Das Meer braucht große Fische

4. September 2014, 20:12
27 Postings

Elefanten ohne Stoßzähne, Hirsche mit kleinen Geweihen: Der Mensch hat die Arten auch in ihrer evolutionären Entwicklung verändert

Hunderttausende, Millionen, gar Milliarden Jahre - wer über Evolution redet, braucht geologische Zeitskalen. Bestenfalls im Museum, etwa anhand der Dinoskelette, wird der Prozess anschaulich. Und eines ist gewiss: Ein Menschenleben reicht bei weitem nicht aus, um die Veränderung einer Art mitzuerleben.

Oder etwa doch? "Manche Arten verändern sich innerhalb von wenigen Jahrzehnten", sagt Klaus Schwenk vom Institut für Umweltwissenschaften der Universität Koblenz-Landau, "das lässt sich heute messen." Hinter der Turboevolution steckt oft eine sich verändernde Umwelt. Und hinter dieser meist - direkt oder indirekt - der Mensch. Wir holzen Regenwälder ab, legen Monokulturen an, plündern die Meere, verschmutzen Gewässer und verändern das Klima.

All das wirkt auf Flora und Fauna. So sehr, dass sich Evolutionsbiologen gezwungen sahen, einen neuen Begriff einzuführen: Sie unterscheiden heute zwischen der natürlichen und der menschgemachten Auslese, der anthropogenen Selektion. "Dass der Mensch die Evolution von Arten massiv beeinflusst, wurde erstmals vor rund zehn Jahren an der Trophäenjagd in den USA gezeigt", sagt der Evolutionsbiologe Martin Schaefer von der Uni Freiburg, "die Jäger schossen immer die ältesten Elche, Hirsche oder Dickhornschafe, also die Männchen mit den größten Geweihen und Hörnern. Nach einigen Generationen bildeten die Männchen kleinere Geweihe und Hörner aus." Wissenschafter in Afrika beobachten Ähnliches: Die jahrzehntelang andauernde Wilderei auf Elefanten führte dazu, dass die Dickhäuter kleinere oder gar keine Stoßzähne mehr ausbilden. Die Liste weiterer Beispiele ist lang.

Nachhaltige Nutzung

Die Konsequenzen liegen für viele Experten auf der Hand: Evolutionäre Prinzipien müssen stärker im Umweltmanagement berücksichtigt werden. Das heißt konkret im Artenschutz, aber auch in der Jagd- und Fischereiverwaltung. "Das würde das Umweltmanagement langfristig stark verbessern", sagt Walter Arnold vom Forschungsinstitut für Wildtierkunde und Ökologie an der Veterinärmedizinischen Universität Wien. Arnold betont, dass gegen eine solche vernünftige, biologische Prinzipien beachtende, nachhaltige Nutzung der Natur absolut nichts einzuwenden sei. Auch dem Menschen wäre damit gedient. Denn überall dort, wo der Mensch exzessiv jagt oder fischt, birgt das die Gefahr der Selektion auf nicht erwünschte Merkmale, wie etwa kleinere Geweihe oder eine geringere Körpergröße bei Fischen. Letzteres hat gravierende Konsequenzen für die Welternährung, da kleinere Fische auch rückläufige Fangmengen bedeuten. Fischereistatistiken zeigen, dass kommerziell genutzte Fischarten immer jünger geschlechtsreif werden: Der Kabeljau im Nordwestatlantik etwa wurde in den 1950er-Jahren mit gut sechs Jahren geschlechtsreif und war dabei etwa 65 cm lang. Heute laichen die Fische mit vier Jahren bei einer Länge von 40 Zentimetern.

Experten sprechen von "fisheries-induced evolution" (FIE). Da die Fangflotten vor allem große Fische anlanden, haben Individuen, die sich bei kleinerer Köpergröße früh fortpflanzen, einen Vorteil und hinterlassen im Verhältnis mehr Nachkommen.

