Das Kommen und Gehen im hohen Norden

29. August 2014, 05:30
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Die Besiedelung der amerikanischen Arktis war eine wechselvolle Geschichte: Genetische Analysen führen zum bisher genauesten Bild, das wir von der Eroberung eines der letzten freien Lebensräume haben

Kopenhagen/Wien - Ein sonderlich verlockendes Siedlungsgebiet war die Arktis nie - erst recht nicht am Ende der Eiszeit, als die ersten Menschen amerikanischen Boden betraten. Sie kamen zwar über die Landbrücke Beringia im äußersten Nordwesten des Kontinents an. Doch bogen sie augenblicklich rechts ab und zogen nach Süden weiter - bis sie vor 11.000 Jahren schließlich die Südspitze Südamerikas erreichten. Die viel näher an Beringia gelegene amerikanische Arktis hingegen wurde erst vor 6.000 bis 4.500 Jahren besiedelt.

Die Menschen, die die heute hauptsächlich auf den Gebieten Kanadas und Grönlands gelegene Region erstbesiedelten, gehörten nicht zu den veraltet als "Indianer" bezeichneten amerikanischen Ureinwohnern, auch wenn sie wie diese aus Sibirien stammen. Es waren aber auch nicht die direkten Vorfahren der Inuit, die heute in der Region leben: Die trafen erst im frühen zweiten Jahrtausend im Nordosten Amerikas ein, zeitgleich mit oder sogar nach skandinavischen Kolonisten.

Einen neuen Einblick in die komplexe Besiedelungsgeschichte der amerikanischen Arktis bietet eine im Fachmagazin "Science" erschienene Studie. Forscher um Maanasa Raghavan von der Universität Kopenhagen sammelten dafür Proben von insgesamt 169 menschlichen Überresten aus verschiedenen arktischen Kulturen und Zeitaltern. Anschließend verglichen sie diese mit dem sequenzierten Erbgut von Angehörigen heutiger Ethnien. Besonders aussagekräftig waren dabei Vergleiche der mitochondrialen DNA.

Zwei Wellen aus dem Westen

Es zeigte sich, dass die Region über 4.000 Jahre lang von einer Art Meta-Kultur besiedelt war. Obwohl in diesem Zeitraum verschiedenste regionale Kulturen aufblühten und wieder vergingen, sind sie alle auf einen einzigen sibirischen Ursprung zurückzuführen. Bis deren letzte, die sogenannte Dorset-Kultur, schließlich im 13. Jahrhundert von der Thule-Kultur abgelöst wurde: den von Westen her neu eingewanderten Vorfahren der heutigen Inuit.

Exakte Datierungen sind bei Überresten von Meerestieren respektive Menschen, die sich hauptsächlich von solchen ernährt haben, notorisch schwierig. Das Rätsel, ob die Dorset-Kultur schon verschwunden war, ehe ihre Thule-Nachfolger eintrafen, oder ob beide kurz nebeneinander existierten, bleibt daher weiter ungelöst. Hinweise auf einen genetischen Austausch gibt es jedenfalls nur über 4.000 Jahre zurückreichend, als die Ahnen beider Siedlerwellen noch in Sibirien lebten.

Einen Mythos konnten die Forscher auch entkräften: 1903 starben auf der kanadischen Insel Southampton Island die Letzten aus dem isolierten Volk der Sadlermiut. Zeitgenössische Beschreibungen der von den Sadlermiut verwendeten Werkzeuge führten zur Vermutung, dieses sterbende Volk sei ein allerletzter Rest der Dorset-Kultur gewesen. Doch ihre DNA zeigt: Es waren von ihren Nachbarn gemiedene Inuit-Verwandte. (Jürgen Doppler, DER STANDARD, 29.8.2014)

  • Ehe die neuzeitlichen Europäer eintrafen, bildeten die Inuit die letzte  Einwanderungswelle in Amerikas Arktis. Vor ihnen lebten dort mehrere andere  Kulturen.
    foto: carsten egevang

    Ehe die neuzeitlichen Europäer eintrafen, bildeten die Inuit die letzte Einwanderungswelle in Amerikas Arktis. Vor ihnen lebten dort mehrere andere Kulturen.

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