Was "Augustin"-Verkäufer verdienen

4. September 2014, 08:58
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Die Wiener Straßenzeitung wird von Personen verkauft, die aus verschiedensten Gründen vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen sind. Die Hälfte des Erlöses geht an den Verkäufer

Verkäufer der Wiener Straßenzeitung "Augustin" bieten die Zeitung potenziellen Kunden aktiv oder passiv an und verkaufen sie an Stammkunden und Laufkundschaft im Rahmen des Sozialprojekts. Für ihre Tätigkeit stehen sie entweder auf öffentlichen Plätzen mit guter Frequenz, wie etwa bei U-Bahn-Stationen oder Supermärkten, oder sprechen Kunden in Lokalen und Gastgärten aktiv an. Ausmaß und Lage der Arbeitszeiten, Verkaufsstil und der Ort der Verkaufstätigkeit können vom Verkäufer selbst gewählt werden. Rund 20 Prozent der "Augustin"-Verkäufer sind weiblich.

Die wesentliche Bedingung für die Tätigkeit als "Augustin"-Verkäufer ist die soziale Bedürftigkeit. Eine besondere Ausbildung oder Erfahrung ist nicht erforderlich, auch keine Deutschkenntnisse. Da es sich beim Verkauf des "Augustin" um kein Dienstverhältnis handelt, ist auch keine Arbeitserlaubnis notwendig.

Vertragsfähigkeit

Gefordert ist hingegen ein Minimum an Vertragsfähigkeit. Dazu zählt insbesondere die Kontrolle über das eigene Suchtverhalten, das Verbot des Verkaufs unter Einfluss von Alkohol und anderen Suchtmitteln und das Einhalten eines Minimums an sozialen Verhaltensregeln, vor allem im Umgang mit potenziellen Kunden.

Für den wirtschaftlichen Erfolg sind verkäuferisches Talent, Freundlichkeit und Höflichkeit, Kontaktfähigkeit, Kommunikationsfreudigkeit, ein hohes Maß an Frustrationstoleranz und die Bereitschaft zur Arbeit am Wochenende und unter unterschiedlichen Witterungsbedingungen hilfreich.

Zusatzeinkommen

Der Verkauf der meist 14-tägig erscheinenden Straßenzeitung hilft Menschen, die aus verschiedenen Gründen vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen sind, wie insbesondere Obdachlosen, Langzeitarbeitslosen und Asylwerbern, ihre finanzielle Not zu lindern. Allerdings dürfen die Verkäufer nicht ausschließlich von den Verkäufen leben oder davon abhängig sein. Dieses Zusatzeinkommen darf nur als "sozialtherapeutisches Taschengeld" dienen. Die Haupteinkommen von "Augustin"-Verkäufern sind insbesondere Mindestsicherung, Arbeitslosengeld, Pension und Leistungen an Asylwerber.

"Augustin"-Verkäufer erwerben die Zeitungen für 1,25 Euro vom Herausgeberverein und verkaufen sie für 2,50 Euro. Sie behalten somit die Hälfte des Verkaufserlöses der verkauften Zeitungen zuzüglich allfälliger Trinkgelder.

40.000 Zeitungen pro Monat

Insgesamt werden pro Monat 40.000 Zeitungen von rund 400 Personen verkauft, im Schnitt also 100 Exemplare pro Verkäufer. Daraus resultiert über alle Verkäufer betrachtet ein durchschnittliches, steuerfreies Einkommen von 125 Euro pro Monat.

Die Anzahl der eingekauften bzw. verkauften Zeitungen ist jedoch je nach Verkäufer sehr unterschiedlich. Manche Personen verkaufen die Zeitung regelmäßig, andere verkaufen nur gelegentlich rund zehn Exemplare pro Monat aus akutem Geldbedarf. Eine weitere Gruppe kehrt zur Verkaufstätigkeit nach einem mehr oder weniger kurzen Arbeitsverhältnis, AMS-Kurs oder Aufenthalt bei der eigenen Familie im Ausland wieder zurück.

Als Richtwert für Personen, die rund 40 Stunden pro Woche in den Zeitungsverkauf investieren, gelten zehn verkaufte Zeitungen pro Tag bzw. 200 verkaufte Exemplare pro Monat. Für diese Personengruppe bewegt sich das durch den Verkauf von "Augustin"-Zeitungen erwirtschaftete Einkommen im Schnitt bei 250 Euro netto pro Monat zuzüglich allfälliger Trinkgelder. (Conrad Pramböck, derStandard.at, 28.8.2014)

Conrad Pramböck ist Experte für Gehalts- und Karrierefragen. Er leitet bei der Personalberatung Pedersen & Partners den Geschäftsbereich Compensation Consulting.

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