Eintracht von Explosion und Stille

2. September 2014, 17:42
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Dynamisch statt schwerfällig: Die Retrospektive von Arnulf Rainer in der Albertina

Wien - Zugegeben, die Vorstellung von zig Sälen und mehr als 120 Werken hatte etwas Ermüdendes - sie ließ ein Abschreiten von Arnulf Rainer, eine Retrospektive der vielen Meter vermuten. Umso erfreulicher ist, dass alles anders ist: Statt nicht enden wollender Raumfluchten wählte man die Basteihalle der Albertina und schuf mit Sichtbeton-Stellwänden eine offene Struktur. Und auch die Bilderdosis ist eine, an der man sich labt statt übersättigt.

Ein Display also, das das kuratorische Prinzip der "Vorgriffe, Rückgriffe und Durchblicke" (Albertina-Direktor Klaus Albrecht Schröder) zu einem Angebot für Besucher macht: etwa ein Werk von über 65 Jahren nicht als rein Lineares zu betrachten, sondern als eines, das denselben Fragestellungen immer wieder neue Lösungswege abringt. "Wo verläuft die Spur, die alles im Wesentlichen zusammenfasst?", formulierten die Kuratoren (Antonia Hoerschelmann und Helmut Friedel, der die Schau 2015 im Museum Frieder Burda zeigt) ihr Ansinnen.

Es beginnt mit dem dynamischen "Kritzeln" von 1951, Rainers sogenannten Vertikal- und Zentralgestaltungen, die die Bildmitte zerfurchen und akzentuieren, die Fläche von der Mitte heraus aufspreizen oder sich wie in Auflösung zu einem Wust aus Zeichenkürzeln, zu einem Materieknäuel verdichten. Zentrale Kruzifikation heißt eine dieser frühen Arbeiten und verweist damit auf das elementare Thema Kreuz.

Hier könnte man bereits das erste Mal ausscheren oder zu anderen Werkkomplexen hinüberschielen, selbsttätig die Chronologie durchbrechen, so wie es die Kuratoren nahelegen.

Rasch auf Rainers Proportionsstudien (1953/54) - oft Collagen - folgen die Übermalungen, die er 1954 beginnt: Wie sehr die Frage nach dem Ausloten und Aufteilen von Fläche in dieser Gruppe fortwirkt, unterstreicht ein Gemälde, das dem hypnotischen Schwarz einen weißen Horizont entgegenstellt. Oft sind Rainers Zumalungen der Leinwände viel radikaler, dafür wirken die weiß gebliebenen Stellen umso kraftvoller: Die Mitte ist besiegt, es lebe der Rand!

Die Körperlichkeit von Rainers Hand- und Fingermalerei (ab 1970) findet in seinen körperbetonten Selbstinszenierungen, den gewaltvoll zerkratzten und energisch mit Farbe durchpflügten Bildnissen eine Fortsetzung. Ihr explosiver Gestus der Auslöschung wird vom Betrachter nicht nur über die Augen erfahren.

Eine Entdeckung ist die Serie Schwarze Mumien (1980/81): Sie überträgt die Übermalungen auf Objekte - auf einfache Holzbretter und -leisten. Und auch der Weg von den Zumalungen zu den leuchtenden Farbschichtungen (ab 1990) wird hier beschritten.

Eine Retrospektive als leichte Reise! Nur das Vorenthalten der Bildtechniken (Tusche, Kreide, Öl?) verdient Tadel. (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD, 3.9.2014)

Bis 6. 1. 2015, www.albertina.at

Die Retrospektive in der Albertina wird ergänzt durch die Ausstellung mit dem Arbeitstitel "Fünf Jahre Arnulf Rainer Museum Baden", ab 19. 10., www.arnulf-rainer-museum.at


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Atelierbesuch bei Arnulf Rainer: "Ich erkenne immer nur die Schwächen"

  • Arnulf Rainer: "Face Farces: Farbstreifen" (1972).
    foto: albertina

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