Assad und IS: Zwei Gesichter des Terrors in Syrien

Kommentar der anderen2. September 2014, 17:12
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In der internationalen Gemeinschaft hört man immer wieder die Meinung, dass Bashar al-Assad angesichts des Vormarsches des "Islamischen Staats" als "kleineres Übel" zu akzeptieren sei. Wer das glaubt, fällt auf die Propaganda eines brutalen Regimes herein

Unglaublich, aber wahr. Bashar al-Assad erklärt sich bereit, gemeinsam mit dem Westen den Terror des "Islamischen Staates" (IS) zu bekämpfen, und mancher Nahostexperte rät tatsächlich, das syrische Regime als "kleineres Übel" zu akzeptieren. Eine fatale Fehleinschätzung, denn Assad und IS brauchen sich gegenseitig, um zu existieren. Sie sind die zwei Gesichter des Terrors in Syrien.

Nur auf den ersten Blick wirken das pseudo-säkulare syrische Regime und die religiösen Fanatiker des "Islamischen Staats" wie Feinde. In Wirklichkeit folgen sie der gleichen totalitären Ideologie: "Entweder du bist für uns oder wir vernichten dich." Assad lässt widerspenstige Zivilisten zu Tode foltern, erschießen, bombardieren, vergasen oder aushungern, IS-Führer Abu Bakr al-Baghdadi lässt sie möglichst öffentlichkeitswirksam hinrichten.

Aber Moral beiseite. Denken wir pragmatisch und seien wir ehrlich. Die IS ist für den Westen die größere Bedrohung, schließlich tötet das Assad-Regime "nur" Syrer, während IS-Anhänger schon bald die erste große Bombe in Europa zünden könnten. Sollten wir also doch an Assads Tür klopfen? Ein paar Infos über die Stellungen der Terroristen im Osten einholen und vor dem Untergang Aleppos im Nordwesten die Augen verschließen? Nein. Denn Assad hat weder den Willen, die Jihadisten zu besiegen, noch ist er dazu in der Lage.

Assads "Terroristen"

Drei Jahre lang hat das syrische Regime alles dafür getan, radikale Islamisten zu seinem mächtigsten Feind zu machen. Anfangs sahen Assads "Terroristen" noch recht harmlos aus: aufmüpfige Schulkinder, Plakate malende Aktivisten, friedliche Demonstranten, Medikamente schmuggelnde Frauen, Ärzte und Sanitäter, Deserteure und freiwillige Kämpfer. Diese gemäßigten Kräfte hat Assad mit größtmöglicher Brutalität bekämpft, während er die ab Anfang 2013 ins Land strömenden Jihadisten geduldet, geschont und sogar gefördert hat. Gleichzeitig hat das Regime religiösen Hass gesät und Al-Kaida-Mitglieder aus den Gefängnissen entlassen.

Die IS wiederum, damals noch Isis (Islamischer Staat im Irak und al-Sham/Großsyrien), hat zunächst nicht gegen das Regime in Damaskus gekämpft, sondern in den "befreiten" Gebieten die Opposition angegriffen. Da das syrische Regime dort gezielt jeden Versuch des zivilen Neuanfangs zerbombte, hatten die Jhadisten leichtes Spiel, zunächst als soziale Wohltäter und dann als selbsternannte Emire aufzutreten, Kleidervorschriften zu erlassen, Musik und Zigaretten zu verbieten.

Nützliches Schreckgespenst

Diese unsägliche Allianz zwischen Assad und IS hat weite Teile des Nordens und Ostens, ein Drittel des syrischen Staatsgebietes, zum Kalifat gemacht. Vielleicht will Assad die Geister, die er rief, nun wieder loswerden? Nein, er will sie schwächen und kontrollieren, aber nicht besiegen. Assad braucht den "Islamischen Staat" als Schreckgespenst, um die Syrer und die Welt in Angst zu versetzen und weiterhin den Retter vor dem Terror und Schutzpatron der Minderheiten spielen zu können. Sein plumpes "Entweder wir oder die Terroristen" -Argument ist nichts anderes als Propaganda zum eigenen Machterhalt.

