"In die Fankultur darf man sich nicht wirklich einmischen"

Interview1. September 2014, 10:17
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Baumeister Manfred Tromayer will die Baustellen beim Wiener Sportklub auf Vordermann bringen. Der Präsident des Ostligisten über das Stadion, Sportliches und Finanzen

Standard: Das Stadion des Wiener Sportklubs bröckelt seit Jahren vor sich hin und wird nicht zuletzt dank eifriger Unterstützung der Fans vor dem kompletten Verfall bewahrt. Wie ist der Stand der Dinge hinsichtlich Neubau?

Manfred Tromayer: Wir haben seit einem Jahr mehr als 50.000 Euro investiert, um den Betrieb des Stadions und des Trainingszentrums aufrechtzuerhalten, die vielen Helfer aus dem Fanbereich gar nicht mitgerechnet. Sanieren macht aber keinen Sinn mehr, das kommt teurer wie ein Neubau. Wir hatten unzählige Gespräche mit der Stadt, mit dem Bezirk und dem Magistrat. Mittlerweile haben wir mehrere Konzepte vorgelegt, jetzt eben kommt ein weiteres, abgespecktes hinzu und dann habe ich alles getan. Wenn ich eine Milchmädchenrechnung aufstellen darf, dann denke ich, dass uns als Drittligist ein Drittel der Summen, die Rapid oder Austria bekommen, zustehen. Bekommen wir das, kann ich morgen den Bagger bestellen.

Standard: Es spießt sich also vor allem an der finanziellen Unterstützung der Stadt?

Tromayer: Ja, nur am Geld. Unser Vorschlag beinhaltet eine multifunktionelle bis zu 6.000 Zuschauer fassende Mehrzweckhalle. Vergleichbares gibt es in den Bezirken 16 bis 19 nicht und es gäbe Zuschüsse von der Wohnbauförderung.

Standard: Welche Pläne verfolgt die Stadt?

Tromayer: Vor dem Sommer kam der Vorschlag, wieder zurück zum Start zu gehen, also zu einem Konzept, das von den Fans schon vor eineinhalb Jahren abgelehnt wurde. Statt der aktuell genehmigten 7.350 Zuschauer wollte man auf 3.500 bis 4.000 reduzieren und wir hätten 15.000 Quadratmeter als Wohnfläche zur Verfügung stellen müssen. Sechs Stockwerke über den Tribünen, wie im ersten Konzept vorgesehen, können nicht funktionieren und werden hier auch nie gebaut werden. Es wundert mich, dass man dies noch immer in den Hinterköpfen hat. Noch dazu wäre das Stadion im Falle des Aufstiegs nicht lizenztauglich. Dass man dieses Konzept nicht annehmen kann ist logisch. Von Seiten der Stadt will man sich mit uns aber wieder zusammensetzen, das Wohlwollen ist da, das Geld zumindest im Moment nicht.

Standard: Wird es das Vereinslokal Flag auch nach dem Neubau geben?

Tromayer: Natürlich, das ist ein einzigartiges Kulturgut, das muss bleiben.

Standard: Wären Sie als Baumeister daran interessiert, das Stadion zu sanieren?

Tromayer: Niemals! Irgendwelche Leute würden mir vorwerfen, dass ich mich bereichern würde, auch wenn ich eine Leistung zum halben Preis anbieten würde.

Standard: Sportlich läuft es für den Sportklub aktuell ganz gut. Ihr Resümee nach den Auftaktspielen?

Tromayer: Positiv, obwohl wir natürlich mit den Spielen gegen Parndorf und Vienna hadern. Gegen Parndorf hätten wir einen Punkt geholt, wenn der Elfer nicht verschossen worden wäre. Beim 0:0 gegen die Vienna waren wir feldüberlegen, das hat mir auch Ernst Dokupil bestätigt, der begeistert war von unserer Leistung. Und beim 4:4 nach 0:2-Rückstand gegen Amstetten haben wir große Moral bewiesen. Wir sind glücklich, einen wesentlichen Schritt nach vorne gemacht zu haben.

