Kurzstrecken-Zugvögel sprinten im Frühling und lassen es im Herbst ruhig angehen

6. September 2014, 18:35
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Schwedisches Forscherteam analysierte Zugverhalten von Sperlingsvogelarten

Sperlingsvogelarten, die es vorziehen, bei Nacht zu ziehen, fliegen im Frühling schneller als im Herbst. Dieser saisonale Unterschied der Fluggeschwindigkeit ist besonders auffällig bei Vögeln, die nur kurze Strecken überwinden müssen, wie schwedische Wissenschafter berichten.

Ihre Forschungsergebnisse sammelte die Wissenschafterin Cecilia Nilsson von der Universität Lund in einer Forschergruppe um Professor Thomas Alerstam über einen Zeitraum von drei Jahren mittels eines 'Tracking Radars'. Das Radar maß die Geschwindigkeit der Vögel, die über die Halbinsel Falsterbo, einen Kotenpunkt für Zugvögel im Südwesten Schwedens, hinwegflogen. Diese neuen Ergebnisse stimmen mit Aufzeichnungen über Fluggeschwindigkeit anderer nachtaktiver Sperlingsvogelarten an anderen Orten im Süden und Norden Schwedens überein.

"Der frühe Vogel fängt den Wurm"

Die jahreszeitlichen Unterschiede der Fluggeschwindigkeit sind bei den sogenannten Kurzstreckenziehern stärker ausgeprägt. Nilsson und ihre Koautoren gehen davon aus, dass diese Vogelarten im Frühling schneller fliegen, weil bei ihnen die größere Notwendigkeit besteht, ihre Nistplätze als erste zu erreichen. Sprichwörtlich "der frühe Vogel fängt den Wurm", d.h. die schnelleren Vögel könnten sich die besten Brutplätze, Partner und andere Ressourcen aussuchen.

Auch wenn die Zeitersparnis durch den Sprintflug im Frühling unbedeutend erscheint, so ist sie wichtig. Denn sie bestimmt die Reihenfolge, in der die einzelnen Vögel an den Nistplätzen eintreffen. Im Herbst dagegen lassen es die Vögel langsamer angehen, weil sie nicht so sehr unter Druck stehen, um ihre Winterquartiere zu erreichen.

Mit dem Wind fliegen

Der Wind ist das Naturelement, das den stärksten Einfluss darauf hat, wann die Vögel ihre Reise antreten. Nilsson und ihre Kollegen fanden heraus, dass Sperlingsvogelarten den Zeitpunkt ihres Flugs genau abstimmen können, um den Wind bestmöglich auszunutzen und dadurch ihren Flug entsprechend zu erleichtern. Denn bei Kurzstreckenziehern liegt die Grundgeschwindigkeit (Geschwindigkeit relativ zum Boden) höher als die Fluggeschwindigkeit (eigene Geschwindigkeit relativ zu den Windgeschwindigkeiten) in beiden Jahreszeiten. Die Vögel lassen sich also vom Wind tragen.

Im Gegensatz dazu fliegen Langstreckenzieher im Herbst häufig mit Geschwindigkeiten, die höher liegen als ihre Grundgeschwindigkeit, weil sie gegen den Wind fliegen. Diese Forschungsergebnisse stimmen mit Ergebnissen früherer Studien überein, die an der Universität Lund durchgeführt wurden. Diese zeigten, dass Langstreckenzieher im Durchschnitt nur in sehr geringem Ausmaß von den Windverhältnissen profitieren.

Flexible Kurzstreckenzieher

Die Wissenschafter um Nilsson berichten auch im Fachblatt "Behavioral Ecology and Sociobiology", dass Kurzstreckenzieher einen flexibleren Zeitplan besitzen, weil sie auf Nächte mit guten Windbedingungen warten können. Langstreckenzieher dagegen müssen mehrere Nächte fliegen, um ihre Nistplätze zu einem günstigen Zeitpunkt zu erreichen — selbst wenn sie dabei ungünstige Windbedingungen in Kauf nehmen müssen. Wenn sie auf Nächte mit guten Windbedingungen warten würden, würde sich ihre Reise verlängern.

"Diese Forschungsergebnisse zeigen eine überraschend fein abgestimmte saisonale Anpassung der Fluggeschwindigkeit und der Berücksichtigung der Windverhältnisse. Dies ist eine der verschiedenen Verhaltensstrategien, mit denen sich Sperlingsvogelarten dem unterschiedlichen Zeitdruck beim Vogelzug im Frühling und Herbst anpassen", fasst Nilsson zusammen. (red, derStandard.at, 06.09.2014)

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