Europa wandelt auf dem Deflationspfad 

31. August 2014, 16:56
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Die EZB steht vor neuen Maßnahmen. An den Finanzmärkten rechnen Börsianer mit noch niedrigeren Zinsen. Wie Anleger reagieren können

Wien - Die Zeichen mehren sich, dass die Eurozone dem wachstumsschwachen Japan immer ähnlicher wird. Nahezu inexistent niedrige Zinssätze nach dem Platzen einer Finanzblase gehören auch in Europa zum Alltag. Zuletzt sind die zehnjährigen Zinsen in Deutschland erstmals unter die Marke von einem Prozent gefallen. Sie haben mittlerweile das Rekordtief von 0,9 Prozent erreicht.

Weit entfernt sind damit die deutschen Bundesanleihen nicht mehr von den japanischen Staatspapieren (siehe Grafik). "Ein dunkleres Bild von der europäischen Wirtschaft und eine deutlich gestiegene Wahrscheinlichkeit für Anleihenkäufe haben die Zinsen nach unten getrieben", resümiert Jim Reid, Anleihenstratege der Deutschen Bank.


Damit gehen Börsianer und Ökonomen von brandneuen Maßnahmen der EZB im Herbst aus. Und das, obwohl die im Juni beschlossenen Milliardenspritzen für Europas Banken (TLTROs) erst im September starten. Die jüngste Erwartung an den Zinsmärkten hat zwei Quellen, sagt Nikolaus Görg, Investmentstratege für die Bank Gutmann, im STANDARD-Gespräch: jüngst schwache Wirtschaftsdaten in der Eurozone, aber vor allem auch eine mögliche Kehrtwende von Mario Draghi. Denn der Präsident der Europäischen Zentralbank hat bei einer Rede vor den wichtigsten Zentralbankern im US-Städtchen Jackson Hole einen möglichen Wandel der Wirtschaftspolitik eingeleitet.

Mehr Schulden

"Er hat die Rolle der Fiskalpolitik hervorgestrichen, das war ein bemerkenswerter Schritt", so Görg. Dazu kommt noch ein aktuelles Arbeitspapier von Ökonomen bei der Europäischen Zentralbank, die das jüngste Argument von Draghi noch einmal untermauert. Eine expansive Fiskalpolitik, also mehr Schulden machen, würde der europäischen Wirtschaft guttun. Das könnte die EZB mit Anleihenkäufen unterstützen, so lesen viele Marktteilnehmer die jüngsten Aussagen Draghis.

Auf ein bevorstehendes Anleihenkaufprogramm deutet auch die jüngste Nachricht hin, dass sich die EZB den Vermögensverwalter Blackrock als Berater für ein mögliches Programm an Bord geholt hat.

Doch was heißt ein japanisches Szenario für Sparer und Anleger? Erst einmal dürften die Zinsen in Europa noch länger noch niedriger bleiben. Friedrich Strasser, Chief-Investment-Officer der Bank Gutmann, sagt: "Ein Zinsniveau wie in Japan würde mich nicht überraschen." Doch auch für Anleiheninvestoren, wie etwa Versicherungen, wird die Luft dünner. In Deutschland sind bereits die Papiere mit Laufzeiten von unter drei Jahren mit negativen Zinsen versehen. Daher seien Aktien zu bevorzugen.

Eine weitere Schlussfolgerung für Strasser: Jene Regionen, die ein höheres Wachstum als Europa verzeichnen, etwa Asien oder die USA, werden "höher gewichtet, die Portfolios werden auch nach den Wachstumschancen ausgerichtet". (Lukas Sustala, DER STANDARD, 29.8.2014)

  • Die EZB will die Wirtschaft in der Eurozone aufpäppeln.
    foto: dpa/boris roessler

    Die EZB will die Wirtschaft in der Eurozone aufpäppeln.

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