Die evolutionären Folgen der Fischerei lassen sich nicht ohne weiteres rückgängig machen: Obwohl der nordwestatlantische Kabeljau 15 Jahre geschont wurde, hat er nicht zu seiner früheren Körpergröße zurückgefunden. Stark vereinfacht ausgedrückt, kann mit dem Wegfischen aller großen Fische die genetische Information für die große Körpergröße verlorengegangen sein. "Bis eine solche Information wieder auftaucht, können mehrere 100 Jahre vergehen", sagt Schwenk. Um eine Art langfristig zu schützen, muss also ihre gesamte genetische Information erhalten bleiben. Doch das erfordert Umdenken. Für die Fischerei etwa bedeutete das, künftig auch große und alte Fische zu schützen. Praktisch müssten Fische, nachdem sie gefangen wurden, lebend nach Größe sortiert und ein Teil zurück ins Meer geworfen werden. Oder es müssten großräumige Schutzzonen eingerichtet werden, in denen gar nicht gefischt werden darf.

Begrenzte Sportfischerei

Beim Schutz des Atlantischen Lachses wurden evolutionäre Prinzipien bereits berücksichtigt: Ein Fünftel aller in Europa gefischten Lachse stammt aus dem finnischen Fluss Teno. Mithilfe genetischer Methoden fanden Wissenschafter heraus, dass im Teno vierzehn genetisch unterschiedliche Lachspopulationen leben. Die Bestände in den oberen Zuflüssen waren dabei genetisch einheitlicher, also empfindlicher, als die Populationen im Unterlauf. Da die ersten Lachse, die zum Laichen zurückkehrten, aus den oberen Zuflüssen waren, wurden die Angelregeln verändert: Die Sportfischerei wurde zu Beginn der Lachswanderung ganz verboten und später auf Populationen des Unterlaufs beschränkt.

Wie schnell sich evolutionäre Prinzipien im Naturschutz verbreiten werden, ist schwer vorherzusagen. Der Schutz der Artenvielfalt wurde 1992 von der internationalen Staatengemeinschaft beschlossen. Damals war bereits ersichtlich, dass das sechste Massenaussterben der Erdgeschichte eine höchst bedrohliche Dimension erreichen wird und dass der Mensch dafür verantwortlich ist. Die seither bei allen weiteren Treffen formulierten Ziele wurden in der Praxis niemals erreicht.

Menschen nutzen Biodiversität

Doch die Erkenntnis, dass der Mensch Biodiversität auf vielfältige Weise nutzt, gar von ihr abhängig ist, setzt sich immer weiter durch: Wälder speichern CO2, Bienen und andere Insekten bestäuben Nutzpflanzen, Pilze produzieren Antibiotika, intakte Ökosysteme liefern sauberes Trinkwasser. Bis 2020 sollen aus diesem Grund 17 Prozent der Erdoberfläche unter Schutz stehen.

Um die ehrgeizigen Ziele zu erreichen, wurden zwischenstaatliche Plattformen wie Diversitas und IPBES (Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services) gegründet. Sie sollen als Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Politik dienen.

Evolutionsbiologen und Naturschützer begrüßen diese Entwicklungen. "Es ist sinnvoll, Entscheidungsträgern alternative, wissenschaftlich fundierte Strategien aufzuzeigen", sagt Schwenk. Schaefer bleibt skeptisch: "Solche Plattformen sind gut. Aber sie werden wenig zum Erhalt der Artenvielfalt beitragen, wenn nicht endlich mehr Geld fließt."

Eine Hochrechnung, an der er selbst beteiligt war, sorgte 2012 für Schlagzeilen: Damals bezifferte das Forscherteam die Kosten für den Erhalt der Artenvielfalt auf 80 Milliarden Dollar - weniger als 20 Prozent der weltweiten Ausgaben für Erfrischungsgetränke. "Momentan", sagt Schaefer, "bringen wir 12 Prozent der Summe auf." (Juliette Irmer, DER STANDARD, 3.9.2014)

  • Der Atlantische Lachs wurde nach evolutionären Prinzipien geschützt. Zum  Beispiel durch ein Verbot der Sportfischerei zu Beginn der Lachswanderung.
    foto: corbis/bouchard

    Der Atlantische Lachs wurde nach evolutionären Prinzipien geschützt. Zum Beispiel durch ein Verbot der Sportfischerei zu Beginn der Lachswanderung.

Share if you care.