Marlies Schild: Abschied einer Großen

2. September 2014, 10:07
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Sie ist die erfolgreichste Slalomläuferin aller Zeiten - doch mit 33 Jahren hat das Leben von Marlies Schild andere Prioritäten

Wien - Die Tränen kamen danach. Nach dem Satz, der schon erwartet worden war. "Ich sag's jetzt einfach grad heraus. Ich werde mit dem heutigen Tag meine Karriere beenden."

Marlies Schild war erleichtert, als es raus war. "Vom Kopf und vom Bauch her" war sie sich ihrer Entscheidung zu 100 Prozent sicher. Sie setzt jetzt andere Prioritäten, andere als Kippstangen so schnell wie möglich zu umkurven. Marlies Schild ist 33. "Das ist für eine Frau ein Alter, wo man überlegen soll, wo es hingehen könnte." Sie wünscht sich, eine Familie zu gründen. "Aber man kann die Dinge nicht so genau planen."

Maßstäbe im Slalom

Schilds Karriere war geprägt von der Suche nach dem perfekten Schwung. Im Slalom setzte sie Maßstäbe. 35 Weltcupsiege. Keine andere holte mehr. Den Rekord der Schweizerin Vreni Schneider (34) überflügelte sie in der vergangenen Saison. Mehr Siege in einer Disziplin haben nur der Schwede Ingemar Stenmark (Riesentorlauf 46 und Slalom 40) sowie Annemarie Moser-Pröll (Abfahrt 36). Die Schneider-Marke war ihr letztes großes Ziel. "Da ist mir ein Riesenbrocken vom Herzen gefallen." Den Rekord würde sie gerne "ein Zeit'l behalten".

Den lange herbeigesehnten WM-Titel holte sie 2011 in Garmisch. Die Titelkämpfe habe sie mit gemischten Gefühlen erlebt, nachdem sich vor ihrer Goldfahrt ihr Lebensgefährte Benjamin Raich verletzt hatte. "Es hat eigentlich nur der Sieg gezählt, sonst wäre ich der Loser gewesen."

Einen weiteren WM-Titel holte sie 2007 mit dem Team in Aare, dazu dreimal Silber und zweimal Bronze. Bei Olympischen Spielen wurde sie dreimal Zweite und einmal Dritte. Viermal (2007, 2008, 2011, 2012) gewann sie die kleine Kugel für den Slalom-Weltcup, 37 Einzelsiege (einen im Riesentorlauf, einen in der Kombination) holte sie insgesamt.

Die Kämpferin

Häufig wurde die Saalfeldenerin durch Verletzungen zurückgeworfen. "Ich bin stolz, dass ich mich immer wieder nach vorne gekämpft habe - fragt's mich nicht wie." Mehrfach musste sie sich Knieoperationen unterziehen. Nach einem Trainingssturz in Sölden am 9. Oktober 2008, bei dem sie sich einen Trümmerbruch und eine Fraktur des Schienbeinkopfes zuzog, verlor sie eine komplette Saison. "Es ist außergewöhnlich, wie sie mit Tiefschlägen umgegangen ist, wie sie es mit eisernem Willen und Kraft immer wieder geschafft hat zurückzukommen", sagt ÖSV-Sportdirektor Hans Pum. Schild ist froh, ihre Karriere in einem guten körperlichen Zustand zu beenden.

Als Skirennläuferin lebte die Salzburgerin ihren Traum. Mit sechs Jahren fuhr sie ihre ersten Rennen. Schon in jungen Jahren verletzte sie sich häufig, weshalb aus der Abfahrerin Schild eine Slalomfahrerin wurde. Bei ihrem ersten Weltcup-Rennen am 9. 12. 2001 in Sestriere fuhr sie als 25. in die Punkteränge. Insgesamt bestritt Schild 212 Weltcuprennen, das letzte am 15. März 2014 in Lenzerheide (Platz drei). Beim Interview im Zielraum wurde sie "unbeabsichtigt emotional". Den Wendepunkt habe sie da schon kommen sehen.

