Syrien-Bericht der UNO erhebt schwere Vorwürfe gegen beide Seiten

27. August 2014, 17:09
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Armee setzte Chlorgas gegen Wohngebiete ein – Auch Rebellen begingen Kriegsverbrechen

Genf - Ein am Mittwoch von der Syrien-Untersuchungskommission der UNO veröffentlichter Bericht erhebt schwere Vorwürfe gegen die Jihadistengruppe Islamischer Staat, andere Aufständische sowie die syrische Armee. So wird aus Gebieten im Norden und Nordosten des Landes, die unter Kontrolle der IS stehen, von regelmäßigen Hinrichtungen, Amputationen, Auspeitschungen und Kreuzigungen berichtet.

An Freitagen werden in den Provinzen Aleppo und Raqqa, wo die IS ihr Machtzentrum hat, Menschen öffentlich hingerichtet, so der 45-seitige UN-Bericht, der im September dem Menschenrechtsrat präsentiert werden soll. IS-Kämpfer zwingen demnach die lokale Bevölkerung, die Hinrichtungen zu verfolgen, die Leichen werden dann zur Abschreckung tagelang an Kreuzen aufgehängt. Auch Steinigungen sind dokumentiert.

Enthauptungen, Auspeitschungen, Prügelstrafe

Laut UN sind Fälle belegt, in denen 15-Jährige enthauptet wurden. Männer, die in der Öffentlichkeit rauchten, und Frauen, deren Kleidung nicht den IS-Vorgaben entsprach, wurden ausgepeitscht. Die Prügelstrafe wurde auch für Alkoholbesitz, Verstöße gegen das Fastengebot im Ramadan und gegen Geschäftsleute verhängt, die ihren Laden während der vorgeschriebenen Gebetszeiten nicht schlossen.

Kindersoldaten

Laut UNO greifen die Rebellen auch auf minderjährige Kämpfer zurück. Teenager müssten sich an Kämpfen und Selbstmordanschlägen beteiligen, heißt es weiter. Rekrutiert und militärisch ausgebildet werden demnach Kinder ab zehn Jahren. Ein Kämpfer des Al-Abbas-Bataillons, das in der Provinz Aleppo operiert, erklärte, dass junge Knaben oft tapferer und klüger als Erwachsene seien.

Auch auf Regierungsseite werden Minderjährige für Kurier-, Wach- und Spitzeldienste eingesetzt. Wenn diese in Gefangenschaft geraten, droht ihnen zumindest Gefängnis.

Einzig der Kurdenmiliz YPG stellt die UNO ein gutes Zeugnis aus: dort seien mit 5. Juli alle Minderjährigen demilitarisiert worden.

Nicht nur IS foltert

Auch gegen andere Aufständischengruppen erhebt der UNO-Bericht schwere Vorwürfe. So entführten Mitglieder der Islamischen Front und der Al-Nusra-Front Zivilisten. In einem Fall ist dokumentiert, dass Journalisten fast ein Jahr in Geiselhaft gehalten wurden. Ein Reporter wurde mehrere Stunden an den Händen aufgehängt und auf die Fußsohlen geschlagen.

Folter und Mord durch Regierung

Der syrischen Regierung wirft der Bericht vor, in Gefangenenlagern auf dem Flughafen Mezzeh und in Sednaya sowie in Militärgefängnissen Häftlinge zu foltern. Immer wieder würden Gefangene an der unmenschlichen Behandlung sterben, den Angehörigen werde dann lediglich mitgeteilt, der Betroffene habe einen Herzinfarkt erlitten. Die Herausgabe der Leichen in Haft Verstorbener werde regelmäßig verweigert. Es sind Fälle dokumentiert, in denen Zwölfjährige gefoltert wurden, bis sie ihren Verletzungen erlagen.

Für ihre Arbeit griff die UNO-Kommission auch auf Aufnahmen eines ins Ausland geflohenen syrischen Fotografen zurück, der im Regierungsauftrag tausende Leichen fotografierte (DER STANDARD berichtete). Auf einigen Bildern gelang es Experten, Gebäude zu identifizieren. So soll ein guter Teil der Aufnahmen aus dem Militärspital 601 in Damaskus stammen.

Chlorgas gegen Wohngebiete

Der syrischen Armee wirft die UNO vor, Chemiewaffen in Wohngebieten eingesetzt zu haben. Das soll im Lauf des April insgesamt acht Mal im Osten des Landes geschehen sein, bei dem eingesetzten Kampfstoff handle es sich "wahrscheinlich um Chlor".

"Es gibt berechtigte Vermutungen anzunehmen, dass chemische Waffen - wahrscheinlich Chlor - eingesetzt wurden", heißt es in dem Bericht. Hubschrauber der syrischen Armee sollen dem Fassbomben abgeworfen haben, die den Kampfstoff enthielten.

Dadurch wurden am 11. April in der Stadt Kafr Zita etwa 200 Menschen verletzt und zwei getötet. Die syrische Regierung warf damals den Aufständischen vor, hinter dem Angriff zu stehen.

Düsterer Ausblick

Während es Regierungstruppen und Rebellen zwar gelinge, Gebietsgewinne zu erzielen, sei langfristig keine der Konfliktparteien stark genug, einen militärischen Sieg zu erringen, schreibt die Untersuchungskommission.

Durch den stetigen Zustrom ausländischer Kämpfer, die Erfolge extremistischer Gruppen und die Notlage der vor den Kampfhandlungen geflohenen Zivilbevölkerung ist laut dem UN-Bericht damit zu rechnen, dass die Stabilität der Region langfristig gefährdet wird. (bed, derStandard.at, 27.8.2014)

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