Märkte wetten auf Geld und gute Worte Draghis

4. September 2014, 05:30
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An den Finanzmärkten wird mit weiteren Maßnahmen der EZB spekuliert. Was fix kommt, was noch debattiert wird

Frage: Europa rutscht in ein neues Konjunkturtal. Was heißt das für die Europäische Zentralbank?

Antwort: Zuletzt haben sich viele Indikatoren für die Wirtschaftslage eingetrübt. Im zweiten Quartal konnte keine der großen Volkswirtschaften Deutschland, Frankreich oder Italien wachsen und Unternehmen in Österreich und auch anderen Euroländern haben ihre Erwartungen nach unten geschraubt. Die Ökonomen der EZB könnten heute, Donnerstag, wohl auch noch gestutzte Prognosen zu Wachstum und Inflation anlässlich der Zinsentscheidung vorlegen. Das Scheitern am eigenen Inflationsziel von zwei Prozent wird den Druck auf den EZB-Rat und Präsident Mario Draghi erhöhen, auch nach der Senkung der Leitzinsen auf 0,15 Prozent im Juni weitere Maßnahmen zu setzen.

Frage: Was wird die EZB machen?

Antwort: Einige Schritte sind schon fix. Sie wurden im Juni beschlossen und verkündet. So wird die EZB am 18. September den europäischen Geschäftsbanken einen ersten Milliardenkredit verabreichen, TLTRO heißt diese Geldspritze abgekürzt. Rund 250 Milliarden Euro sollen in die Banken fließen und die Kreditvergabe ankurbeln. Doch EZB-Präsident Mario Draghi hat die Fantasie von Bankökonomen und Investoren mit einer Rede vor US-Notenbankern in Jackson Hole, Wyoming, Ende August weiter angeregt. Sie wird von vielen Investoren als Versprechen für milliardenschwere Anleihenkäufe gelesen.

Frage: Wieso erwarten Investoren ausgerechnet jetzt Anleihenkäufe?

Antwort: Draghi hat seiner Rede einen wichtigen Satz hinzugefügt, der so nicht in seinem Skript vorgesehen war: Der EZB-Rat werde "alle verfügbaren Instrumente nutzen, um die Preisstabilität auch kurzfristig zu gewährleisten". Bis dato schien die EZB noch nicht wirklich besorgt um die niedrige Inflation von 0,4 Prozent, denn diese werde etwa durch gesunkene Ölpreise gedrosselt. "Das ist ein Zeichen, dass die EZB ihre Politik weiter lockern wird", schätzt der britische Volkswirt Julian Jessop. Für Nick Kounis, Ökonom bei ABN Amro, hat Draghi die übrigen Ratsmitglieder "ziemlich unter Druck gesetzt", diese Woche weiter als bisher zu gehen. An den Finanzmärkten sind Anleihenzinsen und zuletzt auch der Euro kräftig unter Druck gekommen, als Vorboten für neue Maßnahmen.

Frage: Gibt es also demnächst Anleihenkäufe wie in den USA?

Antwort: Sie werden anders kommen müssen. Ankäufe von Staatsanleihen dürften im EZB-Rat keine Einstimmigkeit finden, was Draghi aber wichtig ist. Daher könnte die EZB an ihrer Taktik festhalten, die Dario Perkins, Ökonom von Lombard Street Research in London, so zusammenfasst: "Das Motto von Mario Draghi war in den vergangenen zwei Jahren 'verba non facta'." Dass die EZB lieber mit Worten statt mit Tatsachen auf Krisen reagiert, ist gut am Umgang mit der Staatsschuldenkrise zu erkennen. 2012 beendete Draghi mit einem Satz die Vertrauenskrise, das - theoretisch unbegrenzte - Anleihenkaufprogramm OMT wurde nie aktiviert. Seitdem hat aber die US-Notenbank Fed mehr als 1500 Milliarden Dollar in Anleihen investiert.

Frage: Wie könnte die EZB die Konjunktur noch unterstützen?

Antwort: Wahrscheinlicher als ein Programm zum Ankauf von Staatsanleihen sind Maßnahmen für einen anderen Markt. Die EZB bereitet seit Monaten Ankäufe von forderungsbesicherten Wertpapieren (ABS) vor. Sie sollen die Kreditvergabe an KMUs in Europa erleichtern. Denn ein Grund für die Malaise in der Eurozone ist der Zustand der Banken. Gerade in Krisenländern können die Geldinstitute die lockere Zinspolitik nicht weitergeben, weil sie von Altlasten wie faulen Krediten belastet werden. Mit einem ABS-Programm hätte die EZB einen Weg, die Banken zu umgehen. (Lukas Sustala, DER STANDARD, 4.9.2014)

  • EZB-Präsident Mario Draghi hat die Fantasie von Bankökonomen und Investoren Ende August weiter  angeregt.
    foto: ap/boris rössler

    EZB-Präsident Mario Draghi hat die Fantasie von Bankökonomen und Investoren Ende August weiter angeregt.

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