"Kommen um Kräftemessen mit Moskau nicht umhin"

Interview4. September 2014, 11:05
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Hubert Védrine empfiehlt den Europäern, Wladimir Putin mit mehr Selbstbewusstsein entgegenzutreten

STANDARD: Was halten Sie von den aktuellen Meldungen einer Waffenruhe in der Ostukraine?

Védrine: Nicht sehr viel, betrachtet man es längerfristig ...

STANDARD: Herrscht denn in Europa wieder Krieg? Wie kam es dazu?

Védrine: Der Ausdruck ist überzogen. Derzeit würde ich eher von Zusammenstößen reden - eine Folge des russischen Nationalismus, aber auch der Irrtümer und Schwächen Europas und der USA seit dem Ende der Sowjetunion. Die westliche Politik gegenüber Moskau war seither nicht sehr intelligent, sondern von Arroganz und Verachtung gezeichnet, statt eine richtige Partnerschaft anzubieten. Wladimir Putin ist stark darin, die Schwächen anderer auszunützen.

STANDARD: Was soll der Westen tun?

Védrine: Europa muss sich Putin gegenüber abschreckend verhalten und ihm zugleich einen ehrenwerten Ausweg bieten. Sanktionen bringen in den wenigsten Fällen etwas, und Putin könnte auch Gegenmaßnahmen ergreifen.

STANDARD: Was meinen Sie denn mit "Abschreckung"?

Védrine: Ich habe den Eindruck, dass Putin unter anderem von der orthodoxen Kirche und anderen Nationalisten in einer Entwicklung überrollt wird, die er selber ins Rollen gebracht hat - ein wenig wie Benjamin Netanjahu in Israel gegenüber den Siedlern. Um Putin zu stoppen, ist eine internationale militärische Präsenz in der Ostukraine nötig. Das muss aber Teil eines politischen Deals sein, den Europa mit Barack Obama und Putin schließen muss und der es den Russen erlaubt, das Gesicht zu wahren. Auch muss Kiew gezwungen werden, dem Osten eine echt föderale Lösung anzubieten.

STANDARD: Ein Militäreinsatz birgt aber gewisse Gefahren...

Védrine: Wir kommen um ein Kräftemessen mit Moskau nicht umhin. Es kann aber nur Teil einer politischen Lösung sein; es darf erst aktiviert werden, wenn eine diplomatische Lösung scheitert.

STANDARD: Sehen Sie eine Rolle für Frankreich beim Nato-Gipfel?

Védrine: Wir müssen eine Lösung außerhalb der Nato anstreben. Der Bündnisfall greift im Fall der Ukraine nicht; und ich denke, dass Kiew auch nicht aufgenommen werden sollte. Natürlich wird die Nato den Ton verschärfen. Für wichtiger halte ich es aber, dass die wichtigsten westlichen Staaten politisch aktiver werden. Das Weimarer Dreieck - Deutschland, Polen und Frankreich - muss in Aktion treten. Die Europäer müssen aufwachen und einsehen, dass es an unserer Ostgrenze auch mehr als zwanzig Jahre nach dem Ende der Sowjetunion immer noch ein Kräftemessen gibt.

STANDARD: Das aktuelle Gedenken an den Beginn des Ersten wie auch des Zweiten Weltkrieges schürt Ängste vor solchen Fronten...

Védrine: Solche historischen Vergleiche sind nicht berechtigt. Vor dem Ersten Weltkrieg standen sich diverse Nationalismen gegenüber, die Entscheidungen lagen bei den Militärs. Der Zweite Weltkrieg unterscheidet sich von heute allein schon durch Figuren wie Hitler oder Stalin. Ich halte es für eine intellektuelle Faulheit, Parallelen mit diesen Ausgangssituationen herzustellen. Die Dinge liegen heute einiges komplizierter.

STANDARD: Dennoch: Europa ist beunruhigt.

Védrine: Ja, weil sich die Europäer zu lange in Sicherheit wiegten und dachten, nach dem viel zitierten "Ende der Geschichte" werde überall Frieden einkehren. Jetzt sehen sie, dass in Russland Panzer auffahren, und dass vom eigenen Kontinent Jihadisten in den Krieg im Irak und Syrien ziehen, wo der Westen die Kontrolle verloren hat. Das nährt ein Gefühl der Ohnmacht und der Unsicherheit. Aber man darf nicht alles miteinander vermengen. Wir müssen konkrete Lösungen suchen, und auch wenn es uns nicht gefällt: Wir müssen mit Staaten wie Syrien, Iran oder eben auch Russland Absprachen treffen, während wir gleichzeitig Härte markieren.

STANDARD: Härte zeigen: Heißt das, jene Hand zu reichen, mit der man zuschlagen könnte?

Védrine: Ja, die einzig gangbare und wirksame Art. Sicherheit beruht oft auf einem Kräftegleichgewicht. Davor braucht man sich nicht zu fürchten. Nicht mit dem Ziel, Russland unterzukriegen, sondern um ein Auskommen mit Putin zu finden. (Stefan Brändle aus Paris, DER STANDARD, 4.9.2014)


Hubert Védrine (67) ist ein Politiker des französischen Parti Socialiste und war unter anderem Außenminister unter Ministerpräsident Lionel Jospin (1997-2002). Heute unterrichtet er am Institut d’études politiques (Sciences Po) in Paris.

  • Hubert Védrine will ein härter agierendes Europa.
    foto: epa

    Hubert Védrine will ein härter agierendes Europa.

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