"Unser" letzter wissenschaftlicher Laureat

3. September 2014, 12:29
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Vor 40 Jahren erhielt Friedrich August von Hayek, Ökonom und Sozialtheoretiker, den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften. Doch wie viel hatte tatsächlich mit seinem Geburtsland zu tun?

Wien - Das waren noch Zeiten! Im Jahr 1960 behauptete der damalige Nationalratspräsident Leopold Figl (ÖVP) kühn, dass "Österreich prozentuell der Welt die meisten Nobelpreisträger geschenkt" habe. Und Bundespräsident Adolf Schärf (SPÖ) schrieb im Vorwort zur gleichen Broschüre: "Österreich ist mit Recht stolz darauf, dass eine besonders große Anzahl von Männern und Frauen den Nobelpreis erhalten hat, die entweder in unserem Land geboren wurden oder die hier studiert und ihre Forschungen betrieben haben."

Die Publikation dieses Büchleins über Österreichische Nobelpreisträger ist mittlerweile 54 Jahre her, und schon damals waren die Aussagen der beiden Politiker etwas übertrieben, obwohl in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die heimische Ausbeute bei den Nobelpreisen, die seit 1901 vergeben werden, noch recht ansehnlich war. Aber schon damals kursierte das nicht ganz faktentreue zynische Bonmot, dass Österreich das gesündeste Land für Nobelpreisträger sein müsse. Denn gestorben sei hier noch keiner.

Seit 1960 gingen freilich nur mehr vier dieser höchsten Auszeichnungen an Österreicherinnen und Österreicher im engeren Sinn. 2004 gewann Elfriede Jelinek den Nobelpreis für Literatur; 1973 erhielten Karl von Frisch und Konrad Lorenz, die allerdings die meiste Zeit ihrer Karriere in Deutschland geforscht hatten, den Medizin-Nobelpreis.

1974, also vor genau 40 Jahren, wurde der Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften (genau genommen: der 1969 eingerichtete Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften) an den österreichischen Ökonomen und Sozialtheoretiker Friedrich August von Hayek vergeben, einen der wichtigsten Vertreter des Liberalismus im 20. Jahrhundert. Sein Ko-Laureat war übrigens Gunnar Myrdal, der als überzeugter Sozialist ziemlich genau entgegengesetzte Theorien vertrat.

Wege zum Nobelpreis

Dieses runde Jubiläum ist Anlass für eine Veranstaltung des Wissenschaftsministeriums, bei der Wege zu künftigen Nobelpreisen diskutiert werden (siehe Ende des Textes). Hier soll dieses Jubiläum zudem zur Frage Anlass geben, wie sehr der Nobelpreis von Hayeks als "österreichischer" reklamierbar ist. Diese Frage scheint auf den ersten Blick entbehrlich, war von Hayek doch gebürtiger Wiener, hat an der Universität Wien studiert und gilt als einer der wichtigen Vertreter der Österreichischen Schule der Nationalökonomie. Etwas differenziertere Antworten bieten aber womöglich sogar einige Erklärungen, warum Spitzenforschung in Österreich nach 1945 lange so gut wie nicht stattfand.

Die Universität Wien, die demnächst selbst ein rundes Jubiläum feiert, reklamiert Hayek jedenfalls für sich und stellt sein Porträt in einer Nobelpreisträger-Galerie in der Aula aus. Schließlich hat der Laureat nach seinem erfolgreich absolvierten Doppelstudium der Rechts- und Wirtschaftswissenschaften 1929 hier die Lehrbefugnis erhalten und auch kurz als Dozent gelehrt. "Wien war für die intellektuelle Entwicklung von Hayek sicher prägend", sagt auch Hansjörg Klausinger, Ökonom an der WU Wien und Autor eines Einführungsbuchs zu von Hayek (UTB, 2012).

"Wichtiger als die Universität waren aber die außeruniversitären Denkzirkel, die Hayek zum Teil auch selbst organisierte." Klausinger verweist dabei zum einen auf den Kreis um Ludwig von Mises, der - nicht zuletzt wegen seiner jüdischen Herkunft - im Wien der Zwischenkriegszeit an der Universität Wien keine Professur erlangen konnte und stattdessen in seinem Büro in der Handelskammer zu einem Privatseminar lud.

Von Hayeks "Geist-Kreis"

Zum anderen organisierte der junge Hayek, der aus katholischer Familie stammte, selbst ab 1922 seinen privaten "Geist-Kreis", an dem etliche später einflussreiche Nachwuchsforscher aus verschiedensten Disziplinen teilnahmen. Dieses Umfeld sei sicher prägend dafür gewesen, dass sich von Hayek später niemals als "reiner" Ökonom gesehen hat, so Klausinger.

Warum aber dieses starke außeruniversitäre Engagement? "Offensichtlich ist, dass in den 1920er- und 1930er-Jahren die universitären Karrieremöglichkeiten für junge Wissenschafter begrenzt waren", sagt der WU-Professor, der seit vielen Jahren die Geschichte der Wirtschaftswissenschaften in Österreich erforscht. "An der Universität Wien waren alle Ökonomie-Ordinariate auf lange Sicht besetzt und aus finanziellen Gründen keine anderen attraktiven Posten zu erwarten." Dazu kam laut Klausinger freilich auch ein immer stärker werdender Antisemitismus, der durch eine entsprechende Berufungspolitik mit dazu beitrug, dass auch die Wirtschaftswissenschaften und damit auch die "Österreichische Schule" an der Uni Wien lange vor 1938 an Glanz verlor.

