Sanitäter-Alltag: "24 Stunden sind Hardcore" 

3. September 2014, 05:30
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Starke Nerven, Menschenkenntnis und Routine bei der schnellen Diagnose: Das brauchen Sanitäter im Notfall

Wien - Der Einsatzcode lautet "12D02". Genauer: "Andauernde oder multiple Krampfanfälle", Zusatz: "Derzeit kein Notarzt verfügbar." Nähere Details verrät das Display am Armaturenbrett im Rettungswagen nicht. Abgesehen von der wichtigsten Information, dem Ort des Geschehens: "U-Bahn-Station U1 Stephansplatz".

Die Fahrt von der Garage in der Zentrale der Wiener Rettung am Radetzkyplatz im dritten Bezirk bis ins Herz der City dauert nur wenige Minuten: Geschmeidig rast der Einsatzwagen über die Straßenbahnschienen am Ring, dank Blaulicht und gelegentlichem Aufheulen der Sirene weichen Autos aus, springen Fußgänger zurück und lassen sich rote Ampeln ohne Stopp kreuzen.

Das ist nicht selbstverständlich: "Es gibt zwei Arten von Autofahrern: Die Ignoranten und die Ehrenwerten, die sogar ihre neuen Felgen beschädigen, weil sie so nah an den Randstein fahren", sagt Gerald Weichselbaum, seit 13 Jahren Sanitäter, nunmehr im Offiziersrang. Er begleitet den Einsatz. Man könne sich denken, welche Art in Wien häufiger ist.

Eine richtige Herausforderung wird das Vorankommen erst in der Fußgängerzone. Touristen drängen sich am Stephansplatz, manche Passanten scheinen beim Anblick der Rettung wie gelähmt, machen nicht Platz. Doch der Fahrer bleibt ruhig. Kein Grund, sich aufzuregen. Für Sanitäter gehört es zum Job, Schaulustige fernzuhalten, Wichtigtuer von wirklichen Helfern zu unterscheiden, Angehörige mit Samthandschuhen in ihre Schranken zu weisen - und das alles, während sie versuchen, die medizinische Lage einzuschätzen und in Sekundenschnelle zu handeln. "Man muss auf den ersten Blick sehen, was los ist und die Lage beruhigen", sagt Weichselbaum.

Auf dem Bahnsteig, zu dem die Sanitäter durch das dichte Gedränge geleitet worden sind, liegt eine Frau Mitte 40, wild zuckend, röchelnd und mit Schaum vor dem Mund. Die erste Verdachtsdiagnose: Ein epileptischer Anfall. Mangels Notarzt hat der leitende Notfallsanitäter bereits ein krampflösendes Mittel vorbereitet, das er der Frau über die Nase verabreicht. Dann wird sie auf die Trage gehoben und über die Rolltreppe in den Krankenwagen verfrachtet.

Während der ganzen Zeit strahlen die Sanitäter vollkommene Ruhe aus, arbeiten nahezu still und voll konzentriert. Die Frau bekommt Sauerstoff und eine Infusion; Herzaktivität, Blutzucker und Blutdruck werden gemessen. Einer der drei Sanitäter spricht parallel mit den beiden Bekannten der Patientin. Sie wissen nichts von Epilepsie, finden aber im Rucksack der Frau einen ärztlichen Befund. In Detektivarbeit setzen die Rettungsmänner jeden Schnipsel Information mit den gewonnenen Untersuchungsergebnissen zu einem Bild zusammen, das erlaubt, sofort über die Taktik zu entscheiden. Der Zustand der Frau hat sich verbessert, also startet der Rettungswagen ins Krankenhaus Rudolfstiftung, ohne auf den Notarzt zu warten. Danach ist das Team bereit für den nächsten Einsatz.

"24 Stunden sind Hardcore", beschreibt Weichselbaum den Sanitäter-Alltag. Erst seit kurzem beginnt man bei der Berufsrettung Wien, auf 12,5-Stunden-Dienste umzustellen. Im Schnitt 1200 Patienten versorgt ein Sanitäter im Jahr - und entwickelt dabei die nötige Routine angesichts der menschlichen Dramen, die sich täglich auf den Straßen und in den Wohnungen Wiens abspielen. "Ich habe eine Mauer, die Emotionen abprallen lässt", sagt Weichselbaum. "Die einzigen, die durchkommen, sind Kinder."

Erst vor wenigen Wochen hat Weichselbaum, der im Rahmen des "Peer-Systems" auch als psychologischer Ersthelfer für Kollegen ausgebildet ist, einen tragischen Fall erlebt: Ein Kind war vom Fensterbrett eines Hauses gestürzt. "Da will man dann schon wissen, wie es mit dem Kind weitergeht." Ansonsten werden tagtäglich Patienten in der Notaufnahme abgeliefert: Wie ihre Krankengeschichte ausgeht, erfahren die Ersthelfer nie.

Keine Berührungsängste

"Blut interessiert niemanden", sagt Weichselbaum beim nächsten Einsatz im Amtshaus Favoriten, wo sich eine Frau am Fuß verletzt und eine Menge Blut verloren hat. "Auch alle anderen Körperflüssigkeiten berühren keinen", fügt er hinzu. Verdreckte und verwahrloste Wohnungen, psychisch Kranke und Verwirrte, alte Menschen, die in ihren Wohnungen sterben, Tage, bevor es jemand bemerkt - "gehört zur Routine". Mit notorischen Trinkern und Obdachlosen pflegt man "Beziehungen über Jahre hinweg".

In vielen Fällen hilft schon gutes Zureden, eine große Portion Menschenkenntnis und eine feine Klinge - auch im Umgang mit der Polizei, deren Interessen, nämlich einen Tatort möglichst unberührt zu belassen, der schnellen Hilfeleistung manchmal zuwiderlaufen.

Zum Tod haben die Lebensretter ein lockeres Verhältnis. "Wenn wir zu einem Einsatz fahren, schalten wir um und funktionieren", sagt Weichselbaum. Egal, ob es ein schwerer Unfall oder nur eine Kreislaufschwäche ist.

Irgendwann reicht es dann aber auch: Der Tag, der mit der Reanimation eines Mannes, der fast in der Neuen Donau ertrunken wäre, begonnen hat, endet mit einem Betrunkenen an der Krypta am Heldenplatz. Dann fährt das Rettungsauto zurück in die Garage - für die Sanitäter heißt es erst einmal abschalten. (Karin Krichmayr, DER STANDARD, 2.9.2014)

  • Mit Karacho unterwegs: die Rettung auf dem Weg ins Krankenhaus. Die Sanitäter müssen auf den ersten Blick einschätzen, was zu tun ist und wie der Patient schnellstmöglich versorgt werden kann.
    foto: corn

    Mit Karacho unterwegs: die Rettung auf dem Weg ins Krankenhaus. Die Sanitäter müssen auf den ersten Blick einschätzen, was zu tun ist und wie der Patient schnellstmöglich versorgt werden kann.

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