Visionärin ohne Korsett 

Porträt2. September 2014, 05:30
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Frauenrechtlerin der ersten Stunde und Verfasserin einflussreicher Essays

Lernen sollte sie nicht, dafür aber ein Korsett tragen. Die am 30. November 1858 geborene Rosa Obermayer wuchs in einem bürgerlichen Haushalt auf, an materiellen Gütern mangelte es ihr nie. Ihr Vater war Wirt und betrieb das gutgehende "Winterbierhaus" in Wien. Über den Platz seiner Töchter in der Gesellschaft wollte er keinen Zweifel aufkommen lassen: "Die Frau ist für den Mann da." Bildung ist für diese Aufgabe nicht nötig.

Unter dieser Entbehrung litt die noch junge Rosa sehr. Für ihre Schwestern, erinnerte sie sich später, war es selbstverständlich, dass die Brüder bei der Bildung bevorzugt wurden, sie aber fühlte "beständig wachsende Empörung". Das, was sie in den privaten Mädchenschulen lernte, war für sie keine Herausforderung. Im Alleingang beschäftigte sie sich mit Nietzsche und Schopenhauer. Vor allem die Sprache hat es Rosa angetan. Doch sie wird nicht nur als Schriftstellerin und Essayistin in die Geschichte eingehen, sondern vor allem als Frauenrechtlerin.

Zuvor legte sie aber ihr Korsett ab, das sie sich mit 18 Jahren weigerte zu tragen. Eine weitere Befreiung sah die Wienerin im Zugang zu Wissen. Bessere Bildungs- und Berufschancen standen auch auf der Agenda des "Allgemeinen Österreichischen Frauenvereins" (AÖFV), der für den radikalen Flügel der bürgerlichen Frauenbewegung stand. Der AÖFV wollte auch das Frauenwahlrecht oder den Acht-Stunden-Tag erreichen. 1893 gründete Rosa Mayreder, wie sie seit ihrer Hochzeit mit dem Architekten Karl Mayreder 1881 hieß, mit anderen Feministinnen diesen "Verein". Politische Aktivitäten von Frauen waren verboten, der Titel "Verein" Tarnung. Mayreder wurde Vizepräsidentin und später neben Auguste Flickert und Marie Lang Vorstandsmitglied. Als Freundin und Mitstreiterin von Bertha von Suttner engagierte sie sich in der Friedensbewegung.

"Sie" existiert nur im Kopf

Neben ihrem Einsatz in der ersten Frauenbewegung hat Rosa Mayreder vor allem mit ihren Essays nachhaltige Denkarbeit geleistet. Sie nahm in ihren Schriften vorweg, was zum Dreh- und Angelpunkt der feministischen Theorie des 20. Jahrhunderts werden sollte: Die Geschlechterverhältnisse verdanken sich keiner natürlichen Ordnung, oder wie es Mayreder formulierte: "Das Weib als Abstraktion, als Objekt des Denkens existiert nur im Kopfe des denkenden Subjektes." Viele Jahrzehnte vor Simone de Beauvoirs "Man ist nicht als Frau geboren, man wird es" und vor Judith Butlers Theorie zur Konstruktion der Geschlechter fasste Mayreder diese Gedanken schon um die Jahrhundertwende. Weniger klar sah sie allerdings im Februar 1934. Die christlichsozial gesinnte Mayreder verteidigte den autoritären Kanzler Engelbert Dollfuß in ihrem Bekanntenkreis. "Sie sah nicht, dass durch die Unterdrückung der Sozialisten ein wirksames Mittel gegen den Nationalsozialismus beseitigt wurde", so die Mayreder-Biografin Hilde Schmölzer.

Mit zunehmendem Alter zog sich Rosa Mayreder immer mehr auf das Schreiben zurück. Neben der fordernden Pflege ihres psychisch kranken Mannes widmete sie sich noch der Friedensarbeit. 1936 gab sie gemeinsam mit der Feministin Marianne Heinisch eine Friedensbroschüre für Jugendliche heraus. Zwei Jahre später starb Rosa Mayreder an einem Schlaganfall. (Beate Hausbichler, DER STANDARD, 2.9.2014)

  • Die Vordenkerin Rosa Mayreder wurde auf der letzten 500-Schilling-Note abgebildet.
    foto: apa/önb

    Die Vordenkerin Rosa Mayreder wurde auf der letzten 500-Schilling-Note abgebildet.

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