Warum bin ich Zeitungsverkäufer geworden?

31. August 2014, 12:00
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Ognjan Borisov Georgiev ist tagsüber und abends Kolporteur, in der Nacht schreibt er Gedichte, Geschichten oder einfach seine Gedanken nieder. Der Schriftsteller Dimitré Dinev hat ihm geholfen, seinen Text an den STANDARD zu schicken

Mein Name ist Ognjan Borisov Georgiev, und ich bin Straßenzeitungsverkäufer in Salzburg. Ich verkaufe die Zeitungen seit zehn Jahren. 364 Tage im Jahr. Von 9 bis 19 Uhr vor dem Spar, von 20 bis 22 Uhr vor einem Kino. Wenn es regnet, regnet es, wenn es schneit, schneit es, und wenn die Welt untergeht, wird man es sowieso nicht aus der Zeitung erfahren.

Eineinhalb Jahre habe ich in einem Flüchtlingsheim verbracht. Anfangs schauten wir Flüchtlinge uns wie die Straßenkatzen auf dem Müllcontainer in meiner Heimat an. Sträubten uns bei jedem scharfen Wort, bei jeder Ungerechtigkeit. Danach gewöhnten wir uns daran, die Wut, die wir mittrugen, mit dem Essen hinunterzuschlucken, lernten, den Frieden über die Länge einer Mahlzeit hinaus auszudehnen.

Ähnlich dem bestraften Signor Berlusconi wurden uns gemeinnützige Tätigkeiten angeboten. Optimismus und positives Denken seien die wichtigsten Formeln eines jeden Vorhabens, hat man uns gelehrt. Voller Optimismus und positiven Denkens stürzten wir uns drauf, Küchen und Klos zu putzen. Die Belohnung war symbolisch, angepasst an die Standards unserer Herkunftsländer. Wegen 12, 50 Euro, die in der Unergründlichkeit des Universums verlorengingen, bekam ich fünf Messerstiche als Erinnerung an jene Zeit.

Reden mit den Kakerlaken

Aber das Leben geht weiter. Alles fließt, das Wasser hinunter, die Preise hinauf. Trotz Optimismus und positiven Denkens gelang es mir lange nicht, Arbeit zu finden. Also begann ich Deutsch am Institut für Germanistik zu lernen, in der Hoffnung, Wort für Wort näher an eine Arbeit zu kommen. Zu einer Arbeit führten mich die neuen Worte nicht, dafür aber zu einer Frau. Sie war voller guter Absichten und Pläne für mich. Lange war es gut, war es schön.

Als mir die deutschen Worte ausgingen, schwiegen wir. Sie mochte meinen Optimismus und mein positives Denken, doch nicht mein Schweigen. Allmählich begannen wir zu verstummen, auch die Worte zu vergessen, die uns einst einander nähergebracht hatten. Gut, dass uns bald ein Bruder aus Afrika aus diesem Zustand erlöste, ein alter Bekannter von ihr, für den sie das Gleiche empfand wie für mich. Über seinen Optimismus kann ich nicht viel sagen, aber sein Deutsch war eindeutig besser als meines.

Nach der Flüchtlingspension war es sehr schwer, eine Wohnung zu finden. Irgendwann habe ich ein Zimmer am Rande der Stadt gefunden. Ich teile es mit einer dichten Population Kakerlaken. Rote und schwarze. Mit ihrer Nachkommenschaft besuchen sie mich sogar nachts im Bett. Anscheinend gefällt ihnen, was ich so träume. Wenn ich etwas Essbares am Tisch vergesse, feiern sie gleich Partys.

Ich rede manchmal mit ihnen. Sie sind buchstäblich die mir nächsten Lebewesen. Wenn die Miete erhöht wird, frage ich sie, ob sie mich nicht materiell unterstützen wollen. Hast du denn kein Herz, siehst du nicht, um wie viele Kinder wir uns sorgen müssen, meinen sie.

Das Zimmer liegt ebenerdig, hat eine Glastür, daneben ein riesiges Schaufenster. Sicherheit und Schutz bietet es nicht, dafür aber absolute Transparenz über das Leben eines Emigranten aus dem Osten. Es ist immer sehr hell drinnen. Im Hellen habe ich gelebt, aber mit immer trüber werdendem Bewusstsein. Denn die Aussichten auf eine Arbeit waren gleich null. So verwandelten wir Flüchtlinge uns, vom Gesetz zur Tatenlosigkeit verdammt, immer mehr und mehr in Psychos. Nun verstand ich, wie die böse Absicht in die Welt kommt. Beschäftige die Kinder in einem Kindergarten nicht, und schon bald bricht das Chaos aus.

