"Grünen Männern ist nichts Menschliches fremd"

Interview4. September 2014, 05:30
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Eva Glawischnig will Autofahrer einbremsen, Heribert Kasper mit gutem Gewissen rasen

STANDARD: Damit wir das gleich zu Beginn klarstellen: Mit wie viel PS sind Sie jeweils unterwegs?

Kasper: Mein Firmen-Ferrari hat 490 PS, den nehm' ich aber nicht jeden Tag. Mein Alltagsauto ist ein Alfa Giulietta mit 170 PS.

Glawischnig: Ich bin mit der Bim und der U-Bahn hergekommen - und wie viel PS die haben, weiß ich leider nicht. Privat fahre ich einen VW Polo, ein Dreiliter-Auto - und damit bin ich im Gegensatz zu Ihnen wie eine lahme Schnecke unterwegs.

STANDARD: Überall, wo Ihre Partei mitregiert, werden Motorisierte mit Restriktionen bedroht oder belegt: in Tirol etwa mit Tempo 100 auf der Inntalautobahn, in Oberösterreich auf der A1 rund um Linz ebenso, in Wien mit dem Parkpickerl. Schon einmal überlegt, ob sich für die Grünen im Bund gerade deswegen noch nie eine Regierungsbeteiligung ausgegangen ist?

Glawischnig: Das entspricht einem sehr oberflächlichen Klischee von den Grünen, denn wir teilen Menschen keineswegs nach ihrer Art der Fortbewegung ein. Auch wir nehmen ja einmal das Auto, die Bim oder das Radl - und dann gehen wir halt wieder zu Fuß.

Kasper: Die Grünen sehen in den Autofahrern aber die Melkkuh der Nation. Allein jetzt schon sind hierzulande bei der Anschaffung eines Neuwagens die höchsten Steuern europaweit fällig, siehe Normverbrauchsabgabe, siehe Mehrwertsteuer, dann kommen noch die Kfz-Steuer und die Mineralölsteuer dazu. Was Sie dabei völlig zu vergessen scheinen, ist: Für viele Leute bedeutet ihr Auto auch ein Stück Freiheit - weil man damit nicht zuletzt ins Grüne fahren kann. Auch die Autofahrer lieben einen schönen Rasen, einen Wald und die Berge - und dort wollen sie auch hinkommen.

Glawischnig: Da muss man aber schon zwei Dinge auseinanderhalten: Die Tempolimits in den diversen Bundesländern sind erforderlich, weil wir bestimmte Luftgrenzwerte nicht einhalten, ab denen die Gesundheit vor allem unserer Kinder gefährdet ist. Und Ihre fast erotisch anmutende Beziehung zu einem Ferrari kann ich nicht teilen. Inzwischen ist gerade für die Jüngeren ein Auto längst kein Statussymbol mehr. Stattdessen überlegen sie sich, ob sie heute lieber die Öffis nehmen, anstatt in der Gegend herumzustauen. Und außerdem bedeutet für viele Leute Autofahren auch Stress. Am Wiener Gürtel krieg' ich persönlich ja bis heute Schweißausbrüche - vor allem, wenn ein Spurwechsel ansteht.

weissensteiner/puktalovic

STANDARD: Aber grundsätzlich wollen die Grünen die Autofahrer ja nicht nur einbremsen, sondern auch für die Steuerreform anzapfen - etwa mit höheren Abgaben auf Diesel und Mineralöl.

Kasper: Genau das ist der Punkt: Die Sportwagenfahrer legen nachgewiesenermaßen pro Jahr im Schnitt bloß 5000 Kilometer zurück - und ein Drittel des Anschaffungswerts geht ja bereits an den Staat. Bei einem Ferrari bedeutet das: Von den 300.000 Euro, die hinzublättern sind, zahlt man 100.000 an Steuern. Mit diesem Drittel könnte man doch mit einer Zweckwidmung vieles für die Umwelt tun.

STANDARD: Eine gute Idee für Sie - oder ein schmutziger Deal?

Glawischnig: Selbst wenn ich Finanzministerin wäre, würde ich keinesfalls diese Art der Zweckbindung einführen. Denn das mit den Luxuskarossen macht noch keine ökosoziale Steuerreform - eher muss man danach trachten, dass sich der Trend in Richtung Elektroautos fortsetzt, die umwelttechnologisch, wirtschaftlich und auch sozial Sinn machen, weil es ja die Mobilität für alle sicherzustellen gilt. Zudem muss ein intelligentes Schnellbahn-Konzept rund um die Städte her, sodass sich die Leute bei der Fahrt wohlfühlen. Wo man Kaffee und Kipferl in der Früh serviert bekommt. Da geht es um Lebensqualität.

