Von der Verzagtheit an kargen Orten

2. September 2014, 17:16
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Lapidaren Humor und einen Anflug von Melancholie verbreiten auf dem Filmfestival Venedig neue Arbeiten des Schweden Roy Andersson und des Koreaners Hong Sang-soo. Außer Konkurrenz beeindruckt Frances McDormand als harsche Lehrerin

Der Scherzartikelvertreter ist traurig. Den Grund dafür muss man nicht lange suchen. Das Geschäft mit extralangen Vampirzähnen stagniert. Selbst auf dem Lachsack, "einem Klassiker", bleiben Jonathan und sein Kollege Sam immer öfter sitzen.

Die beiden älteren Herren gehören zum Figurenensemble von A Pigeon Sat on a Branch Reflecting on Existence. So heißt die neue Arbeit des inzwischen 71-jährigen Schweden Roy Andersson, der seit1970 ein schmales und eigenwilliges Werk von nunmehr fünf Langfilmen veröffentlicht hat (und sich außerdem als Werbefilmer etablierte).

Der neue Film komplettiert eine Trilogie, die mit Songs From The Second Floor 2001 begonnen hat. Wie dieser ist er in Szenen gegliedert, die jeweils aus einer Einstellung bestehen und an karg ausgestatteten Orten mit fahl überschminkten Figuren lapidare Begebenheiten und Kalamitäten aus dem Alltag (und der schwedischen Geschichte) zuspitzen. Etwa: Was tun mit Brötchen und Bier, die ein Gast in der Bordkantine noch bezahlen konnte, bevor er tot umfiel? "Wir können das nicht noch einmal verkaufen." Ein Mitreisender nimmt es schließlich auf sich, das Glas zu leeren.

Der lapidare Humor bleibt bei Andersson an eine zutiefst melancholische Weltsicht geknüpft. Einer heitereren Spielart begegnet man in den Arbeiten des koreanischen Regisseurs Hong Sang-soo. Im knapp einstündigen Hill of Freedom kommt der Japaner Mori nach Seoul, um dort eine geliebte Frau wiederzufinden. Er trifft sie nicht an. Während er auf ihre Rückkehr hofft, seine Tage im Guesthouse, im Café und mit neuen Bekannten verbringt, schreibt er ihr Briefe. Seine Erlebnisse, die er ihr darin schildert, werden allerdings nicht chronologisch erzählt, weil die Empfängerin die Briefe später fallen lässt und man das Geschehen in der Reihenfolge sieht, in der sie diese liest.

Das ist ein ebenso einfacher wie wirkungsvoller Kunstgriff - und ein erfrischender Sidestep in die Sektion "Orizzonti". Den Hauptwettbewerb bestimmen mittlerweile nämlich existenzielle Dramen: ob der Japaner Shinya Tsukamoto mit einem Soldaten 1945 auf den Philippinen eindrucksvoll schonungslos die Entmenschlichung durch den Krieg vorexerziert - oder ob Viggo Mortensen in David Oelhoffens geradlinigem Drama Loin des hommes in Algerien 1954 immer schon zwischen den Fronten steht.

Bravouröse Titelheldin

Es dominieren männliche Hauptfiguren, entsprechend beeindruckten bisher die Performances von Schauspielern. Eine vergleichbare Frauenrolle - und eindeutige Anwärterin auf den Darstellerinnenpreis - war noch nicht zu finden. Frances McDormand lieferte aber außer Konkurrenz ein Bravourstück ab: Olive Kitteridge heißt die Regiearbeit von Lisa Cholodenko (The Kids Are All Right), die als Miniserie für den Bezahlsender HBO entstanden ist und auf Elizabeth Strouts gleichnamigem Roman basiert. McDormand, die das Projekt initiiert hat, spielt die Titelheldin, Mathelehrerin in einer Kleinstadt im Maine, eine harsche Frau, die nach außen unhöflich, zynisch und selbstgerecht wirkt, dabei aber das Beste für Ehemann (Richard Jenkins), Sohn und Nachbarn will.

Olive Kitteridge, von den Macherinnen als "Vier-Stunden-Film" bezeichnet, entfaltet sich in deren Verlauf als vielschichtige, bewegende und originelle Charakter- und Beziehungsstudie. Dass das Fernsehen derzeit dafür mehr Freiraum bietet als das Kino, ist eine andere Geschichte. (Isabella Reicher aus Venedig, DER STANDARD, 3.9.2014)

  • Fahle Gesichter vor ausgestopften Tieren: Der Schwede Roy Andersson entwirft in "A Pigeon Sat on a Branch ..." lakonische Szenen rund um traurige Menschen.
    foto: filmfestival venedig

    Fahle Gesichter vor ausgestopften Tieren: Der Schwede Roy Andersson entwirft in "A Pigeon Sat on a Branch ..." lakonische Szenen rund um traurige Menschen.

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