Die in jeder Hinsicht schlechte Lage an den Hochschulen ließ von Mises und von Hayek selbst aktiv werden: Sie gründeten 1927 das Österreichische Institut für Konjunkturforschung (das heutige Institut für Wirtschaftsforschung, Wifo), dessen erster Leiter Hayek war und das zumindest für einige junge Dozenten eine Beschäftigungsmöglichkeit bot. So war an diesem von der Rockefeller- Stiftung mitfinanzierten Institut auch Oskar Morgenstern tätig, der Mitbegründer der Spieltheorie, oder Alexander Gerschenkron, später 25 Jahre lang Professor an der Harvard University.

Wie in vielen anderen Fächern entstanden auch in der Ökonomie die bedeutendsten Arbeiten im Wien der Zwischenkriegszeit eher auf außeruniversitärem Boden. Warum das so war, erklärt ein vom Wissenschaftshistoriker Johannes Feichtinger entdeckter Brief von Hayeks aus dem April 1938, in dem er internationalen Hilfsorganisationen erklärte, dass die starken antisemitischen Tendenzen, die spätestens seit dem Ersten Weltkrieg an den österreichischen Universitäten herrschten, "dazu führten, dass vergleichsweise wenige ,Nicht-Arier' akademische Vollzeitstellen inne hatten. Es gibt viele große Männer mit hohem Renommee, die (...) nie eine universitäre Position erhielten." Entsprechend sollte man sich auch um die Rettung dieser Leute kümmern und nicht nur um Universitätsangehörige.

Wendung in der Karriere

Hayek schrieb diese Zeilen bereits in London. 1931 war nämlich eine unerwartete Wendung in seiner Karriere erfolgt: Er wurde zu einem Vortrag an die London School of Economics (LSE) eingeladen und dort prompt auf eine Stelle berufen; 1938 wurde er zudem britischer Staatsbürger, was auch das "von" in seinem Namen erklärt. Die legendären Auseinandersetzungen, die sich von Hayek mit seinem Erzrivalen John Maynard Keynes lieferte, dem Anhänger staatlicher Interventionen in der Wirtschaft, hatten die LSE da bereits zu einem Zentrum der wirtschaftspolitischen Diskussionen gemacht.

Seine weitere Karriere führte den Wirtschaftswissenschafter nach privaten Turbulenzen zunächst 1950 an die Universität von Chicago und danach 1962 nach Freiburg im Breisgau. Die von ihm bevorzugte Berufung an die Universität Wien, mit der er parallel verhandelte, zerschlug sich auch aus finanziellen Gründen, wie Klausinger herausgefunden hat, der gerade zwei Bände für die deutsche Hayek-Ausgabe vorbereitet. Das niedrige Niveau der Wirtschaftswissenschaften im Wien der 1950er- und 1960er-Jahre habe bei der Nichtberufung ebenfalls eine wichtige Rolle gespielt.

Immerhin erhielt von Hayek Ende der 1960er-Jahre an der Universität Salzburg noch für einige Jahre eine Honorarprofessur, zu der Hayek auch Karl Popper überreden wollte. Der Philosoph hatte ebenso wie Hayek an der London School of Economics gelehrt, aber anders als von Hayek war ihm als "Nicht-Arier" in den frühen 1930er-Jahren eine Habilitation an der Universität Wien verwehrt geblieben. In einem Brief schrieb Popper Ende 1969 an von Hayek, dass er seinen Ruhestand gemeinsam mit seiner Frau eigentlich in Österreich hätte verbringen wollen. Aber der Antisemitismus sei hier noch zu stark, zumal in Salzburg, wie Poppers Frau Hennie meinte, und eine Professur eine zu exponierte Stelle.

Sir Karl Popper starb 1994 in London. Und Friedrich August von Hayek, Österreichs bislang einziger Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften, zwei Jahre zuvor in Freiburg. Beide sind in Wien begraben. (Klaus Taschwer, DER STANDARD, 3.9.2014)


Termin

Manche nennen ihn den Austro-Nobelpreis. Der Wittgenstein-Preis, der vom Wissenschaftsministerium und dem FWF vergeben wird, bringt zwar nationale Ehre, dient in erster Linie aber dazu, Spitzenforscher zu fördern.

Gewinner des Wittgenstein-Preises 2014 ist Josef Penninger, und wohl auch aus diesem Grund wird der renommierte Genetiker das Impulsreferat beim nächsten Science Talk des Wissenschaftsministeriums halten. Denn zumindest der Titel der Veranstaltung ist eine Ansage: "Österreichs nächster Nobelpreis in Wissenschaft und Forschung - Wege zum Erfolg".

Mit Penninger diskutieren im Anschluss Sektionschefin Barbara Weitgruber, die Nachwuchsforscher Daniela Pollak und Wolfgang Bogner (MedUni Wien) sowie der Evolutionsbiologe Ulrich Technau (Uni Wien).

8. September, 19 Uhr, Aula der Wissenschaften, Wollzeile 27a, 1010 Wien

  • Nobelpreisträger Friedrich A. von Hayek.
    foto: apa/holz-schwarz

    Nobelpreisträger Friedrich A. von Hayek.

  • Friedrich August von Hayek (links oben) im Kreise jener Nobelpreisträger, die mit der Universität Wien verbunden waren, dort allerdings nicht immer nur gute Behandlung erfuhren.
    foto: standard/corn

    Friedrich August von Hayek (links oben) im Kreise jener Nobelpreisträger, die mit der Universität Wien verbunden waren, dort allerdings nicht immer nur gute Behandlung erfuhren.

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