Assad ist folglich die Ursache des Problems, er kann nicht Teil der Lösung sein. Im Gegenteil. Solange er an der Macht ist, wird Syrien keinen Frieden finden. Angesichts von 200.000 Toten und zehn Millionen Vertriebenen werden die Menschen nicht ruhen, bis das Regime weg ist - zu hoch ist der Preis, den sie bereits bezahlt haben. Assad kann das Land nicht stabilisieren, denn seine schiere Präsenz ist die Motivation aller bewaffneten Gruppen weiterzukämpfen.

Hinzu kommt: Ohne Hilfe von außen, aus dem Iran und Russland, wäre Assad längst am Ende. Eine nationale "syrische Armee" gibt es nicht mehr, Assad stützt sich auf einzelne Eliteeinheiten, auf iranisch befehligte Verbände, Hisbollah-Kämpfer und schiitische Milizionäre aus dem Irak. Er ist folglich zu schwach und zu abhängig von anderen, um ein zuverlässiger Partner des Westens zu werden.

Nein, wir stehen in Syrien nicht vor der Wahl zwischen Assad und dem "Islamischen Staat". 18 Millionen Syrer wollen weder das eine noch das andere, und die Mehrheit der syrischen Rebellen kämpft sowohl gegen Assad als auch gegen die IS-Fanatiker. Wer behauptet, der gemäßigte Widerstand sei aufgerieben, die "Freie Syrische Armee" zerfallen und alle übrigen Brigaden genauso radikal-islamisch wie IS, kennt die vielschichtige Realität nicht.

In der nordwestlichen Provinz Idlib verzeichnet die "Syrische Revolutionäre Front" Erfolge. Der Militärrat von Aleppo hat sich mit der kurdischen PYD (Partei der Demokratischen Union), der PKK-Schwester in Syrien, zusammengeschlossen, um gemeinsam gegen die IS vorzugehen. Mitglieder der "Islamischen Front", Syriens lokale Islamistenverbände, haben die IS aus der Umgebung von Damaskus vertrieben. Und nachdem Syriens moderate Islamisten Mitte Mai erklärten, einen Rechtsstaat anzustreben und Minderheitenrechte zu respektieren, hat sich die Nusra-Front, der offizielle Al-Kaida-Vertreter in Syrien, von den Rebellen distanziert.

Worauf warten wir?

Worauf warten wir noch? Wenn Assads Gegner versuchen, sich über ethnische und religiöse Grenzen hinweg zu einer Front gegen den "Islamischen Staat" zusammenfinden, dann sollten wir diese Entwicklung unterstützen - mit Geld und modernen Waffensystemen. Potenzielle Empfänger kennen wir längst, denn der nationale Widerstand bekommt bereits Hilfe aus dem Westen - nur nicht genug.

Alle syrischen Kämpfer, die die Diktatur in Damaskus stürzen wollen, aber keine internationale jihadistische Agenda verfolgen, sind unsere Verbündeten im Kampf gegen den Terror: den staatlichen des Assad-Regimes und den nichtstaatlichen des "Islamischen Staats". (Kristin Helberg, DER STANDARD, 3.9.2014)

Kristin Helberg (geboren 1973), Journalistin und Politikwissenschafterin, berichtete bis 2008 von Syrien aus über die arabische und islamische Welt für die Hörfunkprogramme der ARD, den ORF und das Schweizer Radio SRF sowie verschiedene Printmedien. Heute freie Journalistin und Nahostexpertin in Berlin. "Brennpunkt Syrien. Einblick in ein verschlossenes Land", 2. aktualisierte und erweiterte Ausgabe 2014 (Herder).

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