Appell an die Vernunft

Kommentar2. September 2014, 18:24
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Der IS-Terror hat auch in Österreich Folgen - vor allem Musliminnen leiden darunter

Die Meldungen über Tätlichkeiten oder zumindest grobe Unfreundlichkeiten häufen sich: Seien es die Attacken gegen zwei ältere Frauen mit Kopftuch, sei es die Beschwerde einer Wien-Touristin aus den Arabischen Emiraten, der ein Passant kurzerhand den Gesichtsschleier herunterriss: Offenbar haben viele in Österreich das Gefühl, hinter jeder Ecke lauerten gewaltbereite Jihadisten. Dass sich antimuslimische Aggressionen wieder einmal vorwiegend gegen Frauen richten, ist besonders perfide, geht doch, laut allen einschlägigen Untersuchungen, die größere Gefahr von gewaltbereiten, weil frustrierten jungen Männern aus. Da ist es natürlich wesentlich mutiger, sein Mütchen an den (vermeintlich) schwächeren Frauen zu kühlen.

Es wird Zeit, dass sich die Gemüter wieder beruhigen und die Vernunft zurückkehrt. Nicht unter jedem Kopftuch verbirgt sich eine Selbstmordattentäterin, nicht hinter jedem langen Kleid eine Demokratieverweigerin. Die gemäßigten Muslime Österreichs - und die sind die bei weitem überwiegende Mehrheit - haben verdient, dass man sie in Schutz nimmt.

Es sei "schlimmer als nach 9/11", sagte eine junge Muslimin vor kurzem zum Standard. Damals sei wenigstens, einige Monate nach den Terroranschlägen auf das World Trade Center, ein Ruck durch die Gesellschaft gegangen, der Ruf nach Mäßigung und Enthysterisierung sei von vielen verbreitet und getragen worden. Nun seien, mit immer neuen Schreckensmeldungen über junge Leute, die IS als Pop-Phänomen anhimmeln und (leicht)gläubig in den "Heiligen Krieg" ziehen, schier endlose Verdächtigungen, Anschuldigungen und teils auch Respektlosigkeit, Hohn und Zynismus gegenüber Muslimen zu spüren.

Ein gerüttelt Maß an Eigenfehlern ist Österreichs Muslimen freilich nicht abzusprechen. Man argumentiert nicht, man duckt sich weg, man agitiert höchstens in sozialen Netzwerken - und da oft genauso undifferenziert und schlicht dumm, wie es einem nun selbst entgegenschlägt.

Österreichs gemäßigte Muslime müssen sich zusammentun, sie müssen andere Glaubensgemeinschaften offen ansprechen, den Dialog suchen. Ein Zugehen auf die Israelitische Kultusgemeinde etwa wäre nicht nur ein Imagegewinn. Es wäre ein echter Fortschritt im Verhältnis zueinander. Dann müsste man aber endlich klare Worte zur Hamas finden und klarstellen, dass es genauso inakzeptabel ist, Israel als "Kindermörder" zu beschimpfen.

Ferner muss man nach innen und nach außen klar machen, dass Erdogans Propagandashow in eigener Sache in Österreich künftig nicht erwünscht ist. Zudem muss es ein entschiedeneres - und akkordiertes - Auftreten gegen muslimische Hassprediger geben, ein öffentlich unterbreitetes Angebot an das Innenministerium, gemeinsam gegen Radikalisierung vorzugehen und "Rückkehrer" zu betreuen. Dazu gehört aber auch, Druck für eine Reform des Bildungssystems aufzubauen. Wenn dieses immer weniger jungen Leuten eine Chance bietet, ist in jeder Hinsicht Feuer am Dach.

Besonders gefordert ist der Chef der Islamischen Glaubensgemeinschaft, Fuat Sanac. Selbst wenn die IGGiÖ nicht von allen als Vertretung anerkannt wird, hat sie doch eine gewichtige Stimme, die sie auch erheben sollte. Nach Sanacs jüngstem "Profil"-Interview sind Zweifel angebracht. Die wiederholt vorgebrachte Kernaussage Sanac' lautet: "Was kann man denn tun?" So werden die Probleme nicht zu lösen sein. (Petra Stuiber, DER STANDARD, 3.9.2014)

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