Auch Superhelden haben Probleme

27. August 2014, 17:42
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Kunstgewitter und eine fulminant gefilmte Tragikomödie: Die Filmfestspiele von Venedig starteten ihre 71. Ausgabe im Zeichen der Neuerfindung mit "Birdman" von Alejandro G. Iñarritu

Die Filmfestspiele waren noch nicht offiziell eröffnet, da gab es schon eine Neuerung zu bestaunen: Die Sala Darsena, eine von vier Spielstätten am Lido, ursprünglich in den frühen 1950er-Jahren als Freiluftkino-Arena erbaut, später mit einer Blechhaut in den Stand eines Großcontainers erhoben, präsentierte sich schon Dienstagabend in neuem Glanz, luftiger, neu ummantelt und bestuhlt - und technisch aufgerüstet.

Biennale-Präsident Paolo Baratta persönlich ließ dem Publikum im nun 1409 Plätze bietenden Saal den Surround-Sound um die Ohren wandern: Ein Musikstück und Gewitterdonner wurden nacheinander akustisch im Saal herumgeschickt. Einer spannte den Regenschirm auf.

Laut Festival hat die Stadt Venedig in den Um- und Ausbau sechs Millionen Euro investiert, und man kann nun endlich einmal sichtbare Ergebnisse vorweisen, nachdem von den großen Ausbauplänen der letzten Jahre vor allem eine nach wie vor klaffende Baugrube blieb. Zu diesen paradoxen Realitäten darf man auch zählen, dass als erstes Screening in der Sala Darsena dann ein italienischer Stummfilmklassiker (mit einer leider unstimmig wirkenden jazzigen Live-Begleitung) folgte: Maciste alpino von 1916 ließ den gleichnamigen Kraftlackel und Filmserienhelden an der Dolomitenfront im Alleingang eine österreichische Kompagnie besiegen und dabei mit Felsen, Pferden oder Menschen um sich werfen.

Maciste quält schnell einmal der Hunger, heutige Superhelden haben noch ganz andere Probleme. Davon erzählte dann am Mittwoch der eigentliche Eröffnungsfilm des Festivals, Birdman. Michael Keaton spielt in der Tragikomödie des Mexikaners Alejandro G. Iñarritu einen ausgelaugten Hollywoodstar: Mit der Rolle des Birdman ist er berühmt, aber nicht unbedingt glücklich und auch nicht dauerhaft erfolgreich geworden. Nun hat er Raymond Carvers Erzählband What We Talk About When We Talk About Love für die Bühne adaptiert und arbeitet jetzt am ehrwürdigen St. James Theatre am Broadway als Regisseur und Darsteller bereits an den Voraufführungen seines Stücks.

Die Krise dieses Mannes wird auch als Krise eines Unterhaltungskinos erzählt, das sich auf die serielle Produktion von Superheldenabenteuern konzentriert. Als wenige Tage vor der Premiere dringend ein Ersatz für einen der Darsteller gefunden werden muss, scheint aus diesem Grund zunächst keiner der Wunschkandidaten verfügbar. Iñarritu setzt solche Kommentare aber eher vordergründig ein, als dass er daraus weitere Erkenntnisse gewinnen würde. Lieber lässt er seine Schauspielerinnen und Schauspieler - neben Keaton ein All-Star-Cast mit Edward Norton, Naomi Watts, Emma Stone u. a. - immer wieder virtuos den Aufbau von Situationen und Stimmungen und deren Umsturz performen. Vermeintlich authentische Emotionen können sich im nächsten Moment als Ergebnis höchster Darstellungskunst entpuppen.

Geschmeidige Übergänge

Das ist fesselnd zu verfolgen. Die Geschmeidigkeit des Erzählfortgangs ist aber vor allem dem Konzept des Films und dessen Umsetzung durch den Kameravirtuosen Emmanuel Lubezki zu verdanken: Jeder Akt der Geschichte wird in einer einzigen langen Aufnahme erzählt, die noch dazu so nahtlos und geschmeidig in die nächste überführt wird, dass (fast) der ganze Film wie eine ununterbrochene Bewegung wirkt.

Die Architektur des Theatergebäudes, der Bereich hinter der Bühne, die Gänge und das Treppauf-Treppab ergeben so einen genuin filmischen Raum, während die Darsteller vor der Kamera sozusagen eine Liveperformance geben. Der Inhalt des Films oder die Charakterisierung der Figuren, die dann doch mehr Typen sind, können mit der Ausgeklügeltheit der filmischen Form nicht wirklich mithalten; ein dynamisches, mitreißendes Kinostück ist Iñarritu, Lubezki und dem Cast allemal gelungen. (Isabella Reicher, DER STANDARD, 28.8.2014)

  • Michael Keaton als ausgelaugter Hollywoodstar (li.) und Edward Norton in Alejandro G. Iñarritus Tragikomödie "Birdman", dem Eröffnungsfilm der Filmfestspiele von Venedig.
    foto: alison rosa

    Michael Keaton als ausgelaugter Hollywoodstar (li.) und Edward Norton in Alejandro G. Iñarritus Tragikomödie "Birdman", dem Eröffnungsfilm der Filmfestspiele von Venedig.

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