Das Gedränge der Begnadeten

3. September 2014, 17:25
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Im österreichischen Fußballteam herrscht ein Überangebot an konkurrenzfähigen Innenverteidigern. Sie alle haben die Gnade der späten Geburt, sind also jung. Der 21-jährige Kevin Wimmer vom 1. FC Köln ist ein Kandidat für die Startelf gegen Schweden

Wien - Mitten im Satz hat Kevin Wimmer beschlossen, vom Hochdeutschen ins Oberösterreichische zu wechseln. Der 21-Jährige beherrscht beides perfekt. Wird er ins Nationalteam berufen, ist das eine wunderbare Form von Heimkehr. Diese bedingt eine Anpassung der Sprache an die Umgebung, Wurzeln sollten nie verleugnet werden. "In Köln würden sie mich nicht verstehen." Der Innenverteidiger hat seine ersten beiden Partien in der deutschen Bundesliga absolviert, auf ein 0:0 gegen den HSV folgte ein 2:0 in Stuttgart.

Der Innenverteidiger ist mit dem Aufsteiger samt Trainer Peter Stöger durchgestartet, wobei Wimmer klarstellte, "dass die Luft da oben dünn ist". 2012 wurde er vom LASK an den Rhein transferiert, mit der Anpassung hatte er keine Probleme. "Als Österreicher hast du in Deutschland zunächst einen schweren Stand. Aber kommen sie drauf, dass du gut bist, schlägt das in Respekt um. Köln ist eine verrückte Stadt."

Schnupperminute

Wimmer hat bisher ein Länderspiel bestritten. Es war am 19. November 2013 in Wien gegen die USA. Länderspiel ist eine schamlose Übertreibung, er wurde in der 90. Minute eingewechselt. Seine Erinnerung an diesen Moment, der rund eine Minute gedauert hat: "Ich bin schnell zur Bank gerannt, damit es sich noch ausgeht. Es war ein erhebender Augenblick. Ein Beleg dafür, dass du dich am richtigen Weg befindest." Es blieb beim 1:0. Wimmer hatte genau keinen Ballkontakt. Was sich in Zukunft ändern soll, im Idealfall bereits am Montag in der EM-Quali gegen Schweden. Er nimmt den Konkurrenzkampf an, ohne Ansprüche zu stellen, sagt, was wohlerzogene Fußballer sagen: "Der Teamchef entscheidet."

Marcel Koller hat am Mittwoch zweimal unter Ausschluss der Öffentlichkeit trainieren lassen. Veli Kavlak musste aufgrund einer Adduktorenzerrung die Heimreise antreten, Lukas Hinterseer wurde nachnominiert. Der aus Australien angeflogene Marc Janko hat alle Übungen mitgemacht, ist nicht eingeschlafen. Koller: "Wir haben im taktischen Bereich gearbeitet." Details wollte der Schweizer keine verraten, ein "alle sind gut drauf" reichte.

Gedränge in der Defensive

In der Innenverteidigung herrscht offiziell ein ziemliches Gedränge. Es gibt vier Kandidaten für zwei Plätze. Aleksandar Dragovic (23) dürfte gesetzt sein, Martin Hinteregger (21), Sebastian Prödl (27) und eben Wimmer wollen der Partner sein. Auffallend ist die Jugend der Anwärter, lediglich Prödl kann als Routinier bezeichnet werden. Koller sieht darin keinen internationalen Trend. "Das Alter spielt keine Rolle, die Qualität entscheidet." Wimmer widerspricht nicht. Weder Hochdeutsch noch Oberösterreichisch. "Der ganze moderne Fußball ist schneller geworden, vielleicht ist das ein Grund, dass die Innenverteidiger so jung sind."

Hinteregger ist mental benachteiligt, die Akteure von Salzburg verbringen einen Teil der Zeit damit, die von Malmö in der Champions-League-Quali zugefügten Wunden zu lecken. Auch Christoph Leitgeb, Stefan Ilsanker, Marcel Sabitzer und Valentino Lazaro haben schon lustiger dreingeschaut. Koller wird sie aufrichten. "Fußball bedeutet auch vergessen. Sie zählen zu den besten Spielern des Landes, da sind Selbstzweifel nicht angebracht." Linksfuß Wimmer, dem Schnelligkeit, Übersicht und technische Fertigkeiten nachgesagt werden, hofft zweifelsfrei auf eine Chance. Er sagt auf Oberösterreichisch: "Ich wäre dankbar für jede Minute." (Christian Hackl, DER STANDARD, 4.9.2014)

  • Kevin Wimmer: "Als Österreicher hast du in Deutschland zunächst einen schweren Stand."
    foto: apa/ jaeger

    Kevin Wimmer: "Als Österreicher hast du in Deutschland zunächst einen schweren Stand."

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