1.400 Missbrauchsfälle in Großbritannien blieben jahrelang ungeahndet

27. August 2014, 16:00
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Polizei und Behörden führten aus Angst vor Rassismusvorwürfen keine Ermittlungen durch

In Großbritannien sieht sich die entsetzte Öffentlichkeit erneut mit einem Missbrauchsskandal konfrontiert. Das jahrzehntelange Wegschauen geschah im jüngsten Fall aber nicht wegen der Prominenz der Straftäter wie beim früheren BBC-Moderator Jimmy Savile, sondern wegen ihrer ethnischen Zugehörigkeit, resümiert der Bericht einer Kommission über die Zustände in der nordenglischen Stadt Rotherham.

Dort konnten Briten pakistanischer Herkunft ungestört minderjährige Mädchen vergewaltigen und missbrauchen, weil Hilfsorganisationen und Strafverfolger vor dem Vorwurf des Rassismus Angst hatten. "In vielen Fällen wurden Beweise unterdrückt oder ignoriert", resümiert Untersuchungsleiterin Alexis Jay.

Opfer waren bekannt

Der Professorin zufolge wurden im Zeitraum zwischen 1997 und 2013 mindestens 1400 Minderjährige von der Straße geholt. Rund ein Drittel der Opfer waren den Behörden bekannt, galten also ohnehin als gefährdet oder lebten in städtischen Unterkünften.

"Sie wurden von mehreren Tätern vergewaltigt, in anderen Städten herumgereicht, entführt, geschlagen und eingeschüchtert." Jugendliche wurden mit Benzin übergossen oder mit Waffen bedroht; manche mussten Massenvergewaltigungen mit ansehen.

Dabei gingen die Sexualverbrecher stets nach derselben Methode vor: Über Jahre hinweg zogen die Männer junge Mädchen in ihren Bann, die aus chaotischen Verhältnissen stammten und nachts ohne Aufsicht auf der Straße herumlungerten.

Üblicherweise wurden bei der ersten Kontaktaufnahme Handynummern ausgetauscht, bei späteren Treffen kreisten Wodkaflaschen und Joints. "Ich wurde zunächst gut behandelt und war total begeistert. Später haben sie mich in jeder Hinsicht missbraucht", berichtete ein 16-jähriges Opfer.

Auch Zuhälterei

Die Gang-Mitglieder beschränkten sich nicht auf Gewalt, sondern betätigten sich auch als Zuhälter: Scotland Yard zufolge erzielten sie dabei Gewinne von bis zu 377.000 Euro pro Jahr. Die Täter hätten ihre Opfer "behandelt, als wären sie wertlos und keinerlei Respekts würdig", urteilte ein Liverpooler Richter.

Ähnlich verhielt sich vielerorts auch die Polizei. "Den Zeugenaussagen der Opfer wurde überhaupt kein Glauben geschenkt", analysiert Jay. Die Rotherhamer Stadtverwaltung brachte Sozialarbeiter, die auf das Thema hinwiesen, zum Schweigen.

"Der erstickende Mantel des Schweigens wurde über einen üblen Skandal gebreitet", urteilt der frühere Unterhausabgeordnete für Rotherham, Denis MacShane. "Dafür schäme ich mich."

Das rund 120.000 Einwohner zählende Rotherham in Süd-Yorkshire gehört wie Rochdale und Oldham zu einer Vielzahl heruntergekommener einstiger Industriestädte in Nordengland, wo weiße Mehrheit sowie Einwanderergruppen aus Pakistan und Bangladesch vielerorts ohne jeden Berührungspunkt nebeneinander her leben. Im Klima von Sprachlosigkeit und gegenseitigem Misstrauen kann kein Dialog über Probleme entstehen, die eigentlich alle etwas angehen.

Rücktritt am Mittwoch gefordert

Hinzu kommt: Wie viele ähnliche Städte war auch Rotherham seit Jahrzehnten eine Einparteienstadt im Griff der Labour Party. Zuletzt erregte die Stadtverwaltung Aufsehen dadurch, dass sie zwei Mitgliedern der UKI-Partei wegen deren politischer Ansichten als Pflegeeltern für ein verwahrlostes Kind ablehnte.

Der Labour-Chef der Stadtverwaltung, Roger Stone, trat unmittelbar nach Jays Bericht zurück. Unter Druck steht auch der früher für Jugendschutz zuständige Stadtrat Shaun Wright. Er war bis 2010 für den Kinderschutz zuständig und dient heute als Leiter der Polizeiaufsichtsbehörde. Am Mittwoch forderten mehrere Stadträte seinen Rücktritt. "Wenn ich damals gewusst hätte, was ich heute weiß, dann hätte eindeutig mehr getan werden können", sagte Wright dem Sender Sky News. (Sebastian Borger aus London, DER STANDARD, 28.8.2014)

  • Artikelbild
    foto: reuters
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