Kasper: In der Bevölkerung haben die Grünen aber einen ganz anderen Touch. Deswegen glaube ich, dass Sie gut daran täten, sich in Richtung Autofahrer zu öffnen - ansonsten wird Ihre Partei bei Wahlen weiterhin immer nur zehn bis fünfzehn Prozent einfahren, weil Sie mit Ihrer Linie nur die harten Kernwähler begeistern. Aber wenn Sie in die Regierung wollen, wird das nicht reichen - und deswegen habe ich Ihnen für ein Umdenken extra einen grünen Ferrari als Geschenk mitgebracht!

Glawischnig: Der ist aber lieb. Dankeschön!

STANDARD: Dürfen Sie den überhaupt annehmen - ohne compliance-technische Probleme mit der Partei zu kriegen?

Glawischnig: Selbstverständlich - obwohl wir Grüne bei Korruption überhaupt keinen Spaß verstehen.

Kasper: Keine Sorge, dieses Modell hat trotz Sonderlackierung eh keine hundert Euro gekostet.

STANDARD: Haben Sie jemals Grün gewählt?

Kasper: Noch nie. Aber wer mir echt taugt, ist Euer Wirtschaftsprofi, der zur Causa Hypo die Diskussionsveranstaltungen macht.

Glawischnig: Sie meinen Werner Kogler.

Kasper: Genau! Und genau so müssten sich die Grünen beim Thema Verkehr für die Leute öffnen. Ähnliches hat ja auch Heinz-Christian Strache als FPÖ-Chef mit anderen Themen geschafft, die die Leute aufregen. Deswegen wird er das nächste Mal wahrscheinlich gewinnen - ob er dann in der Regierung tatsächlich mehr weiterbringt, ist freilich eine andere Geschichte.

STANDARD: Sie möchten nach der nächsten Nationalratswahl wohl lieber eine Dreierkoalition ohne Strache - aber mit wem konkret?

Glawischnig: Als neuen ÖVP-Chef schätze ich Reinhold Mitterlehner jedenfalls als etwas beweglicher ein als Michael Spindelegger - der war in gesellschaftspolitischen Fragen wie bei der Bildung sehr retro. Mit Mitterlehner dagegen haben wir sowohl das Ökostromgesetz wie das Energiespargesetz gut verhandeln können. Es besteht also die Hoffnung, dass es mit dieser ÖVP besser wird.

STANDARD: Sie streben also am ehesten Schwarz-Grün-Pink an?

Glawischnig: Bevor die neuen Mehrheiten feststehen, sind das genau die Fragen, die ich nicht beantworte. Denn bisher war ich gegenüber Dreierkoalitionen immer recht skeptisch - aber jetzt haben wir eine in Kärnten und quasi auch in Salzburg. Aber Fakt ist für uns: Die Freiheitlichen haben unter Schwarz-Blau im Land derart viel Schaden angerichtet, insbesondere in Kärnten mit der Hypo, sodass man die einfach nicht mehr regieren lassen darf.

Kasper: In eine Dreierkoalition könnten nicht nur die Grünen, sondern auch die Neos einigen Schwung hineinbringen, weil die wirken ja auch recht motiviert.

STANDARD: Was könnten die Neos in einer Regierung vielleicht sogar besser als die Grünen?

Kasper: Na, gegen die Autofahrer würden sie höchstwahrscheinlich nicht so eine extreme Politik machen - und Parteichef Matthias Strolz halte ich auch für eine sehr positive und sympathische Persönlichkeit.

STANDARD: Auf den Fotos, die von Ihnen im Internet kursieren, sind Sie oft nicht nur mit Ferraris zu sehen, sondern auch mit schönen Frauen - gehört das für Sie irgendwie zusammen?

Kasper: Diese Bilder sind von Society-Events - und die Frauen sind Freundinnen und Bekannte von mir, die ich gern mitnehme, wenn ich wo eingeladen bin. Der Hintergrund ist, dass ich schon seit acht Jahren solo bin - und dagegen hilft auch die ganze Ferrari-G'schicht nix. Du hast zwar schon gute Chancen bei den Frauen, wenn Du so ein Auto besitzt ...

Glawischnig: Tatsächlich? Ehrlich gesagt, ich habe zu Autos keinerlei erotische Beziehung. Über mich gibt's zwar das böse Gerücht, dass ich einen Porsche Cayenne fahren würde, Tatsache ist aber, dass ich einen solchen Wagen nicht einmal erkennen würde, wenn mich einer überfährt.

weissensteiner/puktalovic

STANDARD: Wie viel Machismo herrscht da eigentlich unter grünen Männern - oder sind die dagegen am ehesten immun?

Glawischnig: Selbst den grünen Männern ist nichts Menschliches fremd. Als ich einmal mit Alexander Van der Bellen, der ja sonst stets gelassen wirkt, durchs Gesäuse gefahren bin, legte er einen italienischen Fahrstil an den Tag, dass mir richtig schlecht geworden ist - so oft hat er auf der kurvenreichen Straße Vollgas gegeben und dann wieder abgebremst.

Kasper: Na, der hat sich's dort wahrscheinlich gegeben!