Standard: Welche Maßnahmen wurden ergriffen?

Tromayer: Wir haben die Weichen bereits im Februar gestellt, als wir trotz wirtschaftlich angespannter Situation zusätzlich in die Qualität und das Umfeld der Mannschaft investiert haben. Denn wenn man nichts sät, kann man nichts ernten. Nun beginnt das mit vorsichtigem Optimismus zu greifen. Der komplette sportliche Bereich wurde neu aufgebaut. Es soll nicht mehr jedes halbe Jahr die halbe Mannschaft oder der Trainer ausgetauscht werden, wir wollen langfristiger planen, damit ein Team mit Zusammenhalt entsteht.

Standard: Sie weisen auf Fehler Ihrer Vorgänger hin?

Tromayer: Ich habe bei meiner Wahl Ende Juni 2013 gesagt, dass ich keine Schmutzwäsche waschen will. Ich habe mir aber sehr wohl die genauen Daten der letzten fünf Jahre angesehen und gemerkt, dass ein anderer Weg eingeschlagen werden muss. Das Kapital sind die Spieler, wenn aber kein Geld dafür zur Verfügung steht, dann wird es schwer.

Standard: Ist die aktuelle finanzielle Situation überschaubar?

Tromayer: Summa summarum beliefen sich die Schulden zunächst auf eine knappe halbe Million Euro. Derzeit allerdings stehen wir bei einem Minus von 150.000 Euro, was zeigt, dass wir den richtigen Weg beschreiten. Ich gehe vorsichtig schätzend davon aus, dass durch den sportlichen Erfolg auch die Zuschauerzahlen zulegen werden und dass der Sportklub am Ende der Saison im Plus da steht.

Standard: Das Testspiel gegen AS Roma, das vor über 7.000 Zusehern mit 1:4 verloren wurde, war vermutlich zumindest für die klammen Sportklub-Kassen eine Wohltat. Wie konnte man den italienischen Spitzenverein nach Dornbach lotsen?

Tromayer: Der Kontakt ist durch den sportlichen Leiter Mag. Ingo Mach zustande gekommen. Ich bin ein Mensch, der rasch und prompt agiert. Ein paar Zeilen, Datum, Unterschrift und fertig ist der Vertrag. Das prognostizierte Maximum an möglichen Einnahmen ist knapp aber doch erreicht worden. Die mediale Wirksamkeit war gewaltig und das bringt auch Geld. Ich habe auch darum gekämpft Juventus Turin zu kriegen, das aber habe ich leider nicht geschafft. Dafür aber freuen wir uns auf das Cup-Match gegen RB Salzburg und das Retourmatch gegen die Vienna.

Standard: Sind Aktionen wie "Bring einen Freund", Spendenboxen oder Lautsprecherwagen, die Heimspiele ankündigen, erfolgsversprechend?

Tromayer: Um einen Verein erfolgreich zu führen, muss man langfristig denken. Es reicht nicht, wenn nur die Spieler auf dem Platz ihre Leistung bringen, es muss auch medial etwas gemacht werden. Und die Fans müssen merken, dass etwas gemacht wird für sie. Darum habe ich ihnen das Roma-Match gewidmet. Man muss ständig in Bewegung bleiben. Die Resonanz auf den Lautsprecherwagen ist gut, das gibt es sonst nirgends und schon ist man wieder im Gespräch. Mit der anfangs belächelten Spendenbox habe ich in einem halben Jahr immerhin 18.000 Euro gesammelt. In die Fankultur aber darf man sich nicht wirklich einmischen, da sollte man vorsichtig sein.

Standard: Kann aus dem Sportklub ein Kultverein ähnlich wie St. Pauli entsteht?

