Der Rote-Nasen-Eiskübel-Spagat

Blog4. September 2014, 05:30
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Dass jene US-Stiftung, die über die Ice Bucket Challenge Millionen lukrierte, angeblich einen ineffizienten Umgang mit Spendengeldern pflegt, ist schlimm - aber kein Grund, bei derartigen Spaßaktionen nur beim Fun-Part dabei zu sein: Erstens gibt es auch "korrekte" ALS-Hilfsgruppen. Und zweitens könnte man ja auch anderes per Schütt-Aktionismus unterstützen. Wir wählten den Rote-Nasen-Lauf

Genau genommen ist die Ice Bucket Challenge mittlerweile ein alter Hut. Und genau genommen haben Charlie Sheen und Patrick Stewart die zwei gültigen Schlusspunkte dazu gesetzt. Aber genau genommen ist es trotzdem - und trotz der vorige Woche publik gewordenen (Nicht-)Effizienz der NGO, die da Millionen lukrierte - eine feine und lustige Kampagne. Weil Menschen auf der ganzen Welt - so wie etwa in diesem Video von meinem Hinterhof-Parkplatz - Spaßhaben und Helfen ganz selbstverständlich kombinieren. Die meisten zumindest. Hoffentlich.

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foto: rote nasen

Genau genommen haben die Roten Nasen nicht das Geringste mit der Eiskübelei zu tun. Und wenig mit ALS. Aber trotzdem beginnt dieser Eintrag mit der Kübel-Geschichte. Weil man Zusammenhänge auch schaffen kann: Diesen Sonntag findet in Wien der Rote-Nasen-Lauf statt. Wie jedes Jahr (und wie übers ganze Jahr verteilt auch an etlichen anderen Orten) kann da jeder und jede auf der Hauptallee auf und ab rennen, gehen, hüpfen, krabbeln oder was auch immer tun - denn für jeden zurückgelegten Kilometer legen ein paar Großsponsoren Geld auf den Tisch. Gut so.

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foto: thomas rottenberg

Im Vorjahr stolperten meine Gang und ich zufällig in den Lauf hinein: Wir waren auf einem unserer "Long Jogs" für den Berlin-Marathon - und staunten nicht schlecht, als wir auf der Hauptallee plötzlich zwischen den Menschenmassen fast feststeckten. Aber: Soooo schwer war es dann auch nicht rauszukriegen, warum und für wen da gelaufen wurde.

Wir liefen ein bisserl mit. Und dann, ab dem Lusthaus, weiter ins Gemüse: Die Prater Hauptallee ist zwar ideal, um Intervalle zu laufen oder sonst was Strukturiertes zu trainieren - aber den ganzen Tag den "Strip" rauf und runter zu schnüren finde ich unendlich fad. Trotzdem wären wir uns mies vorgekommen, da - wenn auch kurz - einfach nur mitgelaufen zu sein, ohne auch am anderen Teil der Party teilzunehmen: Ohne es abgesprochen zu haben, spendete jeder jenen Betrag, den sonst Sponsoren hingelegt hätten. Nicht nur für die Hauptallee-Kilometer. Das gehört sich einfach.

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thomas rottenberg

Was das mit der Eiswürfelsache zu tun hat? Nichts. Alles. Denn ich unterstelle jetzt einfach, dass zwei Drittel jener Leute, die sich in den letzten Wochen in sozialen Netzen "bekübelt" haben, keinen Cent locker machten: Als ich mir - für meinen Beitrag - aus einem Lokal eine Ladung Eiswürfel holte, wusste jeder an und hinter der Bar sofort, wozu ich das Eis brauchte. Und erzählte, was, wann und wie er oder sie oder irgendwelche Freunde die Aufgabe gelöst hätten. Als ich fragte, ob sie vorher oder nachher gespendet hätten, kam beredt-betretenes Schweigen. Autsch.

