Die Schrecken des Solarkraftwerks

3. September 2014, 17:25
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Bei Solarkraftwerken finden Tierarten wie Heuschrecken einen idealen Lebensraum

Wien - Kraftwerke rufen gemeinhin rasch Gegner auf den Plan. Atomkraftwerke sowieso, aber auch Wasserkraftwerke, und Windmühlen sind oft heißumfehdet. Was Solarkraftwerke betrifft, so sind diese in großem Stil für viele auch keine Zierde in der Landschaft. Dennoch können sie für Tiere eine richtig feine Sache sein - sofern tierfreundlich gemäht wird. Das belegt nun eine Untersuchung von Thomas Proksch vom Büro Land in Sicht für Landschaftsplanung und Landschaftspflege.

Er untersuchte im Auftrag von Wien Energie die Auswirkungen des Bürgersolarkraftwerks Liesing auf die lokale Fauna. Und siehe: Durch die Bauweise und bei richtiger Vegetationspflege können sich Pflanzen und Tiere - etwa Heuschrecken, Schnirkelschnecken, Nachtpfauenaugen, Eidechsen und Feldhamstern - rund um die Paneele besonders gut ausbreiten.

Verbesserte Lebensbedingungen

"Die Studie zeigt, dass schon der Bau der PV-Anlage in Liesing die Lebensbedingungen für Heuschrecken deutlich verbessert hat", berichtet Wien-Energie-Geschäftsführerin Susanna Zapreva. "Durch spezielle Pflegemaßnahmen, etwa etappenweises Mähen der Wiesen, schützen wir auch andere Tierarten." Das heißt: Wird ein Teil der Wiesen zwischen den Sonnenkraftwerksreihen gemäht, werden andere Bereiche des Areals als Rückzugsgebiet für die Natur stehen gelassen.

Schon der Bau der Anlage habe durch das Auflockern der Vegetationsschicht die Standortverhältnisse und Lebensraumbedingungen für die örtliche bodengebundene Fauna verbessert. Steiniges Bodenmaterial bietet sonnige Mikrostandorte, auf die wärmeliebende Schreckenarten stehen.

Gottesanbeterin entdeckt

So konnten bei der Photovoltaikanlage in der Rosiwalgasse inzwischen 13 teils geschützte Heuschreckenarten nachgewiesen werden - sowie eine Fangschrecke: die Gottesanbeterin. Die Zahl der Schrecken ist seit 2013 insgesamt deutlich gestiegen. Besonders bemerkenswert sei der Anblick der seltenen und gefährdeten Kleinen Beißschrecke wie auch der Grünen Strandschrecke.

Aber auch andere geschützte Tierarten wurden dokumentiert, wie etwa der Feldhamster. Im Areal konnten vier bis fünf Hamsterbaue nachgewiesen werden. Oder auch die seltene Zauneidechse: Im Bereich der Photovoltaikanlage konnten etwa 15 bis 20 Jungtiere beobachtet werden. Weitere teils erstaunlichen Funde waren: die Krabbenspinne, die Schnirkelschnecke, der Scheckhorn-Distelbock, der Rosenkäfer und das Wiener Nachtpfauenauge.

Grünoasen als "politischer Kraftakt"

Für Umweltdachverband-Präsident Gerhard Heilingbrunner zeigt die Untersuchung, "dass der Ausbau der Sonnenenergie durch Wien Energie der Artenvielfalt in der Stadt zugutekommt. Gerade dort ist die Schaffung von Grünoasen oft ein politischer Kraftakt."

Das Bürgersolarkraftwerk Liesing neben dem Fernheizwerk Süd ging mit 2.000 Paneelen im April 2013 in Betrieb. Dazu kam eine Erweiterung mit 1.976 Modulen. Insgesamt werden jährlich rund 990 MWh Strom produziert - so viel Energie, wie im Schnitt fast 400 Haushalte benötigen. (Roman David-Freihsl, derStandard, 3.9.2014)

  • Eine Schnirkelschnecke auf einem Solarmodul des Bürgerkraftwerks Wien-Liesing.
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    Eine Schnirkelschnecke auf einem Solarmodul des Bürgerkraftwerks Wien-Liesing.

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