Mein Freund Wahoo

Kolumne2. September 2014, 11:43
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Man kann Freunde kaufen! Bei Šteka. Gebraucht.

Der schlafende Riese

Seit drei Jahren ist es ein Ritual. Erst wecke ich das Haus unter der großen Pinie auf, indem ich den grünen Knopf auf dem Sicherungskasten drücke und das Hauptwasserventil öffne. Dann wecke ich Wahoo, der schon ein Jahr lang im Nordzimmer schläft. Ich pumpe seine Reifen auf, noch bevor ich ihn aus dem Zimmer rolle. Die Reifengröße ist um etliche Zoll zu groß für meine Statur, aber ich mag es, wenn seine großen Räder mich hochtragen. Auf dem Parkplatz, im Schatten unserer ältesten Zypresse, sprühe ich die Bremszüge, die Kette und alles andere, das beweglich ist, mit Kriechöl ein.

Viel ist ohnehin nicht an Wahoo dran. Es ist nur Fahrrad pur. Kein Schnickschnack. Ein Dreieck aus Leichtmetall, zwei Räder, zwei Bremsen. Na ja – und eine Spitzengangschaltung für die vierundzwanzig Gänge. Sobald alles bis auf den Gangwechsel und das Klicken der Schaltung lautlos funktioniert, schalte ich mein Gewissen auf Standby und überlasse das Auspacken unserer Rucksäcke und unseres Kindes meiner Freundin. Ich aber reite auf Wahoo ins Dorf Sutivan. Zu Klinton, dem Kellner.

Kaffee in der Kavana Palma

Ich weiß noch immer nicht, wie er heißt. Alle nennen ihn nur Klinton, vermutlich weil er dem ehemaligen US-Präsidenten Bill, nach einer unfreiwilligen Abmagerung, entfernt gleicht. Klinton ist der Kellner der Kavana Palma an der vorletzten Kurve vor dem Hafen und immer Herr der Lage, obwohl er den ganzen Vormittag allein arbeitet. Er kommt aus demselben Stück Slawonien wie meine Großeltern, hat vor acht Jahren hier als Sommerkellner angeheuert und arbeitet im Winter auf den Baustellen von Brač. Inzwischen hat Klinton eine kleine Wohnung in Sutivan und einen kleinen Garten mit Gurken, Tomaten, Salat und allem anderen, das ihn auf dem Gemüsemarkt von Sutivan zum nicht Unbekannten macht.

Nur sein Olivenöl kauft Klinton. Bei Šteka, der mir damals das Wahoo aus seinem Fuhrpark der gebrauchten Mieträder verkaufte. Ich stelle das Rad in den Bodengrill vor der Meeresterrasse der Palma, wo es auf mich warten wird, bis mein erster Kaffee und der erste Pelinkovac getrunken sind. Dann werde ich Wahoo wieder besteigen und weiter in das Innere von Sutivan reiten.

Ach, fast hätte ich es vergessen: Die Kavana Palma hat immer die hübschesten Kellnerinnen. Aber erst abends.

Das Glück ist eine Treppe

Es ist so klein, dass sich damals alle wunderten, warum Lidija und Boris hier ein Café eröffnen wollen. Vom Eingang des Café Giro bis zur Kirchenmauer sind es nur zweieinhalb Meter, die Tür führt auf eine enge Treppengasse. Das Innere hat gerade einmal 30 Quadratmeter, und der Boden hat gleich drei Ebenen verschiedener Höhe, weil der Fels, der unter dem Boden liegt, einst noch von den Wellen der Adria angebrandet, beim Bau des Hauses vor rund zweihundert Jahren nie begradigt wird.

Doch gerade die steile Treppengasse wird zum Hit des Giro und zur Quelle des Wohlstandes für Lidija und Boris. Abends geht hier niemand, weil alles, was jünger als 25 ist, hier sitzt und die Jugend feiert. So benötigen L&B keine teuren Tische, Sessel und Bänke. Und die Geografie der Örtlichkeit ist ein Magnet, sodass sich die jugendliche Schar entlang der Kirchenmauer ausbreitet und bis in die Morgenstunden mit dem Sommerrausch Liebe macht.

Doch das ist die Vergangenheit. Längst haben L&B ein viel größeres Lokal in Supetar, ein größeres Haus in Sutivan, einen Pool davor, zwei Autos und ein bärenstarkes Motorboot. Und einen Enkel, nach dem das Boot benannt ist. Heute ist das Giro erst ab dem Nachmittag geöffnet. Bis zum Abend sitzen hier die oft greisen Kartenspieler, die zu zweit oder zu viert Trešeta oder Briškula spielen. Das ist so was wie Bauernschnapsen. Aber abends erwacht das Giro aus der Todesstarre und wird wieder zum Fest des Lebens. Die neue Besitzerin, die Tochter vom Pejić, den wegen seines Bartes alle nur Staljin nennen, hat clever einfache, aber unaufdringliche, schöne und bequeme Sitzgelegenheiten einbauen lassen, sodass niemand, der einmal sitzt, wieder aufstehen möchte. Außer Danijela "Ballerina", mit der ich vor 35 Jahren einen Sommer lang flirtete. Sie steht auf und tanzt, durch Gin plötzlich wieder siebzehn geworden, zu "Oh Carolina". Es geschieht dasselbe, was vor 35 Jahren in der Diskothek Citra geschehen ist: Danijela stürzt und muss am nächsten Tag nach Split, um ihren linken Knöchel zu röntgen.

