Kopf des Tages: Hans Jörg Schelling

30. August 2014, 09:24
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Reformfreudig, selbstbewusst, Pröll-kritisch

Einen Mangel an Selbstbewusstsein oder bescheidenes Auftreten, das kann man Hans Jörg Schelling nicht nachsagen. Kanzler traut er sich zu. Jetzt soll er Finanzminister werden - wenn die Gremien den Wunschkandidaten des neuen Parteichefs bestätigen. Auf den 60-jährigen Chef des Hauptverbands der Sozialversicherungen passt, was als Anforderungsprofil entworfen wurde: Experte und politische Erfahrung.

Letztere hat der Mann mit dem markanten Schnauzbart, seit er 2001 seine Politkarriere in St. Pölten als Stadtrat begann. Zwei Jahre saß der Wirtschaftsbündler im Nationalrat, ein Direktmandat schaffte er indes 2008 nicht.

2009 wechselte er an die Spitze der Sozialversicherung. Unter seiner Ägide gelang es, die Gebietskrankenkassen zu sanieren und eine Bund-Länder-Vereinbarung aufzusetzen. In dieser Position wagte er es, Landeshauptmann Erwin Pröll wegen der hohen Spitalsausgaben Niederösterreichs zu kritisieren. Das hat ihm Pröll nicht vergessen und meldete prompt Widerstand gegen Schellings Kür an. Dabei lebt der gebürtige Vorarlberger, der als Johann Georg aufgewachsen ist und sich in Hans Jörg umbenannt hat, in Niederösterreich. Der passionierte Koch und Vater zweier Kinder betreibt mit seiner Frau Ursula auf dem Boden des Stiftes Herzogenburg Weinbau. Es gibt bereits einen preisgekrönten Traminer.

Wirtschaftskämmerer streuen ihm hingegen Rosen. Seit 2004 ist er einer von Christoph Leitls Vizepräsidenten und verantwortlich für die Reform der Kammer. Der Umbau gelang ihm trotz desAbbaus von Funktionären überraschend geräuschlos.

Aus dem Wirtschaftsbund kennt er den damaligen Generalsekretär und nunmehrigen Parteichef Reinhold Mitterlehner.

Schelling hat auch Erfahrung in der Privatwirtschaft. Nach dem Betriebswirtschaftsstudium war er Geschäftsführer bei Kika/Leiner. Als er sich mit dem Eigentümer überworfen hatte, heuerte er bei der Konkurrenz Möbel Lutz an. 2009 stieg er bei einem Jahresumsatz von zwei Milliarden Euro aus und verkaufte seine Firmenanteile.

"Prozessorientiert" ist eines seiner Lieblingsworte. Auf die Frage nach den Gründen, warum in der Politik keine Reformen angepackt würden, antwortete Schelling vor kurzem im Standard-Interview: "Angst vor Machtverlust, Angst vor unpopulären Entscheidungen und Angst davor, unbeliebt zu sein. Alle drei habe ich nicht." (Alexandra Föderl-Schmid, DER STANDARD, 30.8.2014)

  • Keine Angst vor Unbeliebtheit und Machtverlust und Unbeliebtheit: So beschreibt Schelling sich selbst.
    foto: apa/hochmuth

    Keine Angst vor Unbeliebtheit und Machtverlust und Unbeliebtheit: So beschreibt Schelling sich selbst.

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