Würdigungen

"Ihre Entscheidung muss man akzeptieren", sagt Pum, der gehofft hatte, dass Schild noch eine Saison anhängt. "Sie hat den Sport gelebt." Talent, Fleiß, eiserner Wille und eine außergewöhnliche Skitechnik hätten sie ausgezeichnet. ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel würdigte "die Größte im Slalom der heutigen Zeit. Schade, dass sie aufhört. Aber irgendwann ist der Zeitpunkt gekommen."

Die Lücke, die Schild hinterlasse, so Pum, sei groß. "Nun sind die anderen gefordert." Schild hofft, dass ihre Schwester Bernadette "heuer so richtig durchstartet". Sie selbst freut sich darauf, Rennen als Zuschauerin zu verfolgen, "für Benni nervös zu sein".

Die Wettkämpfe, sagt sie, werde sie vermissen. "Es war eine schöne und intensive Zeit. Ich bin froh, dass ich das erleben durfte. Jetzt ist Zeit, einmal richtig nach Hause zu kommen." (Birgit Riezinger, DER STANDARD, 3.9.2014)

Reaktionen

Hans Pum (ÖSV-Sportdirektor): "Es hat in den vergangenen Jahren viele sensationelle Sportler im ÖSV gegeben, einige davon ragten heraus. Eine davon ist mit Sicherheit Marlies Schild. Sie ist in mehrere Hinsicht außergewöhnlich. Ihre Konsequenz, ihr Trainingseifer, ihre Erfolge und dass sie immer wieder von den Verletzungen zurückgekehrt ist. Damit war sie ein Vorbild in jeder Hinsicht. Ihre Siege sind ein Garant, dass sie auch weiterhin bei jeder Slalomübertragung noch sehr, sehr lange 'dabei' sein wird. Sie ist die erfolgreichste Slalomläuferin der Welt." Zu Schild: "Bitte vergiss nicht Marlies, dass wir im ÖSV Nachwuchs brauchen. Bei den Genen von dir und Benni wird es am skifahrerischen Talent nicht scheitern."

Peter Schröcksnadel (ÖSV-Präsident): "Marlies ist die Größte im Slalom der heutigen Zeit. Sie hat für Österreich viele Siege gefeiert, viel mehr geht nicht. Schade, dass sie aufhört. Aber irgendwann ist der Zeitpunkt gekommen. Marlies hat auf der Jagd nach dem Rekord viel Substanz verloren. Ich wünsche ihr alles Gute für die Zukunft. Sie ist ein Mensch, der die Zukunft sicherlich gut bestreiten wird."

Benjamin Raich (Lebensgefährte): "Ich habe sie nur unterstützen können in ihrer Entscheidung. Wenn man nach einer langen Karriere, wo man viel erreicht hat und emotional verbunden ist, sagen muss, es ist vorbei, ist es nicht leicht. Ich habe auch die eine oder andere Träne verdrücken müssen. Ich bin stolz auf ihre Karriere und auch den Abtritt, wie sie das gemacht hat. Ich habe immer gesagt, du musst das selbst entscheiden, musst das spüren."

Annemarie Moser-Pröll (Rekordsiegerin Ski-Weltcup): "Ich finde es ganz, ganz groß von der Marlies, dass sie diesen Schritt gesetzt hat. Ich glaube, es ist der vollkommen richtige Moment. Ich kann mich an mein Karriereende noch genau erinnern. Ich habe mich damals gefreut, gefreut auf ein anderes Leben, weil die Zeit ja auch so schnell vergeht. Die Belastung vom Training ist wie ein Stein von mir abgefallen, man ist ja doch in einem maschinenartigen Rhythmus drin."

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marlies-schild.com

  • Marlies Schild lässt die Slalomstangen hinter sich, steuert auf einen neuen Lebensabschnitt zu.
    foto: epa/jfk

    Marlies Schild lässt die Slalomstangen hinter sich, steuert auf einen neuen Lebensabschnitt zu.

  • Die Karriere von Marlies Schild im Überblick.

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  • georg pixner

    "She's done it!" Und zwar bei der Ski-Weltmeisterschaft in Garmisch 2011.

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