Rundschau: Der Vibrator des Todes

Ansichtssache27. September 2014, 09:06
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coverfoto: heyne

Stephen Baxter: "Proxima"

Broschiert, 669 Seiten, € 11,30, Heyne 2014 (Original: "Proxima", 2013)

Kaum ein Science-Fiction-Autor ist in seinem Werk so weit in Raum und Zeit vorgedrungen wie der Brite Stephen Baxter. Und keiner so oft. Wenn er sich in seinem jüngsten Roman auf einen Flug zu unserem direkten Nachbarstern Proxima Centauri beschränkt, dann wirkt das wie die Baxter'sche Variante der modernen "Wir backen kleinere Brötchen"-Space-Opera unserer Tage. Die beschränkt sich überhaupt gleich auf unser Sonnensystem. Ganz kann er's dann aber doch nicht lassen: Was für Baxter-Neulinge wie ein Twist kommen mag, wird Altfans vermutlich weniger überraschen. Nämlich dass der Roman doch noch einen Drall in größere Dimensionen bekommt. Es lassen sich ein paar Anklänge an frühere Baxter-Reihen wie "Multiversum", "Die Zeit-Verschwörung" und "Zeitodyssee" feststellen, aber mehr will ich dazu nicht verraten.

Angesiedelt ist der Roman zunächst in den 2060er Jahren und arbeitet sich dann mit einem größeren Figurenpool ein halbes Jahrhundert in die Zukunft vor; aufgemacht wird er an der Reise eines Raumschiffs, das 200 KolonistInnen zum Proxima-System bringt. Und als würden Proxima und Alpha Centauri nicht schon retro genug klingen, heißt das Schiff auch noch "Ad Astra" und es taucht sogar ein Raumfahrer mit dem herrlichen Namen Lex McGregor auf ... Baxter scheint uns direkt ins Golden Age of Science Fiction zurückführen zu wollen.

Per ardua ad astra

Aber nix da. Die Fährte ist eine falsche, wie uns erste Einblicke in die Gesellschaft des späten 21. Jahrhunderts rasch zeigen. Denn die Menschen an Bord sind keineswegs von Pioniergeist erfüllt. Sie wurden "ausgehoben", enteignet und an Bord verfrachtet, damit sich die westliche Hälfte der Welt den neuentdeckten Exoplaneten unter den Nagel reißen kann, ehe es China tut. Als sie nach dreieinhalb Jahren Reise schließlich das Proxima-System erreichen, ist dies daher kein hehrer Moment - stattdessen bricht ein Aufstand los. Und die PionierInnen in spe betreten ihre neue Heimat in Handschellen.

Die Kolonisierung des mit einem originell beschriebenen Ökosystem versehenen Planeten ist ebenfalls keine Heldengeschichte. Aufgeteilt auf genetisch optimale Kleingruppen müssen sich die unfreiwilligen KolonistInnen fürderhin auf Steinzeitniveau durchgfretten.

Es war alles fabelhaft - zugleich aber auch irgendwie erstaunlich öde. So beschreibt es die Hauptfigur dieses Handlungsstrangs, Yuri Eden. Ein Sturkopf, von dem ich viel später im Roman überrascht gelesen habe, dass er zu Beginn etwa Anfang 20 gewesen sein muss (liest sich nicht so). Die Gruppe um Yuri ist wegen diverser Streitigkeiten rasch von 14 auf zwei zusammengeschrumpft, ohne ein einziges Kind gezeugt zu haben - soviel zu den Kolonisierungsplänen. In sarkastischer Ergänzung des Namens ihres wieder davongeflogenen Raumschiffs nennen sie den Planeten übrigens Per Ardua.

We don't need another hero

Yuri ist gleich mehrfach aus seinem ursprünglichen Leben herausgerissen worden, denn vor seinem interstellaren Abenteuer lag er jahrzehntelang im Kälteschlaf. Er stammt also aus der mittlerweile angefeindeten Heldengeneration, die all das vollbracht hat, was man klassischem SF-Pioniergeist so zuschreibt: Raumfahrt, Konstruktion von Mega-Infrastrukturen und anderen technischen Wundern, Verlängerung des Lebens und Künstliche Intelligenzen.