STANDARD: Macht das der Altparteichef öfter? Spätestens als Bundespräsidentschaftskandidat stünde er damit doch in allen Zeitungen?

Glawischnig: Vielleicht fährt er heute ja weniger rasant, aber wir haben da noch keine Entscheidung getroffen.

Kasper: Grundsätzlich muss man schon zugeben: Ihr Frauen fahrt viel vorausschauender als wir. Ihr drängelt's nicht auf der Autobahn, seid auch viel behutsamer beim Einparken - da wartet man als Mann auch gerne einen Moment.

STANDARD: Aus feministischer Sicht war dieser Sommer dennoch ziemlich verregnet: Das Binnen-I wurde infrage gestellt, genauso die Bundeshymne, mit der längst auch die Töchter besungen werden sollten - und die SPÖ-Frauen ringen um das Einhalten der Quote. Schon genervt von all diesen Debatten?

Kasper: Total - und ich denke, das haben die Frauen gar nicht notwendig. Ich bin da relativ klassisch erzogen worden und meine: Die Damen zeigen uns eh, was sie können, und sind in vielen Bereichen besser als Männer - und deshalb solltet Ihr da einfach drüberstehen. Das Einzige, was wirklich verbessert gehört, ist, dass es bei gleicher Arbeit auch gleichen Lohn für die Frauen geben muss. Denn in Zeiten wie diesen müssen ja oft schon beide Elternteile arbeiten gehen, weil sich die Leute sonst das Leben nicht mehr leisten können. Dabei sind ja allein schon der Haushalt und die Kinder ein Wahnsinnsjob! Und deswegen sind die Kinder früher auch sorgsamer erzogen worden, da haben alle noch höflich gegrüßt, heute gibt's das ja kaum mehr.

Glawischnig: Also, obwohl ich viel arbeite, lege ich schon darauf Wert, dass meine Kinder höflich sind - dafür muss man die Frauen sicher nicht zurück an den Herd schicken. Für viele Frauen gehört der Job mittlerweile zu ihrer modernen Lebensweise, auch, weil sie sich in der Gesellschaft und in der Wirtschaft einbringen wollen. Und angesichts der schwerwiegenden Ungerechtigkeiten meine ich, dass wirklich niemandem ein Zacken aus der Krone fällt, wenn man auch "die Heimat großer Töchter" besingt. Wenn ich einen Kindergeburtstag mache, sage ich ja auch nicht: "Jungs, lasst uns die Torte anschneiden!" Sondern wohl eher: "Jungs und Mädls, lasst uns das tun!"

STANDARD: Unter der ÖVP von Spindelegger hat man Sie immer wieder als "Oberlehrerin der Nation" verunglimpft. Hat Sie das geärgert - oder prallt so etwas längst ab?

Glawischnig: Dass man als Frau immer wieder abgewertet wird, ist leider nach wie vor eine Tatsache. Aber ich lasse mich davon nicht unterkriegen.

Kasper: Viele Männer wird halt auch stören, dass Sie rhetorisch und argumentativ unheimlich schnell sind: Zack! Zack! Zack! Und wegen dieser Souveränität, die Sie ausstrahlen, leistet sich der eine oder andere Politiker einen Untergriff. (Nina Weißensteiner, DER STANDARD, 4.9.2014)

Eva Glawischnig (45) hat in Spittal an der Drau ihren Führerschein gemacht - "wo es damals nur eine Kreuzung mit Ampel gab". Als studierte Juristin arbeitete sie später bei Global 2000. 1996 stieg die Kärntnerin in die Wiener Politik ein, 2009 zur Bundessprecherin auf. Von 2006 bis 2008 war sie Dritte Nationalratspräsidentin.

Heribert Kasper, Baujahr 1953, hat mit 23 seinen ersten Ferrari erstanden, obwohl der elterliche Betrieb im steirischen Leibnitz einst vor allem auf Fiat und Lancia gesetzt hat. Seit 1996 betreibt der gelernte Kaufmann eine Sportwagenagentur, zudem ist er Gründer und Ehrenpräsident des Clubs "Scuderia Ferrari Austria".

  • "Der ist aber lieb": Zum Umdenken bekam Glawischnig einen grünen Zwerg-Ferrari überreicht.
    foto: urban

    "Der ist aber lieb": Zum Umdenken bekam Glawischnig einen grünen Zwerg-Ferrari überreicht.

  • Eva Glawischnig: "Ich habe zu Autos keinerlei erotische Beziehung. Am Wiener Gürtel krieg' ich Schweißausbrüche."
    foto: urban

    Eva Glawischnig: "Ich habe zu Autos keinerlei erotische Beziehung. Am Wiener Gürtel krieg' ich Schweißausbrüche."

  • Heribert Kasper: "Die Grünen sehen in den Autofahrern die Melkkuh der Nation - aber auch die lieben einen schönen Rasen."
    foto: urban

    Heribert Kasper: "Die Grünen sehen in den Autofahrern die Melkkuh der Nation - aber auch die lieben einen schönen Rasen."

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