"Alles ist unmöglich“

1. September 2014, 16:50
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Von der Fertigstellung eines Films und von zwei Menschen, die noch viel zu erzählen gehabt hätten

Morgen um neun Uhr früh werde ich im Schneideraum sitzen. Nach zwei Jahren Arbeit am Drehbuch, nach viereinhalb Monaten Vorbereitung, nach sieben Wochen Dreh und vier Wochen kreativer Pause wird für die nächsten zwei Monate ein schmaler Raum mit einem Monstercomputer, einem Sofa und einer Kaffeemaschine mein neuer Arbeitsplatz sein.

Der Schneideraum als Ort des Wunderns

Filmemachen ist schon allein deshalb ein Wunder, weil es dabei so viel zu wundern gibt - was man alles gedreht hat, was man alles nicht gedreht hat, was man glaubt und was man schon wieder vergessen hat, gedreht zu haben. Der Ort dieses Wunderns ist der Schneideraum. Und wenn es heutzutage auch nicht mehr so wie vor dreißig Jahren zugeht, wo das Filmmaterial tatsächlich noch durch die Hände der Cutterinnen und Cutter ging, in Schlangen von den Wänden hing, in Locken auf den Boden kringelte, durch die Perforationen vor-und zurückratterte, markiert, geschnitten und geklebt wurde – die Emotionen sind immer noch dieselben.

Und diese Emotionen sind mit nichts vergleichbar. Weder die Martyrien und Glücksmomente des Drehbuchschreibens noch die abwechselnde Schinderei und Euphorie der Dreharbeit reichen an jene Gefühlszustände heran, die man zusammen mit seiner Cutterin oder seinem Cutter in den Wochen und Monaten durchlebt, in denen der Film zum dritten Mal entsteht.

karl markovics

Wie werden sich Form und Inhalt verbinden?

Hier und jetzt wird sich herausstellen, welche Form sich mit welchem Inhalt verbindet, oder welche Inhalte und Formen einander abstoßen oder aufheben. Ich kann diesen Prozess nicht anders als "metaphysisch" bezeichnen. Es ist, als erfinde sich der Film selbst, als beginne er im Schneideraum ein Eigenleben zu entwickeln, als lernte er zu krabbeln, zu stammeln, zu gehen, zu sprechen und so mit anderen in Beziehung zu treten.

Ich glaube daran, dass alles auf eine ganz bestimmte Art und Weise miteinander verbunden ist – Belebtes und Unbelebtes, Stoffliches und Nichtstoffliches. Ich glaube an die Metaphysik, an eine Welt über der Welt. Und Film ist für mich die adäquate Ausdrucksform dieser "Überwelt". Ich habe meinen neuen Film einmal so beschrieben: "'Superwelt' ist eine Geschichte über Gott und die Welt und über die Beziehung zu allem." Mal schauen, was davon im Schneideraum noch übrigbleibt, wenn morgen früh ein Monstercomputer, ein Sofa und eine Kaffeemaschine mit einem Cutter und einem Regisseur in Beziehung treten.

Das Wichtigste am Schluss

Wer über Film spricht, spricht über Licht und damit auch über Zeit. Vor vier Monaten starb Michael Glawogger. Vor knapp über einer Woche starb Florian Flicker. Mit beiden Filmemachern verbindet mich nicht nur die gleiche Generation und das gleiche Interesse am Bildlichen, sondern auch die gemeinsame Arbeit am, meines Wissens, ersten Langfilm unserer Karriere - "Hund und Katz" von Michael Sturminger. Darin geht es um eine unterklassige Fußballmannschaft, die nächtens in die Häuser von Reichen einsteigt und sich mit dem Diebesgut den Lebensunterhalt finanziert. Michael Sturminger verpflichtete für die elf Fußballer neben Schauspielern auch etliche seiner Regiekollegen und ehemaligen Mitstudenten von der Wiener Filmhochschule.

Bei mir zu Hause hängt immer noch ein Requisitenfoto von damals, auf dem man neben Bernhard Schir, Oliver (O.) Lendl und mir auch Michael Kreihsl, Götz Spielmann und eben Florian Flicker im Fußballdress sieht. Kamera machte damals übrigens Michael Glawogger. Ich erzähle das nicht einfach nur so, sondern ausschließlich so. In Erinnerung an zwei Menschen, denen ich begegnet bin und die nicht nur mir, sondern vielen anderen sehr viel bedeutet haben und die beide noch sehr viel zu erzählen gehabt hätten. Lieber Michael, lieber Florian! (Karl Markovics, derStandard.at, 1.9.2014)

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