Die kolportierte Ineffizienz beim Spendeneinsatz in der begünstigten Urheber-Stiftung des Memes taugte da (noch) nicht als Entschuldigung: Die Sache kam erst später auf. Und ist auch jetzt kein Grund, nix zu tun: Erstens gibt es auch hierzulande ALS-Hilfsgruppen. Zweitens könnten all jene, die jedem Tierschützer so gerne sagen, dass es „so viele andere wichtige Themen und Bedürfnisse“ gibt, hier ganz problemlos zur Tat schreiten: Choose your own topic.

Genau das taten zwei meiner Lauf-Freundinnen. Womit wir bei den "Roten Nasen“ wären: Die Damen kippten sich Wasser und Eis über den Kopf - und nominierten Gott und die Welt. Zum Laufen. Am Sonntag. Für die "Nasen“. Widerstand war und ist zwecklos: Wir würden ja ohnehin laufen. Warum also nicht gleich mit Sinn und Zweck?

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foto: rote nasen

Und auch wenn wir diesmal angemeldet sind und uns drauf verlassen könnten, dass die Sponsoren für uns zahlen, werden wir unsere Kilometer selbst berappen: Auf den Trainingsplänen stehen Long-Jogs. Langsam, aber weit. Und zwei Stunden fünfundvierzig bleibe ich unter Garantie nicht auf ein und der gleichen Asphaltpiste - aber nur dort wird halt gemessen.

Unmittelbar nachdem meine Freundinnen die Icebucket-Challenge "umgewidmet“ hatten, flatterte die nächste Challenge herein: Elisabeth Niedereder - Profi-Läuferin und Betreiberin der Triathlon- und Ausdauersport-Plattform "Tristyle“ - forderte zur "Spagatchallenge".

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foto: ©www.spagatchallenge.com

"Ich wollte einen witzigen Gegenpart zur Icebucketchallenge und all den anderen Challenges schaffen“, erklärt die Läuferin. Die Eiskübelei habe sie schon "genervt“. Also wählte sie mit der Spagat-Nummer "eine Challenge, die wirklich eine ist: denn dazu muss man zumindest etwas sportlich, ‚flexibel‘ und sportlich ehrgeizg sein - was bei den anderen Challenges ja nicht der Fall war.“

Wenn Niedereder "etwas sportich“ sagt, ist das eine diese typischen Leistungssportlerinnen-Untertreibungen: Hier macht sich fast jeder zum Affen. Niedereder natürlich nicht. Ich schon. Wurscht.

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foto: thomas rottenberg

Weil der Challenge kein Charity-Ziel beigelegt war, hängte ich eines dran: Den „Rote Nasen-Lauf“. Nicht, dass ich geglaubt hätte, dass da irgendwer drauf reagieren würde. Aber: Siehe da, das funktioniert tatsächlich. Jedenfalls meldeten sich ein paar Freunde und Bekannte, die „sonst vermutlich nicht auf die Idee gekommen wären, bei sowas jemals mit zu laufen.“

Auch Nicht-Läuferinnen und Nicht-Läufer. Einer - ein sonst überzeugter Couch-Potatoe, dem man das auch ansieht - sprach von einer Win-Win-Situation: "Wenn wer anderer für eine gute Sache zahlt, weil ich mich bewege, kann ich ja wirklich einmal was für meinen Körper tun.“

Freilich. Die Frage nach seinem Spagat-Bild umschiffte der Kollege: "Alter, schau mich an. Ich bin schon froh, wenn ich beim Schuhezubinden keinen Schweißausbruch krieg.“

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foto: rote nasen

Wie auch immer: Der Wiener "Rote Nasen Lauf“ findet diesen Sonntag im Wiener Prater statt. Ab 9:30 und bis 15 Uhr werden alle Hauptallee-Kilometer gewertet und bezahlt. Und ob man da jetzt wegen einer roten Schaumgumminase oder einem Kübel Eiswasser mit macht, spielt eigentlich keine Rolle. Thomas Rottenberg, derStandard.at, 4.9.2014)

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