"Summer in Wien": Aus Spaß wurde Ernst

3. September 2014, 16:35
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Mallorca, Jesolo, super. Nur der Sommer in Wien ist schöner. Ernst Palicek hat darüber ein Lied geschrieben und ein Video gedreht. Es ist sehr lustig, ein Youtube-Hit, aber sein Schöpfer bleibt vorerst lieber im Dunkeln

Wien - Ernst Palicek ist 38 Jahre alt. Der Glaube daran fällt schwer, aber Palicek ist ja eine Kunstfigur, eine echte. Als solche trägt er Sonnenbrille unter dem Sonnendach seiner lulugelben Schirmmütze. Dazu ein Hemd von der Stange und Shorts ohne Würde. Seine Hüfte unterstreicht ein Gürteltascherl vom letzten Jesolo-Urlaub, seine Füße stecken in weißen Socken und Badeschlapfen.

Als solcher ist er keine besonders auffällige Erscheinung im Wiener Sommer. Ein Blick auf die Donauinsel und ihre Gastronomie reicht, um festzustellen, Ernst ist nur einer von vielen.

Doch Ernst Palicek hat ein Lied geschrieben und dazu ein Video gedreht und es kühn auf Youtube gestellt. In seiner kunstvollen Erbärmlichkeit schickt es sich an, ein Sommerhit zu werden. Nur konsequent. Wo es keinen gescheiten Sommer gibt, kann sogar so etwas ein Hit werden.

hanuschplatz flow

Das Lied heißt Summer in Wien. Musikalisch verschränkt es Merkmale von Rap, Hip-Hop und den Progressivschlager suizidgefährdeter Alleinunterhalter. Der Gesang huldigt in dünnem Falsett den Versuchungen Wiens im Sommer. Ernst Palicek besingt das 16er-Blech, Tschelati am Stephansplatz, Kipferl und Melange. Sein Resümee ist ihm Refrain: "Ob in Mallorca, Tschesolo oder Berlin, nix is so sche wie der Summer in Wien." Ernst Palicek steht vor der Gloriette oder der Lugner City: Hey, sogar ein Ghetto gibt's hier!

In den sogenannten sozialen Netzwerken ist Summer in Wien der heiße Kot. Diverse Online-Magazine für das Moderne und Trendige jubilieren, Ernsti ist ein neuer Star. Schon gibt er erste Interviews, die allerdings arbeiten dem Dunkel eher zu als dem Licht.

Gegen Stereotype

Der Schöpfer und Darsteller des Ernst Palicek ist dem Standard namentlich bekannt, er will aber nicht genannt werden, voll geheim. Er kommt jedenfalls aus dem Künstlerkollektiv Hanusch-Platz-Flow, kuhl schreibt sich das "hvnuschplvtzflxw".

Auf der Homepage des Kollektivs gibt es ein Manifest zu lesen. Man wehre sich "gegen Pauschalisierung, Stereotypisierung und die Ignoranz des Mainstreams", steht dort, der Rest ist prächtiger Manifestjargon, also stark verständniszölibatär.

Als Mittel, ihre Positionen umzusetzen, dienen Hip-Hop und elektronische Dancemusic, zur "Klicke" zählen Rapper wie Crack Ignaz, Pif Paf oder Lex Lugner. Seit Summer in Wien ist das künstlerische Ausdrucksmittel der "Klicke" um den deutschen Schlager erweitert worden, sagt Palicek. Die Idee sei gewesen, Wien für Touristen zu besingen und dabei die subtile Melancholie der Stadt via Moll zu transportieren: "Es geht um Einsamkeit in der Stadt, trotz des Miteinanders."

Als bloße Satire will der Schöpfer sein Werk nicht verstanden wissen: "Das Video zeigt uns, so lebt der Ernst. Seine Lächerlichkeit wird als Bizarrheit der Wahrheit in Kauf genommen. Ernst ist eine Art Hausmeister des 21. Jahrhunderts, der aber keine Kinder verscheucht, wenn sie im Hof Fußball spielen. Sein Name verweist übrigens auf mährische Wurzeln, er lebt in Wien, sieht sich aber als Kosmopolit.

Man ist "Post-Swag"

Ähnliche Arbeiten zum Thema wie ein millionenfach angeklicktes Video, das "Thüringer Klöße" hochleben lässt, kennt Palicek angeblich nicht, von wesensähnlichen Acts wie der Formation König Leopold habe er ebenfalls noch nie gehört. Den Wiener Rapper Money Boy (Dreh den Swag auf), okay, der sei ihm bekannt, dessen Schmäh habe man allerdings überwunden, man sei längst "Post-Swag", also schon wieder eins weiter.

Keine Sorge. Man muss das nicht alles verstehen, um das Video zu genießen und zum steifen Flow der Musik zu grufen. Zumal die Wahrheit, so es denn eine gibt, ganz banal ist. "Die einzig gültige Vorlage für Summer in Wien", sagt Ernst Palicek, "ist Toni Polsters ähnlich gelagertes Lied Da Summer in Wien." Eine beinharte Recherche auf Youtube bestätigt: Ja, vom früheren Goaleator mit Tendenz zum Singsang gibt es tatsächlich ein ähnlich gelagertes Machwerk. Das Problem: Polster meint es wahrscheinlich ernst.

Zuerst einmal erholen

Ernst oder unernst? Die Frage bleibt bei Ernst Palicek vorerst ungelöst. Als rein virtueller Spaß ist Summer in Wien jedoch nicht zu betrachten. Immerhin gibt es das Lied schon als Vinylsingle zu bestellen, inklusive einer Karaokeversion. Wie geht Palicek mit dem ungewohnten Trubel um seine Person um? "Ernst wird sich jetzt einmal erholen, um dann im Herbst groß nachzulegen." Näheres wird nicht bekanntgegeben. Noch nicht. (Karl Fluch, DER STANDARD, 4.9.2014)

  • "Warum in die Ferne schweifen? Sieh, das Gute liegt so nah!" Der Goetheaner Ernst Palicek in seinem Video "Summer in Wien".
    foto: screenshot

    "Warum in die Ferne schweifen? Sieh, das Gute liegt so nah!" Der Goetheaner Ernst Palicek in seinem Video "Summer in Wien".

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