzahl anderer Substanzen, Zustände und Praktiken. Warum die Raucher? Warum nicht die Hausärzte im Verbund mit der Pharmaindustrie, die großflächig eine versteckte Medikamentenabhängigkeit durch verantwortungslose Verschreibung von Beruhigungsmitteln fördern? Warum nicht die Autoindustrie und die Freie-Fahrt-für-freie-Bürger-Fraktion, die durch den Verkauf und die Nutzung von unzeitgemäßen Fortbewegungsmitteln mit Verbrennungsmotoren mindestens so viel giftige Stoffe in die von allen geatmete Luft entlassen wie die Raucher im Beisel ums Eck?

Warum nicht die Fleischproduzenten, die uns am Ende der Nahrungskette mit Breitbandantibiotika in ihrem Fleisch aus Massentierhaltung schleichend vergiften? Warum nicht die Zustände in unseren Kliniken, wo die Klientel der gemeinen Kassenpatienten von überarbeiteten, schlecht bezahlten Ärzten in schlecht organisierten Krankenhäusern mehr oder weniger großen Risiken ausgesetzt ist, während sich eine kleine Gruppe von Primarien goldene Nasen verdient?

Die Liste ließe sich verlängern - mit der Glücksspielmafia, der Getränkeindustrie, den Fastfoodketten - alles Schädlinge der Volksgesundheit! Für alle Beispiele liegen wissenschaftliche Ergebnisse vor, die den vielzitierten Rauchen-ist-schädlich-Untersuchungen in nichts nachstehen.

Simuliertes Engagement

Aber die Raucher! Da lässt sich's gut moralisieren. Die Raucher liefern die Antwort auf die Frage: Wen darf ich legitimerweise hassen? Auf den Raucher kann man mit dem Finger zeigen. Im Prinzip geht das auch mit den Kinderschändern - nur davon laufen zu wenige frei erkennbar herum. Die soziale, psychische und politische Funktion der Raucher besteht darin, dass sie es einer vermeintlichen Mehrheit erlaubt, sich gut zu fühlen, Engagement zu simulieren und einen diffusen Ärger abzulassen, der sonst kein Ventil findet. - So gesehen leistet der rauchende Teil der Menschheit auf Umwegen auch einen Beitrag zum sozialen Frieden und zur Volksgesundheit.

Warum soll sich einer nicht in eine Bar an den Tresen stellen und durch gezielte Gabe von Nervengiften wie Alkohol und Nikotin den freien Abend verschönern dürfen? Man muss gar nicht die Historiker und Anthropologen bemühen, um den Tabakgenuss als kulturell sanktionierten Genuss zu rechtfertigen. Lasst uns doch bitte in Ruhe mit euren fadenscheinigen Sorgen um unsere Gesundheit. Jede Kostenrechnung über die Folgen des Rauchens lässt sich sofort mit Gegenbeispielen von anderen Kollektivschäden aushebeln.

Zum Halali Blasen

Warum kann man nicht eine liberale Haltung pflegen, die für die Freiheit eintritt, sich Mittel und Wege des ungesunden Lebens selbst auszusuchen? Man mag es meinetwegen Konsumentensouveränität nennen, aber im Angesicht solcher Kampagnen, wie sie die frisch angelobte Gesundheitsministerin propagiert, möchte man fast zum Neoliberalen werden - lasst den Markt entscheiden! Die Frage, was kann, was soll, was darf Gesundheitspolitik heute, wäre ein wichtiges Thema für eine gesellschaftliche Diskussion, aber zum Halali auf die Raucher zu blasen reicht nicht. (Reinhard Kreissl, DER STANDARD, 4.9.2014)

Reinhard Kreissl ist wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Rechts- und Kriminalsoziologie in Wien. Und Raucher.

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