Lucerne Festival: Im Jahr eins nach Claudio

8. September 2014, 11:12
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Die heurige Ausgabe des renommierten Schweizer Festivals gedenkt ihres Mentors

Ganz im Zeichen der Trauer und des Gedenkens an Claudio Abbado stand heuer das sommerliche Lucerne Festival. Naheliegenderweise, war doch der italienische Stardirigent nicht nur beratenderweise an der Gestaltung der neuen, eleganten Konzerthalle durch Jean Nouvel beteiligt gewesen, sondern hatte vor allem durch die Gründung des Lucerne Festival Orchestra und seine legendären Aufführungen mit diesem handverlesenen Quasi-Solisten-Ensemble die renommierte Schweizer Top-Veranstaltung in den letzten zehn Jahren maßgeblich geprägt.

Nach einer Schweigeminute trat der junge lettische Shootingstar Andris Nelsons ans Pult, und die Spannung war groß, will ihn doch die Gerüchtebörse bereits als Nachfolger Abbados an der Spitze des Luzerner Festivalorchesters sehen. Nelsons dirigierte ein noch vom verstorbenen Maestro zusammengestelltes Brahms-Programm.

In der eher kammermusikalisch besetzten "Serenade in A-Dur" konnte der Klangkörper seine Qualitäten noch nicht voll ausspielen, aber in der "Alt-Rhapsodie" mit Sara Mingardo und vor allem in der zweiten Symphonie gelang es dem Hoffnungsträger jedoch, mit seinen an Bernstein erinnernden tänzelnden Schritten und seinen Sandor-Vegh-artigen, oft taktstocklosen Handbewegungen, seine Mitspieler zu den von ihnen erwarteten Höchstleistungen anzuspornen. Stürmischer Applaus und Standing Ovations, was dann schon fast wie eine Investitur wirkte.

Barbara Hannigan in Lack und Leder

Im Zuge der "Late Night"-Schiene kam man dann nachher gleich in den Genuss einer veritablen Überraschung. Der späte Abend begann noch relativ harmlos. Die kanadische Extremsopranistin Barbara Hannigan, die sich in letzter Zeit auch dem Dirigieren zugewendet hat, bot mit Ligetis "Concert Românesc" und Faurés "Pelléas und Mélisande" eine hochinteressante Musikauswahl: alles exzellent dargeboten, aber doch innerhalb der Konzertnormen bleibend.

Aber dann geschah's: Hannigan kam nach der Pause für Ligetis "Mysteries of the Macabre" wieder auf die Bühne - allerdings im schwarzen Lackmini und in schwarzen High-Heel-Lackstiefeln. Und sie dirigierte nicht nur, sondern sie sang auch selbst die Partie des Gepopo-Chefs. Oder sollte man besser sagen: Sie sang nicht nur, sondern dirigierte auch?

Wie dem auch sei, sie selbst findet, wie sie in einem Interview betonte, eigentlich nichts dabei. Pianisten und Geiger dirigierten ja schließlich auch, und zum Singen bräuchte man ja nicht einmal die Hände.

Dem nicht genug, fing dann auch noch ein empörter Zuschauer zu schimpfen an - der sich dann allerdings als niemand Geringerer als Sir Simon Rattle, der wiederum als Nachfolger von Pierre Boulez als Leiter der Lucerne Academy im Gespräch ist, höchstpersönlich in einer Mini-Cameo-Performance herausstellte. Eine einzigartige, atemberaubende Sternstunde, die leider nur acht Minuten dauerte.

In der "Contemporary Music"-Matinée war das fabelhafte Ensemble Intercontemporain unter der Leitung von Matthias Pintscher am Werk. Zuerst spielte man Unsuk Chins schon ein wenig älteres, von balinesischer Gamelan-Musik inspiriertes "Doppelkonzert für Klavier und Schlagzeug", sodann das Monodram des österreichischen Komponisten Johannes Maria Staud mit Robert Hunger-Bühler als Sprecher. Den stärksten Eindruck hinterließ jedoch Pintschers eigenes Werk "Bershit".

Daniel Barenboims West-Eastern Divan Orchestra

Zeitgenössische Musik dann auch beim Gastspiel von Daniel Barenboims West-Eastern Divan Orchestra, dem als Fleisch gewordener Antithese zum aktuellen Gaza-Konflikt bereits ein ermutigender Auftrittsapplaus zuteil wurde. Hier überzeugte nach allgemeinem Dafürhalten des Syrers Kareem Roustoms "Ramal" aufgrund seiner stärkeren dynamischen und rhythmischen Akzentuierung doch weitaus mehr als des Israelis Ayal Adlers doch eher eintönig wirkende "Resonating Sounds".

Barenboim und seine "Divanesen" präsentierten dann neben dem eher herkömmlichen Mozart-Klavierkonzert und dem Zweiten "Tristan"-Akt auch noch ein sehr intelligent zusammengestelltes Programm mit den "spagnolisierenden" Kompositionen von Maurice Ravel, der selbst niemals in Spanien war, wobei vor allem die unbekannteren Werke "Alborada del gracioso" und "Pavane pour une enfante défunte" eine echte Entdeckung und Bereicherung darstellten.

Zum Abschluss gab es dann doch noch den Megahit "Bolero", wobei sich - den entsetzten Reaktionen einiger älterer Damen nach zu schließen - herausstellte, dass dieses geniale, weltberühmte und fast schon "abgenudelte" Stück doch noch nicht Allgemeingut zu sein scheint.

Am beeindruckendsten und ein Schauspiel für sich dabei war Barenboims Dirigat: Es existierte nämlich (fast) nicht. Der Meister begnügte sich die meiste Zeit, bis auf den Schluss, damit, völlig entspannt und lässig mit dem Rücken an der Brüstung lehnend, seinem Orchester dabei zuzuschauen, wie sich das Thema entwickelte und seinen Weg durch die einzelnen Instrumentengruppen nahm. Ein Musterbeispiel der Selbstzurücknahme. Vorbildlich und bewunderungswürdig. (Robert Quitta, derStandard.at, 4.9.2014)

Diese Reise erfolgte auf Einladung von MySwitzerland in Luzern.

Bei "audite" erscheint eine Lucerne Festival Edition mit historischen Aufnahmen von Haskil, Szell, Stern, Casadeus und Kubelik, aber auch von solchen jüngeren Datums wie Abbados Beethoven, Bruckner und Schubert. Werke von Johannes Maria Staud, Matthias Pintscher und Unsuk Chin, wenn auch nicht die oben erwähnten, sind bei Kairos erhältlich.

Das Festival läuft noch bis 14. September.

www.lucernefestival.ch

  • Der junge lettische Shootingstar Andris Nelsons.
    foto: peter fischli/lucerne festival

    Der junge lettische Shootingstar Andris Nelsons.

  • Barbara Hannigan singt und dirgiert, Sir Simon Rattle gibt den empörten Zuhörer.
    foto: lucerne festival/priska ketterer

    Barbara Hannigan singt und dirgiert, Sir Simon Rattle gibt den empörten Zuhörer.

  • Daniel Barenboims und das West-Eastern Divan Orchestra.
    foto: lucerne festival

    Daniel Barenboims und das West-Eastern Divan Orchestra.

  • Der österreichische Komponist Johannes Maria Staud.
    foto: lucerne festival

    Der österreichische Komponist Johannes Maria Staud.

  • göteborgs symfoniker

    Barbara Hannigans Ligeti-Doppel-Performance in Göteborg.

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