Free2Play: Wie geliebte Videospiel-Klassiker ausgeschlachtet werden

7. September 2014, 12:00
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"Dungeon Keeper", "Age of Empires" und Co. - immer mehr große Serien müssen für seelenlose Massenware herhalten

Es ist schon ein wenig paradox. Herausgeber kündigen endlich ein neues Spiel aus einem beliebten aber angestaubten Franchise an und Fans sind direkt erzürnt. Warum? Um Core-Gamer auf die Barrikaden zu treiben, reicht bereits die Kombination aus zwei Begriffen: "Mobile" und "Free2Play". In den letzten Monaten werden zunehmend bekannte Namen in das vermeintliche Gratis-Gewand gezwängt – koste es, was es wolle.

Inhaltslose Umsetzungen mit großen Namen

Die Veröffentlichung der Mobil-Umsetzung von "Dungeon Keeper" Ende Jänner hat gezeigt, was den großen Spielepublishern wie Electronic Arts die ehemaligen Hit-Franchises Wert sind. Der prestigeträchtige Name wird aus Marketing-Gründen übernommen, das Spielprinzip wird hingegen komplett austauschbar und auf einen konstanten Zahlungsfluss getrimmt. Ob man letztendlich "Dungeon Keeper" oder "Clash of Clans" spielt, ist vollkommen irrelevant. Die grundsätzliche Spielmechanik ist immer dieselbe.

foto: "dungeon keeper"
Die mobile Umsetzung von "Dungeon Keeper" sorgte Beginn des Jahres für einen veritablen Shitstorm.

Warten oder zahlen

Das Spielprinzip basiert dabei auf einer einfachen Regel: Warten oder zahlen. In den Tutorials werden Spieler noch mit ausreichenden Premium-Rohstoffen oder -Währungen ausgestattet und dazu animiert oder gar gezwungen, jegliche Wartezeiten durch einen einfachen Klick zu überspringen. Wer sich an diesen unterbrechungsfreien Spielstil gewöhnt, wird spätestens nach einigen Minuten Spielzeit zur Kassa geboten – konsequent und immer wieder. Denn ein Spielziel kennen solche Free2Play-Titel kaum. Ein geplantes Ende wäre ja aus Sicht des Publishers gleichbedeutend mit dem Versiegen der Einnahmequelle.

Unabhängig vom Genre

Diese Spielmechanik ist so universell, dass sie sich nach Belieben in unterschiedlichen Genres anwenden lässt. In Rennspielen wie "Crazy Taxi: City Rush" muss das Auto nach einigen Fahrten getankt werden, in Simulationen wie "Die Sims: FreePlay" müssen die Charaktere ausschlafen und in Aufbauspielen wie "RollerCoaster Tycoon 4 Mobile" muss man auf die Fertigstellung von Fahrgeschäften und Gebäuden warten. Wer in solchen Spielen das unnatürliche Gameplay mit seinen zahlreichen Zwangspausen durchbrechen will, muss laufend echtes Geld investieren.

foto: "crazy taxi city rush"
Vom Dreamcast-Klassiker zur wenig spaßigen Free2Play-Umsetzung: Crazy Taxi City Rush

Supercell fährt mehr Gewinn ein als EA

Dass immer mehr große Spielepublisher auf Free2Play-Modelle setzen, überrascht dabei kaum. Auch im harten Games-Business zählen schließlich die nackten Zahlen und damit der Druck der Investoren. Wenn nun ein vergleichsweise kleines Unternehmen wie Supercell, der Entwickler hinter "Clash of Clans" und "Hay Day", im Jahr 2013 mehr Gewinn erwirtschaftet, als der Branchenriese Electronic Arts (336 zu 260 Millionen Euro), wird man wohl zum Handeln gezwungen.

Free2Play-Spiele dominieren die App-Store-Charts

Das Free2Play-Modell scheint sich dabei bereits auszuzahlen, wenn nur ein kleiner Teil der Millionen an Spieler die Kreditkarte zückt. So soll der durchschnittliche "Clash of Clans"-Spieler im letzten Jahr gerade einmal 1,31 US-Dollar in das Spiel investiert haben – wohl nur ein Bruchteil des Umsatzes, den Electronic Arts im Durchschnitt pro Kunden einfährt. Das Konzept "einige werden schon zahlen" kann jedoch nur aufgehen, wenn das Spiel auch eine sehr hohe Verbreitung erreicht. Ein kurzer Blick in die App-Store-Charts offenbart: Die Top-50 der umsatzstärksten Spiele werden – mit Ausnahme von "Minecraft" – ausschließlich von "kostenlosen" Free2Play-Spielen dominiert.

foto: clash of clans
Die Spiele von Supercell erreichen Millionen an Spielern.

