Das Paneuropäische Picknick im Wohnzimmer

Userartikel5. September 2014, 17:53
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Kerstin Feirer erzählt von ihrem Sommer 1989 und dem Staunen einer damals Zwölfjährigen angesichts der politischen Umbrüche

Die Sommer meiner Kindheit schienen unendlich. Das lag vermutlich daran, dass die alltägliche Wiederkehr von Tomatensalat, Freibad und des omnipräsenten Nivea-Sonnenmilch-Duftes wenig Abwechslung bot, die kurzweiligen Eindruck hätte hinterlassen können. Die vorstellbaren Abenteuer spielten im Kopf, denn die Welt war zu teuer, als dass es sich mein Vater, der Arbeiter, hätte leisten können, sie mir zu zeigen. Zum Trost bot man mir die Welt der Tagesausflüge, die meist auf der Riegersburg endeten. Im Radio lief täglich Ö1, was sich im Nachhinein als durchaus unüblich für Arbeiterfamilien erwies.

Schwarz und Weiß

Ich wusste damals nicht viel. Schlagworte wie Planwirtschaft waren geläufig, und mein Verständnis, was das alles hätte bedeuten können, hätte ich intensiver darüber nachgedacht, fiel den frühpubertären Ablenkungen zum Opfer. Die Unterschiede der gegenüberstehenden Wirtschaftsformen wurden Punkt für Punkt aufgelistet, waren auswendig zu lernen und wurden in regelmäßigen Abständen abgefragt. Die damalige Ordnung Europas spielte im Lehrplan meiner Kindheit durchaus eine Rolle, wobei auf die Nachvollziehbarkeit wenig Wert gelegt wurde. Vermutlich lag es daran, dass der Eiserne Vorhang nur Hypothesen über die jeweils andere Seite zuließ.

Vom Hörensagen

Meine familiäre Umgebung gab sich auf jeden Fall mit Hörensagen zufrieden und konstruierte daraus Wahrheiten, die verherrlichten und verteufelten, je nachdem, wer darüber sprach. Mein Vater wusste ausschließlich unreflektiert Gutes zu berichten, meine Großmutter verlor kein gutes Wort über die im Osten, die eben dazu beitrugen, dass all das vernichtet wurde, woran sie in ihrer Jugend geglaubt hatte, dem sie blind nachgelaufen war und dem sie viel geopfert hatte - Jugend wie Menschen, die sie liebte.

Im Grunde wussten wir alle nichts. Als Kind hatte ich zumindest nicht den Anspruch oder den Ehrgeiz, etwas über die Länder jenseits von Vorhängen sagen zu müssen. Ich beschränkte mich auf das Zuhören, wenn meine Eltern darüber diskutierten und mein Vater regelmäßig darüber mit seiner Mutter in Streit geriet. Trotz der räumlichen Nähe schienen diese Länder und das Leben dort unerreichbar fern zu sein.

Die Welt durch das Radio

Die dargebotene Sicht auf die Welt schallte durch ein altes Radio, das ursprünglich meinem Großvater gehört hatte und damals in der Küche stand. Meine Mutter hielt sich dort ständig auf, was in erster Linie auf den guten Radioempfang in diesem Raum zurückzuführen war und weniger auf die hausfraulichen Küchenpflichten.

Das Ohr meiner Mutter klebte an jenen Tagen im August 1989 nahezu am Radio. Sobald sie den Nachrichtenjingle vernahm, stellte sie das Radio noch lauter, sodass sich die Worte beinahe überschlugen. Das "Pscht" wurde prophylaktisch verordnet und um "Jetzt ist ... das ist wichtig!" ergänzt. Es folgte: "Die Meldungsübersicht ...", und schnell konnte ich die Schlagworte identifizieren, nach denen die Aufmerksamkeit meiner Mutter suchte. Erst spielte man auf Nebenschauplätze der Nachrichten. Von Ungarn war die Rede, wobei eigentlich kein klares Wort darüber verloren wurde. Es wurde erwähnt und nichts angedeutet.

