Wider die Torheit

4. September 2014, 17:27
12 Postings

Die Welt ist pervers. Die Berliner Band Mutter bestaunt sie mit gesundem Ekel und bemüht sich um Integrität. Ihr neues Album heißt "Text und Musik"

Jetzt sind wir bald durch mit 1914. Endlich. Gaskrieg, Schützengraben, die ersten Panzer, der ganze Wahnsinn. Zeit, an ein anderes 1914 zu erinnern, eines mit Ausrufezeichen: 1914! So titelte das einzige Album der deutschen Band Campingsex aus dem Jahr 1985. Ob der Name sich auf subtile Art mit Geschlechtsverkehr im Schützengraben bezieht, ist nicht überliefert. Und selbst wenn, man möchte es gar nicht wissen. Memorieren kann man Campingsex dieser Tage als frühes Bäuerchen des Max Müller, als erste Langspielplatte seiner zweiten Band nach den Honkas. Deren Lied für Fritz ließe sich mit etwas schlechter Absicht sicher ebenfalls in Richtung Erster Weltkrieg hinbiegen. Aber davon wollen wir ja weg.

Max Müller aber, der gründete nach diesen beiden prächtigen Frühversuchen die Band Mutter. Das war 1986. Die Mauer stand noch. Die Städte waren grau, der Krieg kalt, Punk und die von ihm hervorgebrachte Weltsicht eine Möglichkeit, all das zu thematisieren. Es war die Zeit der seltsamen Bandnamen. Mutter erschien da nur stimmig. Ein Name wie ein Fragezeichen. Wie soll denn das gemeint sein? "Against all Odds", wie das bei Phil Collins hieße, gibt es diese Band heute immer noch, diesen Freitag veröffentlicht sie ihr neues Album. Es heißt Text und Musik. Der Name des Albums steht in einer langen Reihe ähnlich lapidarer Titel wie Hauptsache Musik oder Komm.

Müller gilt bei Kollegen wie Jochen Distelmeyer von Blumfeld als bester deutscher Songtexter. Andere Alben nannte man Du bist nicht mein Bruder, Europa gegen Amerika oder etwas geschwätzig Ich schäme mich Gedanken zu haben, die andere Menschen in ihrer Würde verletzen. Auch die sind letztlich lapidar, nur eins weiter gedreht, sodass sich ein in ihnen vermutetes gewalttätiges Potenzial abzuzeichnen scheint. Das konvenierte mit der Musik, die meist zäh, langsam und laut war. Mutters Musik war eine abweisende Kunst voller Hilfeschreie. Dabei zeigte sich 1994 mit Hauptsache Musik, dass Mutter im akustischen Fach als gelehrige Velvet-Underground-Schüler ebenso überzeugen konnten wie als Zwei-Akkord-Metzger.

Kommerziell verlief ihre Karriere als Selbstausbeutung. Bands wie Tocotronic waren in ihren voll kuhlen T-Shirts und Polyesterjacken dann halt doch knuddeliger. Aber wer mit der Mode geht, geht auch mit der Torheit, und das wollten Mutter nicht. Ihre Karriere wartete mit mehr Waterloos auf, als Napoleon Hämorrhoiden quälten. Man muss an dieser Stelle wieder einmal erzählen, dass Müller ursprünglich Sänger der Ärzte hätte werden sollen. Da er aber nicht zur Probe kam und sich nicht mehr meldete, wurden die Ärzte dann eben als Trio berühmt. Verewigt wurde die Geschichte von Mutter Mitte der Nullerjahre in der Dokumentation Wir waren niemals hier. Der Titel liest sich zwar wie eine Grabinschrift, doch Mutter ist zäh. Nach Trinken Singen Schießen und Mein kleiner Krieg erscheint mit Text und Musik das dritte Album in vier Jahren.

Man könnte dem neuen Werk einen heiteren Pessimismus unterstellen. Der schlägt sich in einem Tonfall nieder, der Überlebenden des Sturms und Drangs oftmals eigen ist. Das hat nichts mit Abgebrühtheit zu tun, dafür sind Müllers Texte zu geradlinig, zu offenherzig in ihrer Verdrehtheit. Einem Lied wie Wer hat schon Lust so zu leben mit seinen Beobachtungen von Menschen, die in den Parks ihre Wäsche waschen, muss man Sozialkritik nicht unterstellen, es ist Sozialkritik. Mit ohne Zeigefinger, versteht sich.

In Text und Musik manifestiert sich die Einsicht, dass das Leben weitergeht. Wieder einmal. Es ist nie perfekt, nicht einmal ansatzweise. Dennoch scheint auf all den Neid, die Missgunst und den Tod die Sonne. Das muss man erst einmal aushalten. Müllers Texte handeln infolge vom Durchschummeln. Dazu krümmt man sich meist, deckt sich, will nicht gesehen werden. Nicht Müller, nicht Mutter. Sie bleiben aufrecht, nur so ist ihre spezielle Sichtweise gewährleistet, nur so kriegt man hin und wieder etwas Sonne ab. Also trägt ein Uptempo-Beat ein Lied wie Ihr kleines Herz, es dröhnen die Gitarren stellenweise wie früher, nie zu laut, nie lächerlich rockistisch.

Mutter spielen ihre Pop- und Rockmusik mit seltener Integrität. Die Welt ist pervers, das ja. Mutter bestaunen sie mit gesundem Ekel, besingen sie mit distanzierter Direktheit. Aus dem Schauen und Staunen kann man lernen oder nicht, mit Erkenntnis wird nicht gerechnet. Dafür lebt man schon zu lange. Man ist bescheiden gemacht geworden. Am Ende heißt es folglich: "Ich will nichts mehr als das."

Wahrscheinlich ein Meisterwerk. (Karl Fluch, Rondo, DER STANDARD, 5.9.2014)

Mutter, "Text und Musik" (Muttermusik / Rough Trade)

  • Mutter um Sänger Max Müller (der mit der Sonnenbrille) beobachten erneut die Welt.
    foto: george schmid

    Mutter um Sänger Max Müller (der mit der Sonnenbrille) beobachten erneut die Welt.

Share if you care.