Tromayer: Natürlich, das ist genau das, was ich möchte. Mir sind 1.700 Zuschauer im Schnitt bei Gott zu wenig. Meine nächste Idee, die ich in Angriff nehmen möchte, ist, dass unsere Fans Hauptsponsoren des Vereins werden. Ich denke dabei an 500 Leute, die sich mit 200 Euro oder an 1000 Leute, die sich mit 100 Euro beteiligen.

Standard: Wie sind Sie Sportklub-Fan geworden?

Tromayer: Ich lebe und arbeite im 17. Bezirk, gehe schon seit langer Zeit ins Stadion und bin auch bei Auswärtspartien dabei gewesen. Die Präsidentenwahl war eine Ruck-Zuck-Aktion. Eine Woche davor ist man an mich herangetreten. Ich habe mir die Daten angeschaut und gesagt: 'Liebe Leute, ihr seid ja mehr oder weniger in Konkurs'. Dann aber habe ich erkannt, dass ich helfen soll und muss. Anfangs war ich nicht begeistert, weil die Wirtschaftlichkeit nicht gegeben ist, das Stadion kaputt und das Trainingszentrum in einem Zustand wie im Ostblock vor 50 Jahren ist. Nichts da außer einer enormen Fankultur und einem Namen. Ich habe versucht das Amt bis zum letzten Tag abzuwehren, aber man hat mich nicht mehr ausgelassen. (Lacht)

Standard: Wie lautet das Saisonziel?

Tromayer: Die Vorgabe lautet siebter, achter Platz. Die Mannschaft und das Trainerteam haben allerdings mehr vor. Wir planen auch bereits für die Winterpause, müssen allerdings noch ein paar Spiele abwarten, dann wissen wir, wo die Reise hingeht. Der Weg muss langfristig geplant werden, ohne Wenn und Aber. (Thomas Hirner, DER STANDARD, 1.9.2014)

Manfred Tromayer (52) ist Geschäftsführer der Tromayer Bau Ges.m.b.H. und seit Ende Juni 2013 Präsident des Regionalligisten Wiener Sportklub.

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Ergebnisse und Tabelle

  • Tromayer:  "Ich gehe vorsichtig schätzend davon aus, dass durch den sportlichen Erfolg auch die Zuschauerzahlen zulegen werden und dass der Sportklub am Ende der Saison im Plus da steht."
    foto: tromayer

    Tromayer: "Ich gehe vorsichtig schätzend davon aus, dass durch den sportlichen Erfolg auch die Zuschauerzahlen zulegen werden und dass der Sportklub am Ende der Saison im Plus da steht."

  • Das Gastspiel der AS Roma, das über 7.000 Besucher nach Wien-Dornbach lockte, betrachtet Tromayer als Zuckerl für die Fans.
    foto: apa/ punz

    Das Gastspiel der AS Roma, das über 7.000 Besucher nach Wien-Dornbach lockte, betrachtet Tromayer als Zuckerl für die Fans.

  • Roma-Kapitän Miralem Pjanic hinterließ in Dornbach Spuren.
    foto: sportklub

    Roma-Kapitän Miralem Pjanic hinterließ in Dornbach Spuren.

  • Am Freitag bekamen die Zuseher ein packendes 4:4 (2:2) gegen SKU Amstetten serviert. (Im Bild das Tor von Rafael Pollack zur zwischenzeitlichen 3:2-Führung). In der Tabelle liegt der Sportklub nach fünf Runden hinter Amstetten und unmittelbar vor der Vienna auf Platz sieben.
    foto: standard\hirner

    Am Freitag bekamen die Zuseher ein packendes 4:4 (2:2) gegen SKU Amstetten serviert. (Im Bild das Tor von Rafael Pollack zur zwischenzeitlichen 3:2-Führung). In der Tabelle liegt der Sportklub nach fünf Runden hinter Amstetten und unmittelbar vor der Vienna auf Platz sieben.

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