Gassigehen auf hohem Niveau

3. September 2014, 17:31
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Bettina Balàka erzählt im Roman "Unter Menschen" von den Lebensstationen eines Hundes namens Berti

Wien - Berti ist Ungar von Geburt. Seine äußere Erscheinungsform wird von vielen als unvorteilhaft bezeichnet: Er ist ein Mischling, eine aufgrund menschlicher Unachtsamkeit gezeugte Kreuzung eines auf der Straße lebenden Dackel-Schnauzers und einer reinrassigen, zur Zucht gehaltenen Jack-Russell-Terrier-Dame. Die Voraussetzungen für ein sorgenfreies Hundeleben sind also denkbar schlecht. Zumal wird der mit "schlechten Genen" ausgestattete Berti von den ungarischen Züchtern ausgesetzt, die ihre Welpen auf österreichischen Autobahnraststätten mitleidsvollen Reisenden verkaufen.

Berti findet keine Abnehmer. Nur durch eine Folge glücklicher Ereignisse überlebt das Energiebündel mit den zu kurz geratenen Beinen. Von diesen abenteuerlichen Ereignissen, bei denen Berti unzähligen Menschen begegnet und auf mannigfaltige Weise ihre Schicksale bestimmt, erzählt uns die österreichische Autorin Bettina Balàka in ihrem neuen Roman Unter Menschen (erschienen im Haymon-Verlag).

Bettina Balàka, Verfasserin bekannter Romane wie Eisflüstern oder Kassiopeia mit festem Platz in der österreichischen Gegenwartsliteratur, schreibt einen Hunderoman? Ja und nein. Sie ist sich als handwerklich herausragende Erzählerin wohl der Gefahren bewusst, wie schnell Tiergeschichten herzig und klischeehaft werden können. Unter Menschen ist aber weder eine Schmuse-Kuschel-Wauwau-Story noch die Einfühlung in eine Hundeseele, sondern der gelungene Versuch, anhand der Lebensstationen eines Hundes Verhaltensweisen von Menschen aufzugreifen, zu hinterfragen und nachzuspüren.

Gassigehen auf hohem stilistischem Niveau: Eine allwissende, somit auf Distanz bleibende und immer wieder, ja, mit Biss kommentierende Erzählstimme schnuppert in und markiert an Biografien unterschiedlicher Leute. Mit trockenem Humor und eigenwilligem Witz fragt die 1966 in Salzburg geborene Autorin nach der Wirkung, die Hunde auf Menschen ausüben und wie sie ihre Einstellung zum Leben ändern können.

Zum Beispiel bekommt Berti die Eigenschaft zugesprochen, ein Streitschlichter zu sein: "Seine Berufung zum Friedensstifter hatte er gerade neu entdeckt. Ja, er wollte Ruhe. Aber keineswegs, weil ihm eine höhere Macht eine Schrifttafel mit den Zehn Geboten zugestellt hätte oder weil er eine internationale Ehrung für pazifistisches Engagement anstrebte, sondern weil Zoff ein Hundeprivileg war." Der Hund hat seine Rolle, der Mensch hat seinen Part, und irgendwo treffen sich beide.

Dass Berti Berti heißt, wissen anfangs nur die Leser. Bei seiner "hundewahnsinnigen" Retterin Alexandra Szèkely, die ihm einen EU-Pass ausstellt und ihn Kommandos lehrt, heißt er hollywoodmäßig Robert Pattinson. Ihre Tochter Gréta baut eine ganz eigene Beziehung zum Hund auf, darf ihn aber nicht behalten. Mit ihr wird der Roman noch eine besondere Wendung nehmen. Berti bekommt aufgrund häufiger Besitzerwechsel noch Namen wie Ricky oder Bagheera, aber er ist gutmütig. Was kann so ein Hund auch gegen die Namensgebungswut der Menschen tun?

Zufälle und Irrwege

Dem Leser begegnen in Unter Menschen viele Menschen, manche nur kurz und teilweise stark stereotypisiert (und geraten aufgrund der Informationsfülle schnell in Vergessenheit), bei anderen taucht man tief in die Lebensgeschichte ein. Erwähnt sei die dem Roman quasi eingeschobene Novelle über den Physiker Marcel Lilienfeld, in der sich Balàka an das Leben eines rational denkenden Menschen heranschreibt, dem nach dem "unerhörten Moment" die "elementare Machtlosigkeit des Individuums" deutlicher als anderen offenbar wird.

Mit der Charakterisierung dieses in Wien lebenden Frühpensionisten, der in Brasilien die Liebe kennenlernt, spürt die Autorin eindrücklich den Zufällen, Irrwegen, Ängsten und Versäumnissen des Lebens nach. Später wird Berti sein Lebensabschnittspartner sein und für einigen Ausstoß an Oxytocin sorgen. Das ist jenes Hormon, das soziale Handlungen beeinflusst.

Mit der Einführung immer wieder neuer Figuren schickt Balàka ihre Leser auf Entdeckungsreise und verhindert die bequeme Einlullung in eine einzige Geschichte, einmal geht es sogar in den Dschungel Indonesiens, wo eine Mutter ihr entführtes Kind sucht. Krimimäßig beschnüffelt man die Macken der Buchbewohner und muss ständig hinterfragen, wie dieses Menschenleben nun mit jenem, zumeist Bertis, Hundeleben zusammenhängt.

Nicht nur der Bau, auch die Sprache, frei von ulkigen Hundebesitzerphrasen, ist ausgewählt und bewusst gesetzt. Als Hundebesitzerin - am Ende des Buches bedankt sie sich bei ihrem Vierbeiner - interessiert sich Balàka dafür, wie Hunde in Literatur und Medien vorkommen. Wir begegnen in Unter Menschen vielen Anspielungen auf die Tagespresse (z. B. Elmayers Beißer) und auf tierische Internetphänomene, oftmals tauchen Assoziationen auf: die Treue Krambambulis bei Ebner-Eschenbach, die Klugheit des Hundes aus Haushofers Die Wand.

Bezüge zur Naturwissenschaft, zu mythologischen Hunden oder zum Motiv des Beschützerhundes in der Kinderliteratur sind ebenso behutsam ins Ganze eingewoben. Und in einem Hund-Roman darf auch einmal der Name Conchita Wurst vorkommen. Mahlzeit! (Sebastian Gilli, DER STANDARD, 4.9.2014)

  • Bettina Balàka ist auf den Berti gekommen.
    foto: heribert corn

    Bettina Balàka ist auf den Berti gekommen.

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