Diskursherrschaft und Geistesfeindlichkeit

27. August 2014, 17:08
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Für Ungarns Regierung ist eine autonome, selbstbewusste oder gar widerständige Kultur unerwünscht

Seit einem Jahr ist Attila Vidnyánszky Intendant des Nationaltheaters in Budapest, doch nicht deswegen ist er der wohl mächtigste Theaterdirektor Europas. Nebenbei leitet er jenen Ministerialausschuss, der über die Zusammensetzung von Bestellungsgremien entscheidet, die über Posten wie den seinen entscheiden.

Er redet mit, wenn das von der Zweidrittelmehrheit der Rechtspartei Fidesz dominierte Parlament ein Theatergesetz beschließt. Doch vor allem genießt er das unbedingte Vertrauen des rechtspopulistischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán, der wie ein Duodezfürst über das EU-Land in der Mitte Europas herrscht.

Inszenierte Propaganda

Die Gunst des Machtmenschen Orbán hat sich der Theatermacher aus der ungarischsprachigen Ecke der Karpato-Ukraine hart erarbeitet. Als Theaterfunktionär hat Vidnyánszky mit den Boden bereitet für die "Gleichschaltung" der ungarischen Stadttheater-Landschaft und für die finanzielle Aushungerung der freien Szene. Am Nationaltheater inszeniert der Regisseur nun Regierungspropaganda. So etwa in seiner Johanna auf dem Scheiterhaufen von Paul Claudel und Arthur Honegger. Die Johanna von Orléans ist da ein Opfer der bösartigen, hinterhältigen europäischen Politik. Aber sie opfert sich auf "für die Nation, für die Heimat, im Namen Gottes", wie Vidnyánszky in den Medien erklärte.

In einer Szene lässt er die Übeltäter mit überdimensionierten Spielkarten agieren, auf denen Karikaturen von EU-Parlamentariern zu sehen sind: Martin Schulz, Daniel Cohn-Bendit, Rui Tavares. Sie alle sind Kritiker des Demokratieabbaus, den Orbán in Ungarn durchexerziert. Orbán wiederum hat den "Freiheitskampf gegen Brüssel" ausgerufen, weil ihn die Regeln und Werte der Union bei seinem Projekt der Herstellung von Alleinherrschaft - dem er den aparten Namen "illiberale Demokratie" verpasst hat - stören.

Als Orbán 2010 nach einer Krise der demokratischen Linken in Ungarn an die Macht gewählt wurde, etikettierte er den Regierungswechsel zur "Wahlkabinen-Revolution" um.

Die neue Verfassung, die seine Zweidrittelmehrheit durchs Parlament peitschte, stellt die Politik auf eine ethnozentrische Grundlage. Aufgabe der Regierung ist es in Orbáns Selbstverständnis, die Ungarn zu "führen" und die "ungarische Nation wiederzuvereinigen", das heißt, die nach dem Ersten Weltkrieg gezogenen Staatsgrenzen für irrelevant zu erachten. Orbán bedient sich eines Vokabulars des revolutionären Bruchs, der Abwendung vom Europa der Aufklärung. Individualismus ist verpönt, die Ungarn müssen im Kollektiv zusammenleben. Sie sind "in den Turul hineingeboren", meinte Orbán unter Bezug auf den Mythenvogel der Ur-Magyaren.

Gegenaufklärung

Orbán und seinen Beratern geht es um die Etablierung eines gegenaufklärerischen, klerikal-völkischen Herrschaftsdiskurses. Dazu bedarf es brachialer Methoden. "An die Stelle der Kultur treten politische Symbole", schreibt der Politikwissenschafter András Bozóki von der Central European University in Budapest in einer Studie. "In dieser Auffassung ist die Kultur kein Raum autonomer Tätigkeiten, sondern ein Mittel der Politik."

Kulturelle Eliten sind auszuwechseln, Institutionen zu okkupieren, selbstverwaltete Entscheidungsgremien zu liquidieren. Eine richtige Kulturpolitik und Kulturstrategie gibt es im System Orbán trotzdem nicht. Günstlinge wie Vidnyánszky können großzügig gefördert, andere ideologische Mitläufer hingegen finanziell ebenso ausgehungert werden wie die Unangepassten.

Mehrere Machtzentren konkurrieren - von Orbán bewusst so gewollt - um Entscheidungsbefugnisse und immer knapper werdende Geldmittel für kulturelle Patronage: das Kulturstaatssekretariat im Supersozialministerium von Orbáns Hauspfarrer Zoltán Balog, ein weiterer Kulturstaatssekretär in Orbáns Ministerpräsidentenamt, die ultrarechte Ungarische Kunstakademie (MMA) mit dem Antisemiten György Fekete an der Spitze. Kohärenz wird man hier vergeblich suchen.

Freundeskreis

Nicht schaden kann es, dem Freundeskreis von Orbán anzugehören. Die vor 2010 recht gut funktionierende Filmindustrie wurde zerschlagen, um die alleinige Verfügungsgewalt über die staatlichen Filmgelder dem abgehalfterten Hollywood-Produzenten Andrew Vajna zuzuschanzen. In den letzten Jahren wurden kaum mehr ungarische Filme mit ungarischem Geld gedreht.

Letztlich frönen aber Orbán und seine Entourage einer populistischen Geistesfeindlichkeit. Von 2010 bis 2012 senkte die Regierung die Kulturausgaben der öffentlichen Hand von 79 Milliarden Forint (255 Millionen Euro) auf 51 Milliarden Forint, was einer Kürzung von 35 Prozent entspricht. Solange sich Kultur für politische Ziele instrumentalisieren lässt, ist sie erwünscht. Darüber hinaus wird sie nicht gebraucht. Orbán lässt stattdessen Fußballstadien bauen. (Gregor Mayer, DER STANDARD, 28.8.2014)

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