Prozess in Wien: Invalider als Opfer von Menschenhandel

28. August 2014, 15:07
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Zwei Frauen und ein Mann sind angeklagt, einen Schwerstinvaliden durch Schläge zum Betteln gezwungen und ihn bewacht zu haben. Die beiden Hauptangeklagten leugnen

Wien - Die angeklagte Doina K. muss ein wirklich herzensguter Mensch sein, der niemandem einen Wunsch abschlagen kann. Das ist zumindest die Quintessenz ihrer Aussage vor dem Schöffensenat unter Vorsitz von Ulrich Nachtlberger, vor dem die 36-Jährige wegen des Vorwurfs des Menschenhandels sitzt.

Gemeinsam mit ihrem mitangeklagten Lebensgefährten und ihrer Schwester als Helferin soll sie einen schwerstbehinderten Rumänen dazu gebracht haben, in Wien zu betteln. Indem ihr Freund ihn verprügelte und sie ihn kontrollierte. Während K. und ihr Freund Florin S. das leugnen, gesteht die Schwester ihre Hilfsdienste ein.

Auf Bahnhof kennengelernt

K. verkaufte in ihrer Heimat Rumänien Holzlöffel und bekam Sozialhilfe - 50 Euro im Monat, erzählt sie. Dann habe sie Stefan-Cristian I. auf einem Bahnhof kennengelernt. Wo er gebettelt habe. Als durchaus auffällige Erscheinung: Seit einem Zugunglück fehlen ihm beide Beine und ein Arm, an der anderen Hand hat er nur noch drei Finger.

"Ich hatte Mitleid mit ihm", sagt die Angeklagte. Und als er sie bat, ihn mit nach Hause zu nehmen, stimmte sie zu. Das Zuhause war das elterliche Haus mit vier Zimmern, wo auch ihre Kinder lebten.

"Und dann kommen Sie eines Tages nach Hause und sagen: 'Schaut, wen ich da mitgebracht habe'?", fragt Nachtlberger ungläubig. So sei es aber gewesen. Der neue Gast habe sie auch zum Betteln gebracht - zwei-, dreimal pro Woche, obwohl sie das zuvor nie gemacht habe.

Hypnose und Zwillinge

"Hat Sie der hypnotisiert? Hallo? Man kann ja auch einmal Nein sagen!", wundert sich der Vorsitzende weiter. "Na, wenn er mich darum gebeten hat", lautet die Antwort der gerade mit Zwillingen vom Zweitangeklagten Florin S. Schwangeren.

Auch die nächste Bitte erfüllte sie dem Körperbehinderten: Sie heiratete ihn und fuhr mit ihm nach Österreich. Dass Florin S. mitfuhr und bei ihr im Bett schlief, habe ihren Gatten angeblich nicht sonderlich gestört.

Zu dritt habe man in Wien gebettelt, wieso Stefan-Cristian I. den Ermittlern des Bundeskriminalamts erzählte, er sei durch Schläge dazu gezwungen worden, ist ihr schleierhaft.

Warum I. Ende November, als die Polizei in die Unterkunft der Rumänen kam, Verletzungen hatte, fragt Nachtlberger. "Er war fünf Tage vorher betrunken und hat sich auf dem Reumannplatz mit einem großen Mann geschlagen", behauptet die Angeklagte. Was der Vorsitzende mit "Bei allem Respekt, der kann gar niemanden schlagen" quittiert.

Rollstuhl angekettet

Staatsanwältin Ursula Kropiunig interessiert auch, warum sie den Rollstuhl des Bettlers eigentlich an Fahrradständer gekettet habe. "Damit er nicht gestohlen wird", hört sie.

Auch der Zweitangeklagte Florin S. leugnet, erzählt aber interessanterweise eine leicht andere Geschichte. Demnach habe K. den Invaliden nicht zu ihren Eltern, sondern zu ihm mitgenommen.

Er wohnte nämlich in einem Haus, das ihm seine Eltern geschenkt haben, sagt er. Warum das aufgestockt und renoviert wurde, nachdem man seit 2009 in Wien war, kann er nicht schlüssig erklären.

Das erbettelte Geld sei jedenfalls in Wien geteilt worden, das mutmaßliche Opfer habe sich sogar am meisten herausgenommen. Allerdings habe er auch am meisten beigesteuert - als Minimum 150 Euro täglich.

Geständige Schwester

Ganz anders hört sich die Schwester der Erstangeklagten an. "Ich bin schuldig und möchte mich bei Stefan entschuldigen. Ich konnte ihm nicht helfen, weil ich Angst hatte." Angst vor ihrem Schwager und der Schwester, die sie 2013 nach Österreich geholt hatte.

Schläge habe sie nie gesehen, aber vulgäre Beleidigungen gehört. Ihre Aussagen bei der Polizei bestätigt sie, nachdem sie ihr der Vorsitzende vorhält: Florin S. sei der Chef gewesen, wäre Stefan-Cristian I. nicht freiwillig betteln gegangen, hätte man ihn sicher dazu gezwungen.

Nachtlberger vertagt schließlich auf den 16. September, da die auf Video aufgenommene Einvernahme des Invaliden mehrere Stunden dauert. (Michael Möseneder, derStandard.at, 28.8.2014)

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