Feuriger Reiter, folgsames Pferd

1. September 2014, 17:24
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Das Rotterdam Philharmonic Orchestra, Yannick Nézet-Séguin und Emanuel Ax beim Grafenegg Festival

Grafenegg - Vor zwei Jahren waren Yannick Nézet-Séguin und das Rotterdam Philharmonic Orchestra schon einmal zu Gast in Grafenegg; auch da wurde ein Klavierkonzert von Brahms gespielt, das zweite. Der künstlerische Hausherr, Rudolf Buchbinder, interpretierte es höchstselbst und bot eine Emotionspalette von innigster Zartheit bis zu brutaler Gewalt.

Beim Konzert am Sonntag spielte Emanuel Ax Brahms' d-Moll Klavierkonzert, und was geschah, was man erlebte, war so acht- wie erwartbar. Der 1949 in Lemberg geborene und in Kanada aufgewachsene Pianist erreichte nicht ganz die Drastik und Freiheit Buchbinders: Er agierte nicht mit der "Pranke", auch nicht mit der Delikatheit eines Yefim Bronfman, ihm gelangen auch nicht die kraftvollen Bögen, der Zug eines Lars Vogt. Ax bot eine solide Interpretation, sie wurde mit freudvollem Applaus bedacht.

Nach der Pause dann Rimski-Korsakows Scheherazade. Wie oft hört man im ersten Teil, Das Meer und Sindbads Schiff, das spiralartig sich alterierende Hauptmotiv? Hundertmal und doch nicht oft genug. Der 1918 gegründete Klangkörper aus den Niederlanden beeindruckte mit einer kraftvollen Cellogruppe; die Holzbläser, allen voran der Solofagottist, musizierten beeindruckend elastisch. Vital und keck das Blech, smart die kleine Trommel. Nur bei den ersten Geigen werden rätselhafterweise Musiker mitgeschleppt, die mit ihrer Profession innerlich schon abgeschlossen haben.

In den ersten drei Teilen der Symphonischen Suite fand das hochagile, kraftvolle, aber immer auch tänzerisch-biegsame, gleitende Wirken des jungen kanadischen Chefdirigenten noch keine hundertprozentig adäquate Resonanz im Agieren des Orchesters.

Aber im vierten Teil, beim Fest in Bagdad, hatte der 39-jährige Yannick Nézet-Séguin den Laden beisammen: Der dynamische Dirigent und seine Musiker wurden eins, das Orchester mutierte zum Turnierpferd, das mit schnellsten Reaktionen und höchstem Engagement den Vorgaben seines Reiters folgt. Wow. Da waren ein paar Minuten, die man nicht so schnell vergessen wird; einzigartig wie auch schon Brahms' zweite Symphonie vor zwei Jahren. Ein Mussorgski-Prélude als Zugabe, frenetischer Jubel im Auditorium, großes Kompliment und Dank. (Stefan Ender, DER STANDARD, 2.9.2014)

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