Am Giro fahre ich nur vorbei. Es ist noch Vormittag. Durch die Treppengasse des Lebens trotten die Kirchgänger zur Messe.

Flirt mit Waffenschein

Das Wort bedeutet so viel wie Happen. Ein kleiner Happen. Mehr bekommt man im Bokuncin nicht. Doch ich habe keine Lust auf Happen und auch nicht auf Ketti, die Kellnerin, die gerade die Tische vor dem Bokuncin deckt. Als ich Lust auf einen Happen Ketti habe und Ketti auf einen Happen von mir, ist gerade Krieg und Kettis Mann ein arbeitsloser, bewaffneter Nationalist. Also lassen es Ketti und ich damals. Für immer. Ich bremse das Wahoo, begrüße sie und frage nach dem Enkel. Von ihrem Mann ist sie seit vielen Jahren geschieden. Ob er seinen Waffenschein regelmäßig verlängert, weiß ich nicht.

In der Café-Bar Marina trinke ich meinen zweiten Kaffee und meinen zweiten Pelinkovac. Früher gehört die Marina auch Lidija und Boris. Doch auch hier, wie einst im Giro, werden sie vom Pächter aus dem Pachtvertrag gebeten, die näheren Umstände und der Wortlaut dieser Bitte sind bis heute Gegenstand von halblauten Gesprächen. Heute hat die Marina eine dieser lästigen Sprühanlagen, die im Minutentakt Wassernebel auf die Gäste herablassen. Doch vormittags ist sie abgeschaltet.

Neben der Marina, am seichtesten und ältesten Teil des Hafens, ist das Imbiss-Café Sidro (Anker), das Naser, dem Albaner, und seinen Söhnen gehört. Hier trinkt Mate der Chronist seinen Morgenkaffee. Normalerweise tritt das Phänomen der "fjaka" auf, wenn die große Hitze zwischen Mittag und 16 Uhr, zur Katzenstunde also, die Menschen hier lahm und mundfaul macht. Doch Mate ist in der Morgenvariante der Fjaka, weil er erst seit zehn Minuten wach ist und noch auf Naser und den Kaffee wartet. Wir reden trotzdem miteinander.

Mate sagt: "Ee ...!" ("Hallo! Willkommen! Wie geht es dir, wie geht es der Familie?")

Ich sage: „Aa ...! ("Hallo! Danke, alles bestens. Wie geht es dir, mein Freund?")

Mate sagt: "Aa ... Ee ..." ("Auch gut! Ich komme dich besuchen, dann trinken wir auf deiner Veranda Schnaps aus dem Johannisbrot!")

Ich sage: "Ee ... Aa ..." ("Super! Komm auf meine Veranda, wann du willst. Dann trinken wir Schnaps aus dem Johannisbrot!")

Dann steige ich auf Wahoo und fahre an der Pizzeria Bracera vorbei. Sie ist noch geschlossen, Kellner Đorđe und Pizzaiolo Gordan werden erst am Nachmittag zu schwitzen haben.

Schrift im Staub

Solange Wahoo Asphalt unter den Reifen hat, gleite ich lautlos entlang des Meeres und der letzten Häuser von Sutivan. Ich bin auf der alten Straße nach Supetar. Nur hundert Meter nach dem Haus der alten Zoe Mamazzi, die uns als Halbwüchsigen ihre Gedichte vorlas und nun längst auf dem Hügel des heiligen Rochus ruht, knirscht unter den Reifen der Kiesel der staubigen, erdigen und felsigen alten Verbindung Sutivans mit dem Rest der Welt.

Nach zwei Kilometern lehne ich Wahoo an eine Zypresse und gehe einige Meter zu Fuß. Hier ist eine Stele mit einem Kreuz. Die Inschrift ist vom Staub bedeckt, den Touristen aufwirbeln, wenn sie mit gemieteten Quads und Buggies achtlos an der Stele vorbeirasen. Da steht, dass an dieser Stelle im Jahr 1944 Napoleon Vladisavić aus Sutivan vom verhassten Besatzer erschossen wurde. Ich glaube, es war ein Frühlingstag im März 1944. Die Stele ist in eine trocken gebaute Begrenzungsmauer eingelassen. Dahinter ist ein alter Olivenhain. Vielleicht haben damals die Deutschen den armen Napoleon an einen dieser Olivenbäume gestellt?

Gleich neben der Stele, in einer besonders tiefen Fuge zwischen den unbehauenen Steinen, hinter einem großen, flachen Kiesel, liegt in Plastik verschweißt das Gras, das ich im Sommer zuvor hier versteckte, damit es auf mich wartet. Es ist noch immer da. Nun kann mein Sommer beginnen. Und Wahoo wird mich durch ihn tragen. (Bogumil Balkansky, daStandard.at, 2.9.2014)

  • Wahoo.
    foto: balkansky

    Wahoo.

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