Harald Mahrer: Ein Mitdenker als Mitterlehners Mitläufer

31. August 2014, 19:21
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Ein "kritischer Geist" für das Staatssekretariat

Detailreich komponierte Outfits, souveränes Lächeln, akkurat geföhnte Haartolle im Stil des 80er-Jahre-Schnulzenpoppers Rick Astley: Vor der Kamera, so scheint es, überlässt Harald Mahrer nichts dem Zufall. Stylish inszenierte Fotos finden sich vom 41-Jährigen im Internet - als stünde er im Dienste eines Herrenausstatters und nicht der ÖVP.

Auf die Selbstdarstellungsfähigkeit Mahrers wartet nun ein Härtetest. Der Wirtschaftsuni-Absolvent übernimmt eine Position in der Regierung, in der Repräsentation gefragt ist. Reinhold Mitterlehner, der neue ÖVP-Obmann, hat ihn zum Staatssekretär auserkoren, angesiedelt im eigenen Wirtschafts- und Wissenschaftsministerium. Da lautet die unausgesprochene Job-Description: den Chef vor allem von lästigen Pflichten entlasten.

Das Korsett des ministeriellen Lückenbüßers könnte Mahrer einiges an Selbstdisziplin abverlangen, denn es ist anzunehmen, dass der Newcomer gerne mitdenken möchte. Sich den Kopf zu zerbrechen war bisher eine Kernkompetenz des gebürtigen Wieners: Seit 2011 leitet er die Julius-Raab-Stiftung, einen Thinktank des ÖVP-Wirtschaftsflügels, was ihn zur treibenden Kraft des parteieigenen Reformprozesses "Evolution" erhob. Vor dem offiziellen "Kickoff" am Donnerstag rührte Mahrer in den Medien eifrig die Werbetrommel; vom Plädoyer für Mittelstand und Eigenverantwortung bis zur Absage an Steuerlast und staatliche Bevormundung durfte da kein unumstrittenes wie unverbindliches Bekenntnis fehlen. Deutlicher benennt der "kritische Geist" (Eigendefinition) das Sündenregister der Partei, das vom "Zickzackkurs" in der Schulpolitik bis zum urbanen Siechtum reicht.

Der als Schwarz-Grün-affin geltende Neopolitiker hat mit der ÖVP schon bessere Zeiten erlebt, wenn auch im Kleinen. Für die parteinahe Aktionsgemeinschaft führte Mahrer Mitte der Neunziger die Hochschülerschaft der WU an. Beruflich wies sein Weg in die Werbebranche, von 2006 bis 2010 war er geschäftsführender Gesellschafter der Pleon Publico, damals größte PR-Agentur im Land. Dass Verkaufstalent allein keinen Erfolg garantiert, erfuhr Mahrer im Vorjahr: Trotz ausgeklügelter Persönlichkeitskampagne verpasste er das ersehnte Nationalratsmandat. Zuletzt führte Mahrer die Tauern-Holding in Spittal an der Drau, wo er mit Ehefrau Andrea Samonigg-Mahrer, Direktorin im familieneigenen Privatspital, lebt - und seinen Vorlieben frönt: Tanzen und Kochen. (Gerald John, DER STANDARD, 1.9.2014)

  • Harald Mahrer
    foto: standard/fischer

    Harald Mahrer

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