"Auch als Raucherin war ich für ein Verbot in der Gastronomie"

Interview2. September 2014, 14:12
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Neo-Gesundheitsministerin Sabine Oberhauser will das Rauchverbot in der Gastronomie rasch umsetzen

STANDARD: Ein komplettes Rauchverbot in Lokalen konnte Ihr Vorgänger Alois Stöger nicht durchsetzen. Ist das Ihr Ziel?

Oberhauser: Wir alle wissen, dass Rauchen schädlich ist. Ich werde mit der Wirtschaft reden und schauen, unter welchen Bedingungen sie es sich vorstellen können. Ich möchte das jetzt einmal terminisieren und dann innerhalb einer Frist umsetzen.

STANDARD: Also in dieser Legislaturperiode?

Oberhauser: Stöger hat gesagt, dass er es gerne innerhalb von fünf Jahren hätte. Ich hänge nicht am Datum, ich will diese Diskussion beenden. Wenn es unter fünf Jahren ist, bin ich froh.

STANDARD: Dabei waren Sie ja selbst Raucherin. Sind Ex-Raucher die militanteren Nichtraucher?

Oberhauser: Ich bin keine militante Nichtraucherin. Aber auch, als ich noch geraucht habe, war ich für ein Verbot in der Gastronomie. Wir haben eine Verantwortung für die Menschen, die dort arbeiten. Wenn ich eine Zigarette rauche, rauchen die Kellner und Kellnerinnen passiv zehn Zigaretten mit.

STANDARD: Ihr Koalitionspartner ÖVP verweist ja auf die geltende Regelung und warnt, dass Wirte auf Kostenrückerstattung für den Umbau klagen könnten. Ist das eine Pattsituation?

Oberhauser: Die Gespräche müssen erst geführt werden.

STANDARD: Aber Sie haben mit Erwin Rasinger das Regierungsprogramm ausverhandelt.

Oberhauser: Ich verhandle rasend gerne mit Erwin Rasinger, aber man muss mit den Gastronomen reden und dann weiterschauen.

STANDARD: Wann wollen Sie damit starten?

Oberhauser: So bald wie möglich.

STANDARD: Ist das ein wichtiger Punkt für Sie?

Oberhauser: Im Gesundheitssystem ist es einer von vielen Punkten. Das Wichtigste ist, das Gesundheitssystem als solidarisches System zu erhalten. Das ist das große Ziel, daran dürfen wir nicht rütteln. Alles andere sind Unterziele.

STANDARD: Die Gesundheitsreform ist auf Schiene, was sehen Sie als die größte Herausforderung?

Oberhauser: Wir kennen die Versorgung im Grätzel und in der Gemeinde, durch Ärzte und durch Gesundheitsberufe. Der Patient muss in der Stadt und auf dem Land das bekommen, was er braucht.

STANDARD: In der Steiermark gibt es Probleme, Ambulanzen in der Nacht zu besetzen. Wie wollen Sie dem entgegenwirken?

Oberhauser: Es ist leichter, in der Stadt Arzt zu sein als auf dem Land, weil mehr Ärzte verfügbar sind. Aber es sind auch immer mehr Frauen Ärztinnen, da muss man sich fragen, wie man Kooperationen und Netzwerke schafft. Es wird einer der Punkte der Gesundheitsreform sein, Strukturen zu ermöglichen, dass der Arztberuf wieder attraktiv wird.

STANDARD: In der Steiermark geht es aber um ein Krankenhaus, das zu wenig Personal hat, nicht um den Beruf des Landarztes.

Oberhauser: Das obliegt dem Spitalsträger. Es ist die Frage, wie attraktiv ein Spital für Turnusärzte ist. Das hängt von der Bezahlung, den Arbeitsbedingungen und der Zahl der Nachtdienste ab. Da wird es helfen, wenn wir uns alle gemeinsam auf ein Arbeitszeitmodell einigen.

STANDARD: Sie haben das neue Modell der Primärversorgung angesprochen. Dagegen wehrt sich vor allem die Ärztekammer. Können Sie die Argumente nachvollziehen?