Ich habe einiges in meinem Leben gemacht. Ich war drei Jahre Matrose in der Armee, habe als Gießer und als Kaufmann in einer Glasfabrik, am Bau und an Tankstellen gearbeitet, mein Brot in Bulgarien und in Sibirien verdient, an meinem Körper die Wirkung der anstrengendsten Tätigkeiten gespürt, aber glaubt mir, nichts macht so müde wie die Suche nach einer Arbeit.

Gut, dass es für Menschen ohne Geld, ohne Arbeit und ohne Heim den Kulturpass gibt. Du kannst ins Theater, in die Oper, ins Museum gehen und dich für eine Weile vergessen. Manchmal hilft es.

Jonny, tu mir einen Gefallen

Zu der Zeitung hat mich Jonny gebracht. Er war ein Litauer, hat aber behauptet, sein Vater sei Ire. Wer weiß, vielleicht stimmt es auch. Er spielte gern Gitarre und sang, aber das konnte er nicht wirklich. Was er gut konnte, war schneidern, da war er ein Gott. Er brauchte keine zwei Hemden, um eines dem Nächsten zu geben, er konnte aus dem einen gleich zwei schneidern. Ein toller Kerl war der Jonny, es war nur so, dass seine Füße ganz bestialisch gestunken haben.

Wenn er seine Schuhe irgendwo ausgezogen hat, sind alle Insekten im Raum verendet. Keine Ahnung, wie seine Frau das ausgehalten hat. Wenn er bei mir war, habe ich ihm Geranium zwischen die Zehen gesteckt, damit ich halbwegs klar denken konnte. Viel hat es nicht geholfen.

Inzwischen ist Jonny gestorben. Ich hab seinen Sarg getragen. Als ich den Sarg gehoben habe, bin ich erschrocken. Er war so leicht, als ob er leer wäre. Leer wie die meisten Zeitungen. Hey Jonny, tu mir einen Gefallen und zieh deine Schuhe im Himmel aus, damit alle Engel und Heiligen da rauslaufen und endlich einen Blick auf uns werfen.

Jonny hat mich zu der Straßenzeitung gebracht. Anfangs wollten sie mich nicht nehmen. Drei Monate Probezeit musste ich überstehen. Es war schwer, mich zu überwinden, denn ich kam mir wie ein Bettler vor. Es dauert, bis man die Stimme findet, die Stimme, die die anderen auch hören. Aber durch die Provokationen der Leute habe ich gelernt, was ich zu tun habe. Irgendwann konnte ich die Zeitung sogar wie eine Fahne schwingen und wie ein Marktschreier preisen.

So bin ich Straßenzeitungsverkäufer geworden. Tag für Tag verkaufe ich Worte, Worte, die nichts verändern. Was vermag schon ein Wort in einer Welt voller Zahlen. Aus Ärger begann ich selber zu schreiben. Ich musste etwas sagen, etwas, das nicht allein Kakerlaken zu Ohren bekommen. Von Mensch zu Mensch wollte ich sprechen.

Suppe in einem Nonnenkloster

Nun verkaufe ich seit zehn Jahren Straßenzeitungen. Von 9 bis 19 Uhr vor dem Spar, von 20 bis 22 Uhr vor einem Kino. Um 12.30 Uhr gibt es Suppe in einem Nonnenkloster. Man muss aber pünktlich sein.

In der Nacht schreibe ich. Mal ein Gedicht, mal eine Geschichte, mal einen Kommentar, mal einfach meine Gedanken nieder.

Manchmal begegne ich Engeln. Zuletzt sind sie mir in Gestalt einer Dame und ihres Mannes erschienen. Zugegeben, meine Ansprüche gegenüber allem, was dem Himmel zugesprochen wird, sind in den letzten Jahren ziemlich gesunken, sodass ich bereit bin, allein die Verleihung der österreichischen Staatsbürgerschaft als Gottesbeweis anzurechnen. Und trotzdem waren es Engel. Denn sie schaffen es immer, mich mit dem Menschengeschlecht zu versöhnen.

So lebe ich, indem ich versuche, mit fremden und eigenen Worten die Zeit bis zum nächsten Engel zu überbrücken. (Ognjan Borisov Georgiev, Album, DER STANDARD, 30./31.8.2014)

  • "Tag für Tag verkaufe ich Worte, Worte, die nichts verändern. Was vermag schon ein Wort in einer Welt voller Zahlen. Aus Ärger begann ich selber zu schreiben. Ich musste etwas sagen, etwas, das nicht allein Kakerlaken zu Ohren bekommen": Ognjan Borisov Georgiev alias "Ogi".
    foto: wildbild / herbert rohrer

    "Tag für Tag verkaufe ich Worte, Worte, die nichts verändern. Was vermag schon ein Wort in einer Welt voller Zahlen. Aus Ärger begann ich selber zu schreiben. Ich musste etwas sagen, etwas, das nicht allein Kakerlaken zu Ohren bekommen": Ognjan Borisov Georgiev alias "Ogi".

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