Zur Handlungszeit sieht man das alles nicht mehr so gern, am wenigsten die KIs. Allerdings muss man nolens volens hinnehmen, dass man sich den Planeten inzwischen mit drei Mega-KIs teilt, die sich in Bunkern tief unter der Erdoberfläche geschützt haben und in der Politik durchaus mitmischen. Eben wegen solcher brisanter Erbstücke gilt "Held" nun als Schimpfwort.

Da kann es nicht verwundern, wenn eine weitere Hauptfigur nicht nur eine KI ist, sondern auch noch den Pioniergeist viel stärker "verkörpert" als alle Menschen zusammen. Angelia wird - mit einem langsameren Antrieb als Yuris Mission - nach Proxima vorausgeschickt. Sie ist optimistisch, aufgeschlossen, flexibel und voller Tatendrang, kurz: so, wie man sich eine echte Pionierin vorstellt. Da darf von digitaler Seite aus also durchaus berechtigt gegen den Fleisch-und-Blut-Humanismus geätzt werden, den die Post-Helden-Generation an den Tag legt. Deren Motto lautet: "Wenn es darum geht, die Hand nach einer neuen Welt auszustrecken, kommt es auf echte, physische menschliche Präsenz an. Eine KI wie dich hinzuschicken zählt nicht." Schön, wenn man als empfindungsfähiges Wesen solche Abschiedsworte mit auf den Weg bekommt. Und Angelia wird auf ihrer interstellaren Reise erst noch merken, welch unmenschliche (oder vielleicht besser lebensverachtende) Seiten ihre Mission wirklich hat.

Ziemlich viel auf einmal

"Proxima" ist ein typischer Baxter. Das heißt zunächst mal, dass die Wissenschaft nicht nur eine wichtige Rolle spielt, sondern im Wesentlichen auch passt. Zumindest in der Astronomie hält sich Baxter offenbar stets auf dem Laufenden - so ist z.B. die Idee, dass auch Rote Zwerge wie Proxima Centauri lebensfreundliche Planeten haben könnten, erst in den vergangenen zwei Jahren aufgekommen. Das verknüpfe man dann mit der Chronologie einer planetaren Kolonisierung und besagter Umkehrung des Heldenbegriffs samt deren politischen Implikationen - schon hat man reichlich Stoff für einen Roman.

Wobei es allerdings nicht bleibt. Da wäre ja auch noch die wachsende Kriegsgefahr zwischen dem westlichen Teil der Welt und China. Und nicht nur eine, sondern gleich zwei Expeditionen, die Yuris Mission vorausgeschickt wurden: Die von Angelia und eine noch frühere, für die sich ein einzelner Mann auf eine jahrzehntelange Reise zum Proxima-Planeten hatte schießen lassen; eine ziemliche Wahnsinnstat eigentlich. Die Frage, ob und wann und unter welchen Umständen die Angehörigen dieser drei Missionen schließlich aufeinandertreffen werden, sorgt ebenfalls für Spannung.

Aber das ist IMMER NOCH NICHT alles. Denn da gibt es auch noch die mysteriösen Kernels, die auf dem Merkur gefunden wurden: unerschöpfliche Energiequellen, die den neuen Sternenschiffen der Menschen überhaupt erst ihre hohe Geschwindigkeit ermöglichen. Diese Kernels sind möglicherweise die Hinterlassenschaft von Aliens - was, einmal mehr, Erzählstoff genug böte. Doch ihre Erforschung wird in ein ganz anderes, noch größeres und erfreulicherweise völlig unerwartetes weiteres Rätsel münden: Man stelle sich auf eine große Überraschung ein. Baxter hat sich echt was einfallen lassen! Vielleicht aber auch ein kleines bisschen zuviel.

Ad ultimo

Denn am Ende sehen wir betroffen das Wurmloch zu und alle Fragen offen. Oder so. Dass hier nicht mehr alles geklärt werden wird, zeichnet sich spätestens im letzten Drittel des Buchs ab, wenn Baxter eher immer neue Fässer aufmacht, anstatt auf eines mal den Deckel draufzunageln. Aber verzaget nicht: Die Fortsetzung "Ultima" erscheint - zumindest in der Originalfassung - bereits Ende November.

P.S.: An einer Stelle gibt es übrigens einen indirekten Österreich-Bezug. Und womit sind wir der Nachwelt wohl in Erinnerung geblieben? Mit Josef Fritzl. Brrrrrr.

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