Oberhauser: Man muss eine Struktur schaffen, wo die Patienten das finden, was sie gerade brauchen. Das kann der Hausarzt oder auch der Facharzt sein, aber auch ein Physiotherapeut oder eine Ernährungsberaterin. Es muss ein Netzwerk sein, in dem alle gemeinsam arbeiten. Da muss man den Ärzten die Ängste nehmen. Das Wort Hausarzt haben sowohl Ärzte als auch Patienten gerne. Viele Ärzte stoßen sich am undefinierten Begriff der Primary Health Care.

STANDARD: Auf dem Land wird es eher den Hausarzt geben als in der Stadt?

Oberhauser: Das ist noch nicht klar. Bei der Gesundheitsreform ist das sehr regional organisiert, weil auch Innsbruck anders ist als Wien. Das kann eine Einzelordination genauso wie ein regionales Versorgungszentrum sein. Oder auch eine Praxis, wo sich zwei Frauen abwechseln.

STANDARD: Die Ärztekammer warnt immer wieder vor einem Ärztemangel und der Überalterung der Ärzte. Wie sehen Sie das?

Oberhauser: Eines der ersten Gesetze, die wir finalisieren, ist das Ärzteausbildungsgesetz. Das ist relativ weit verhandelt. Wir müssen schauen, wie die Ausbildung strukturiert wird, wie der Beruf möglichst attraktiv sein kann.

STANDARD: Als Gewerkschafterin müssen Ihnen ja die Arbeitsbedingungen sehr am Herzen liegen.

Oberhauser: Ja, da komme ich her. Wir müssen die Arbeitsbedingungen verbessern. Da ist einiges zu tun. Es geht aber um die Ausbildungsbedingungen für alle Gesundheitsberufe.

STANDARD: Wenn aber ein Drittel aller Jungärzte ins Ausland geht, ist doch in der Vergangenheit etwas falsch gelaufen. Wo muss man ansetzen?

Oberhauser: Das ist eine multifaktorielle Geschichte. Wir hatten in Österreich sehr lange Wartezeiten für Turnusplätze, viele sind ausgewichen. Die Wartezeiten haben sich aufgebraucht, weil der Zugang zum Studium beschränkt wurde. Da muss an vielen Punkten nachjustiert werden, vor allem auch von den Spitalsträgern. Es ist notwendig, junge Ärzte hierzubehalten, aber auch beim Pflegepersonal müssen die Arbeitsbedingungen besser strukturiert werden.

STANDARD: Die EU hat zuletzt Österreich im März wegen der langen Arbeitszeiten verwarnt. Warum ist das so schwierig, eine Arbeitszeitbegrenzung umzusetzen?

Oberhauser: Es laufen Verhandlungen mit Ländern und Spitalsträgern, die Zuständigkeit liegt aber im Sozialministerium.

STANDARD: Sie sind ausgebildete Kinderärztin: Gerade bei Kindern gibt es großen Nachholbedarf, etwa bei der Kinderpsychiatrie, wo es viel zu wenige Ärzte gibt.

Oberhauser: Es gibt zu wenige Ausbildungsstellen. Wir stehen vor der Frage, wie wir mehr Psychiater und Kinderpsychiater ausbilden können. In Kassenverträge können wir niemanden hineinzwingen, da gibt es sicherlich Nachholbedarf.

STANDARD: Wie wollen Sie Anreize setzen, dass Kassenverträge angenommen werden und die Ärzte nicht nur privat ordinieren?

Oberhauser: Das muss man mit den Sozialversicherungsträgern klären. (Marie-Theres Egyed, derStandard.at, 2.9.2014)

Sabine Oberhauser (51), seit Montag Gesundheitsministerin. Die ausgebildete Ärztin war zuvor ÖGB-Frauenchefin und bis 2013 Gesundheitssprecherin der SPÖ.

Kommentar von Michael Völker: Hört zu rauchen auf! Geht auf die Straße!

  • "Viele Ärzte stoßen sich am undefinierten Begriff Primary Health Care", sagt die neue Gesundheitsministerin Sabine Oberhauser.
    foto: der standard/newald

    "Viele Ärzte stoßen sich am undefinierten Begriff Primary Health Care", sagt die neue Gesundheitsministerin Sabine Oberhauser.

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