Bekannte Namen als Download-Anreiz

Um die Download-Zahlen in die Höhe zu treiben, sind den Herausgebern viele Mittel Recht – zig Werbespots im Fernsehen, ständige Marketingkampagnen in Facebook oder eben der Missbrauch bekannter Markennamen. Die Namen einst großer Spiele bzw. Franchises wie "Dungeon Keeper", "Crazy Taxi", "RollerCoaster Tycoon" oder "Theme Park" verkommen zu reinen Download-Anreizen. Da die Franchises schon zuvor teilweise faktisch tot waren, ist der potentiell angerichtete Image-Schaden wohl unbedeutend.

Kein Ende in Sicht

Ein Ende der Free2Play-Umsetzung bekannter Marken scheint nicht in Sicht. Bereits im September soll "Age of Empires: Castle Siege", offenbar der nächste "Clash of Clans"-Klon, erscheinen. Ebenfalls in den Startlöchern steht die iPad-Umsetzung des Aufbauspiels "ANNO", die zu Testzwecken bereits im kanadischen App Store erhältlich ist. Aber auch prestigeträchtige Entertainment-Marken wie "Die Simpsons", "Ice Age", "Game of Thrones" oder – als aktuelles Beispiel – "Star Wars" müssen für Free2Play-Umsetzungen herhalten.

foto: "age of empires: castle siege"
Noch im September wird "Age of Empires: Castle Siege" für Windows Phone 8 und Windows 8 erscheinen.

Kostenlos muss nicht schlecht sein

Trotz der zahlreichen negativen Beispiele ist Free2Play jedoch allen voran ein Vertriebsmodell, und keine gänzlich festgeschriebene Spielmechanik. Gewisse Spielprinzipien, wie etwa das Fehlen eines wirklichen Spielziels, sind Free2Play-Spielen zwar häufig gemein, die Umsetzung im Detail erlaubt den Entwicklern aber einen gewissen Freiraum.

Als Positivbeispiele seien etwa das Kartensammelspiel "Hearthstone: Heroes of Warcraft", die Panzersimulation "World of Tanks" oder die MOBAs "League of Legends" und "Dota 2" genannt, die sich auch im internationalen E-Sport einen Namen gemacht haben. Selbst Electronic Arts hat mit "Plants vs. Zombies 2" bewiesen, dass man Free2Play-Spiele mit relativ wenigen und vergleichsweise unauffälligen Bezahlschranken ausstatten kann.

foto: "star wars: commander"
Jüngstes Beispiel einer seelenlosen Free2Play-Umsetzung: "Star Wars: Commander"

Free2Play, Micropayments und Co.

Die Orientierung am Casual-Markt und die Ausschlachtung bekannter Spielserien könnte jedoch den Eindruck erwecken, dass es um die Spielebranche für die klassischen Core-Gamer sehr schlecht steht. Zusätzlich implementieren Publisher Micropayments zunehmend auch in Vollpreistitel – zuletzt wurden entsprechende Pläne für den Mehrspielermodus von "Dragon Age: Inquisition" bekannt.

Allzu schlimm wiegt dieser Wandel im Games-Business aber letztlich trotzdem nicht. Zwar muss man sich als Core-Gamer zunehmend von altbekannten Marken und den mittlerweile zu Milliarden-Konzernen angewachsenen Publishern verabschieden, dafür boomen die Indie-Games-Branche und kleine Entwicklerstudios umso mehr. Der Nachschub an hochkarätigen Spielen wird auch in Zukunft gesichert sein. (Martin Wendel, derStandard.at, 7.9.2014)

  • Bereits im September erscheint "Age of Empires: Castle Siege" – offenbar der nächste "Clash of Clans"-Klon.
    foto: microsoft studios

    Bereits im September erscheint "Age of Empires: Castle Siege" – offenbar der nächste "Clash of Clans"-Klon.

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