Spannung lag in der Luft, besonders wenn mein Vater von der Arbeit heimkam und fragte, was es Neues aus Ungarn gebe. Ich bemerkte die besorgten Gesichter, und auf mein Nachfragen hin bekam ich für meine damaligen Begriffe kryptische Antworten, die mehr Auskunft über den Prager Frühling gaben als über das, was eigentlich nicht und auf jeden Fall unausgesprochen in Ungarn im Gange war. Meine Eltern waren sprachlos, da es nichts gab, worüber man hätte sprechen können, nachdem sie nichts wussten und die Informationen, die Licht ins Dunkel hätten bringen können, fehlten. Aufklärung fand statt, als es stattfand: das Paneuropäische Picknick!

"Sie schießen nicht!"

Der Fernseher löste in diesen Tagen das Radio ab. Ich erinnere mich, wie der Fernseher meine Eltern, die an und für sich nichts vom Fernsehen hielten, da es den Menschen dumm halte, zum Zusehen zwang. Die Bilder überschlugen sich um den 19. August. Einig wie selten saßen sie davor und starrten auf die bewegten Bilder, die bewegten. Immer wieder fuhr es aus meiner Mutter heraus: "Sie schießen nicht! Schau bitte, sie schießen nicht!", und ich sah Menschen, die vor etwas davonliefen, um auf etwas zuzulaufen, das sich in den darauffolgenden Monaten als Neuordnung Europas entpuppen sollte.

Ich selbst war gefesselt. Mein Herz schlug bis zum Hals, und selbst jetzt, wenn ich diese Zeilen schreibe, ergreift mich dieses Gefühl, das mich zu Tränen rührt. Kein Tropfen Blut wurde vergossen, und die Tränen meiner Mutter, die sie zurückzuhalten versuchte, kullerten erleichtert über ihre Wangen. "Sie haben sich einfach umgedreht - sie sehen einfach weg!", kommentierte meine Mutter unaufhörlich, schon längst andere Bilder mit ihren aufmerksamen Augen verfolgend.

"Lauf!"

Plötzlich war das Weltgeschehen zu Gast in unserem Wohnzimmer. Ich habe noch immer den Zuruf meiner Mutter im Ohr, als ein junger Mann mit einem kleinen Kind auf dem Arm auf die Grenze des Fernsehapparates zulief und meine Mutter aus Leibeskräften brüllte: "Lauf!" Noch immer ungläubig, dass kein Schuss fallen würde. Dass es sich nicht um Livebilder handelte, war egal. Ich wusste nicht, wie viele Menschen es waren, wer hier flüchtete und vor allem, wovor diese Menschen Reißaus nahmen. Das entzog sich meiner damaligen Welt gänzlich. Ich habe nur gefühlt.

Heute würde ich sagen, es war Solidarität, die mich damals bis in die Haarspitzen erfüllte und mich mitzittern ließ. Selbst mein Vater, der sich mehr als andere dem Sozialismus verpflichtet fühlte, war ergriffen von den Bildern und bangte mit jedem, der das Loch im Zaun passierte, hoffend, dass es einen guten Ausgang finden würde. In diesem Moment rückten wir alle ein Stück zusammen. Wir als Familie und die Welt, so wie ich sie damals wahrgenommen habe. (Kerstin Freier, derStandard.at, 6.9.2014)

Kerstin Feirer (37), zivilrechtliche Mediatorin und Bloggerin, wohnhaft in Gleisdorf

Zum Weiterlesen:

25 Jahre Paneuropäisches Picknick: Gedenken an einen löchrigen Vorhang

Kerstin Feirers Blog

  • Am 19. 8. 1989 flohen bei einer kurzfristigen Grenzöffnung anlässlich einer unter dem Motto "Paneuropäisches Picknick" geplanten Friedensdemonstration auf einer Wiese im ungarischen  Sopronpuszta hunderte DDR-Bürger durch das Grenztor nach Österreich.
    foto: apa/ungarisches tourismusamt

    Am 19. 8. 1989 flohen bei einer kurzfristigen Grenzöffnung anlässlich einer unter dem Motto "Paneuropäisches Picknick" geplanten Friedensdemonstration auf einer Wiese im ungarischen Sopronpuszta hunderte DDR-Bürger durch das Grenztor nach Österreich.

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