"Der Pathologe" auf ARD: Schnapstee am Morgen

1. September 2014, 17:24
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Gabriel Byrne arbeitet als "Der Pathologe" in den 1950er-Jahren - Ein weiteres Nostalgie-Settings als scharfer Kontrast zum menschlichem Abgrund

Pathologie-Abteilungen im TV finden sich oft im Keller. Dort ist es schon am frühen Morgen schummrig, und es mutet nicht völlig unpassend an, wenn der Frühstückstee mit einem ordentlichen Schuss Schnaps verfeinert wird. Ohne den fühlt sich "Der Pathologe", den Gabriel Byrne in der dreiteiligen Miniserie verkörpert, seinem Arbeitstag nicht gewachsen. Es ist das Dublin der Nachkriegsjahre, in dem Pathologe Qurike seine Toten untersucht. Sonntagabend machten ihm Frauenleichen mit einem tödlichen Drogenmix im Blut Sorgen.

Die 1950er-Jahre bieten mit ihren strengen Sitten eine besonders hohe Fallhöhe für Frauen. Ein paar Fehltritte, schon ist sie statt "Heiliger" "Hure", und das Elend nimmt seinen Lauf. Dabei waren es doch bloß eine kleine Affäre und ein paar Happy-Pills, deren Konsum angesichts des Dauersauwetters Dublins nur verständlich ist. Doch dann die pornografischen Fotos zu Beschaffungszwecken, Erpressung und mörderische Eifersucht. Bevor Qurike auch nur auf die Idee käme, sich ein moralisches Urteil zu erlauben, liegt die Verknüpfung des Falles zu seiner eigenen Familie auch schon so offen vor ihm wie seine Toten auf dem Seziertisch.

Die vermeintlich geordnete Gesellschaft, mit ihrer überspannten Höflichkeit, den perfekt sitzenden Anzügen für ihn und schicken Kostümen für sie, funktioniert wie bei anderen Nostalgie-Settings als scharfer Kontrast zu fieser Doppelmoral und menschlichem Abgrund. Schön anzuschauen ist das auf jeden Fall. Die Täter bleiben allerdings zu schwarz, die Opfer zu weiß. Immerhin hat es die Psychopathologie von Qurike in sich wie ein Schnapstee am Morgen - und macht Lust zum Weiternippen. (Beate Hausbichler, DER STANDARD, 2.9.2014)

  • Gabriel Byrne als Quirke.
    foto: bbc/steffan hill

    Gabriel Byrne als Quirke.

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